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neselovskyiVom Konzertbesucher und begeisterten Fan zum Partner – Kreise schließen sich, wenn Vadim Neselovskyi und Arkady Shilkloper zusammen musizieren.

Von Stefan PieperNeselovskyiVadim Neselovskyi und Arkady Shilkloper © Pieper

orangeWenn man diese Fanfare hört, möchte man beschwingt in jene Winterlandschaft hinauswandern, die auf dem Cover abgebildet ist. Zu den Hornklängen sprudeln Klaviertöne wie glitzerndes Wasser – vielleicht wie an einem Januartag mit sanften Sonnenstrahlen? Ob das Album Krai das Zeug für einen neuen, ausgesprochen vitalen Winter-Soundtrack hat? Für den ukrainischen Pianisten Vadim Neselovskyi ist das neue Album mit dem russischen Hornisten Arkady Shilkloper ein wahrgewordener Traum.

Um seinen bisherigen Weg wenigstens in Ansätzen darzustellen, muss Neselovskyi weit ausholen. Sein außerordentlich zügiger Werdegang hinein in eine internationale Musikerkarriere mutet wie ein ausgewogenes Dreieck aus höchster Begabung, glücklichen Fügungen und vor allem zeitintensiver täglicher Arbeit an. Von klein auf lief alles sehr stringent in seinem Leben: Einst lauschte er dem Klavierspiel seiner Pianistinnen-Mutter. Aber er wollte eigene Töne und Klänge finden. Er blieb damit nicht lange im Verborgenen, sondern wurde schon mit acht Jahren in Odessa als Jungstudent in eine Kompositionsklasse aufgenommen. Später emigrierte die Familie nach Dortmund und er begann ein Musikstudium an der Folkwang-Hochschule. Nicht zuletzt Thomas Hufschmidt wies ihm dort den weiteren Weg: „Hufschmidt erkannte, dass ich ein leidenschaftlicher Jazzer bin, aber gerade deswegen drängte er mich dazu, als zusätzliche Grundlage klassisches Klavier zu studieren.“ Dies geschah unter anderem bei Boris Bloch. Aber es zog Neselovskyi schließlich doch zu den amtlichen Kaderschmieden des Jazz. Der Deutsche Akademische Austauