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lisbethquartettFrauen im Jazz – da gibt es mehr als nur Gesang. Immer mehr Instrumentalistinnen verändern, formen und prägen die Sprache des Jazz. Ihre Musik kommt unaufdringlich daher, entwickelt aber eine enorme emotionale Wirkung.

Von Hans-Jürgen Schaal LisbethQuartettLisbeth Quartett © Jochen Quast

 orangeDas Lisbeth Quartett der Altsaxofonistin Charlotte Greve gehört zu den spannendsten leisen Bands der vergangenen Jahre. Elegisch, lyrisch, intim, aufs Nötigste konzentriert – mit diesen Attributen wird Greves Saxofonspiel oft beschrieben. Aber auch mit: deutlich, klar, intensiv. Die fein gesponnene Dynamik und differenzierte Interaktion in der Band machen alles Auftrumpfende und Prahlerische unnötig. Drei Alben und ein ECHO Jazz 2012 als „Newcomer des Jahres” dokumentieren eine Entwicklung von erstaunlicher Konsequenz. Dass nun zwei Viertel des Quartetts in den USA leben, scheint Charlotte Greve von ihrem Weg nicht abzubringen. Im Gegenteil, unter dem Namen Wood River unterhält sie inzwischen auch in Brooklyn ein festes Quartett, dem Keisuke Matsuno (g, synth), Simon Jermyn (b) und Tommy Crane (dr) angehören. Für den Februar ist das CD-Debüt der neuen Formation angekündigt.

Hans-Jürgen Schaal: Du bist in der Lüneburger Heide aufgewachsen. Wie war dein Weg zum Jazz und zum Saxofon?
Charlotte Greve: Als ich ungefähr neun Jahre alt war, spielte ich viel mit meinem Bruder – er Gitarre und ich Querflöte. In dem Zusammenhang improvisierte ich zum ersten Mal nach Gehör, ohne zu wissen, was ich da eigentlich tat. Ich hatte fast zehn Jahre lang klassischen Flötenunterricht, was mir sehr viel Spaß gemacht und wichtige Grundlagen geschaffen hat. In der 7. Klasse ging ich dann auch in die Jazz-AG der Schule, dann folgten Schul-Bigband und Jazzcombo an der Musikschule. Als ich ungefähr 16 war, wechselte ich zum Saxofon und wurde schließlich ins Landesjugendjazzorchester Niedersachsen aufgenommen. Als ich anfing, mich ernsthafter mit Jazz zu beschäftigen, hörte ich viel Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan, Paul Desmond und Cannonball Adderley. Es gab vier oder fünf Platten, die ich rauf und runter gehört habe. Etwas später kam dann Wayne Shorter dazu. Seine Musik hat mich nachhaltig inspiriert und beeinflusst.
Hans-Jürgen Schaal: Deine Intonation erinnert mich oft an klassische Saxofonisten. Charlotte GreveCharlotte Greve © Alessio Romano
Charlotte Greve: Ich hatte allerdings nie klassischen Saxofonunterricht. Doch ich habe mich von Anfang an mehr mit Sound beschäftigt als mit allem anderen.
Hans-Jürgen Schaal: Spielst du auch auf der Querflöte Jazz?
Charlotte Greve: Am Anfang habe ich Jazz sogar nur auf der Flöte gespielt, da gab es noch gar kein Saxofon bei mir. Das Saxofon kam dann auch deshalb dazu, weil ich auf der Flöte immer schlecht zu hören war. Ein relativ pragmatischer Grund – abgesehen davon, dass ich einfach gerne Saxofon lernen wollte. Nach und nach ist das Saxofon zu meinem Hauptinstrument geworden. Flöte spiele ich jetzt hauptsächlich in größeren Ensembles. Ich finde sie als Farbe immer noch schön, aber nicht mehr so sehr als Solo-Instrument.
Hans-Jürgen Schaal: In deiner Band wirkt das Saxofon oft wie der ruhende Pol. Mir scheint, dass deine Musik aus dieser Ruhe ihren hypnotischen, emotionalen Sog gewinnt. Wie steuerst du diese Wirkung?
Charlotte Greve: Ich versuche, in meiner Musik das in den Vordergrund zu bringen, was mich selbst als Hörer am meisten berührt – zum Beispiel, dass es viel Platz gibt für jeden einzelnen Musiker und seinen persönlichen Klang. Der Platz ermöglicht es auch, dass jedes Instrument die Rolle des anderen einnehmen kann und dass flexibel bleibt, welcher Klang gerade im Vordergrund steht. Auch in Stücken mit einer Art von Mini-Konzept füge ich meistens noch eine weitere Lage hinzu, die aus keiner Vorüberlegung entstanden ist, sondern rein intuitiv ist. Der emotionale Sog entsteht meiner Meinung nach aus meinem persönlichen Geschmack, aus der intuitiven Herangehensweise beim Komponieren und aus der Offenheit, mit der wir alle vier dem Material begegnen.
Hans-Jürgen Schaal: Welche Altsaxofonisten waren für dich wichtig?
Charlotte Greve: Es ging los mit Paul Desmond und Cannonball Adderley. Bei dem einen mochte ich den Sound, bei dem anderen die Phrasierung, Leichtigkeit und Energie. Charlie Parker kam erst viel später dazu und beschäftigt mich jetzt viel mehr, da ich mehr nachvollziehen kann, wie sich seine Lines bewegen. Ein weiterer großer Einfluss war und ist, gerade den Sound betreffend, Johnny Hodges.
Hans-Jürgen Schaal: Kannst du dir vorstellen, einmal aufs Tenor zu wechseln?
Charlotte Greve: Ich habe ein Tenor, aber bis jetzt keine Ambitionen, das zu meinem Hauptinstrument werden zu lassen. Wenn das Alto gut gespielt wird, mit einem kultivierten Sound, in welche Richtung auch immer, hat es eine besondere Energie, die ich auf dem Tenor ganz anders höre. Lieber versuche ich, die Qualitäten, die ein Tenor hat, aufs Alt zu übertragen, so dass es breit und rund klingt, mit einem Schimmer, einer kleinen Kante, ohne den Bauch zu verlieren.
Hans-Jürgen Schaal: Du lebst seit einiger Zeit überwiegend in Brooklyn. Was heißt das für dein Quartett?
Charlotte Greve: Überraschenderweise spielen wir mehr Konzerte mit dem Quartett, seit ich und unser Pianist Manuel Schmiedel nicht mehr in Berlin leben. Alles muss besser und weiter im Voraus geplant werden, aber da uns allen die Band sehr wichtig ist, funktioniert das gut. Wir arbeiten alle vier mit beim Organisieren der Tourneen und natürlich beim Gestalten der Musik.

Gutes, Mittelmäßiges, SchlechtesCharlotte GreveCharlotte Greve © Alessio Romano

Hans-Jürgen Schaal: Auf dem jüngsten Album Framed Frequencies ist deine Musik abstrakter geworden, die Intervallsprache sperriger. Spürt man da einen Einfluss der New Yorker Szene?
Charlotte Greve: Bestimmt hat mein Aufenthalt in New York auch mein Komponieren beeinflusst. Das bleibt nicht aus, wenn man für die Musik an einen Ort zieht, wo man dauerhaft von ihr umgeben ist. Ich glaube aber auch, dass jeder, der musikalisch nicht einschlafen will, sich ständig neue Inspirationsquellen sucht. In New York gibt es von allem viel: Die Dichte von Musikern, Genres, Szenen und Konzerten ist einfach sehr hoch – viel Gutes, viel Mittelmäßiges, viel Schlechtes. Alles ist dabei und drängt sich an dem einen Ort. Ich glaube, das wirkt sich persönlich, musikalisch und am Ende auch kompositorisch auf jeden in besonderer Weise aus.
Hans-Jürgen Schaal: Du schreibst fast alle Stücke deines Quartetts selbst. Welchen Einfluss nehmen deine Mitspieler auf die konkrete Ausgestaltung und Entwicklung der Musik?
Charlotte Greve: Es kommt darauf an, wie „fertig“ ein Stück bereits ist. Manche Stücke haben von Anfang an einen klaren Bogen, eine klare Form. Manche Stücke, die ich mitbringe, brauchen dagegen noch viel Zeit innerhalb der Band, bis wir sie gemeinsam zu einer funktionierenden Sache geformt haben. Bei „You&You“ zum Beispiel haben wir über die Zeit irgendwann einen neuen Teil zu viert entwickelt und hinzugefügt, bei „movement 4“ haben wir ewig mit Dynamik und Phrasierung herumprobiert. Stücke wie „Light / No Light“ waren dagegen von Anfang an relativ klar. Wichtig ist uns, die Stücke über einen langen Zeitraum zu spielen, bis sich der eigentliche Charakter des einzelnen Stückes komplett zeigt.
Hans-Jürgen Schaal: Würdest du zustimmen, wenn ich sage, dass du eine eher zurückhaltende Improvisatorin bist?
Charlotte Greve: Ich würde das nicht verallgemeinernd so sagen. Die Momente, in denen ich spiele, wähle ich nur genauso bewusst aus wie die Momente, in denen ich nicht spiele. Gerade die Musik, die ich mit dem Lisbeth Quartett spiele, lebt zu einem großen Teil davon, dass Raum gelassen wird für die anderen Spieler und so beispielsweise eine Solostrecke maßgeblich von den jeweils anderen dreien mitgestaltet wird. In meinen Ohren funktioniert die Musik da wie ein dauerhafter Austausch, ein gegenseitiges Ergänzen von Ideen. Und der Bogen einer improvisierten Strecke wird nicht von mir alleine, sondern von allen mitgeformt.
Hans-Jürgen Schaal: Viele junge Musiker pendeln heute zwischen New York und Europa. Hast du den Eindruck, dass hierbei ein Ausgleich entsteht, der die Unterschiede der Szenen nivelliert?
Charlotte Greve: Viele Bands bestehen aus einer Mischung von europäischen und amerikanischen Musikern. Man beeinflusst und inspiriert sich da gegenseitig und nähert sich einander dadurch natürlich auch stilistisch an. Allerdings hat der große Bereich des Straight-ahead-Jazz hier in New York einen viel höheren Stellenwert. Viel mehr Musiker sind hier damit aufgewachsen, können sich dafür begeistern und vor allem auch sehr gut auf diese Art und Weise spielen. In Europa habe ich das Gefühl, dass Sachen schnell als zu sehr Mainstream gelten – und deswegen als langweilig. Oder als zu sehr Traditional – und deswegen als überholt. Ich habe den Eindruck, dass das an einem Ort wie New York nicht so extrem ist. Musiker sind hier stilistisch breiter aufgestellt und unterschiedliche Richtungen bekommen nicht so schnell einen Genre-Stempel aufgedrückt.
Hans-Jürgen Schaal: Du hast einmal gesagt, deine Musik oder dein Spiel würden häufig als „weiblich“ bezeichnet. Gerade im männlich geprägten Jazz empfinde ich das Attribut als eine große Anerkennung, die doch besagt, dass hier andere Energien und Sensibilitäten als normalerweise ins Spiel kommen. Wie empfindest du das?
Charlotte Greve: Das Attribut „weiblich“ wird nicht immer mit einer positiven Beschreibung in Verbindung gebracht. Und dies teilweise zu Recht, finde ich. Auch wenn es mittlerweile schon unglaublich viele extrem gute und einflussreiche Musikerinnen gibt, so gibt es, glaube ich, noch mehr, die einfach nur mittelmäßig sind und den Rest damit ausgleichen, dass sie hübsch aussehen. Aber so oder so – es wird immer normaler, dass es Frauen im Jazz gibt, und das ist gut, denn so wird es irgendwann nicht mehr nötig sein, diese Tatsache zu thematisieren. Dann sind alle in einem Pott. Und am allerwichtigsten ist dann, dass die Musik gut klingt, egal welches Geschlecht dahintersteht.

Diskografie:
Lisbeth Quartett: Grow (Doublemoon / New Arts International, 2009)
Lisbeth Quartett: Constant Travellers (Traumton / Indigo, 2011)
Lisbeth Quartett: Framed Frequencies (Traumton / Indigo, 2014)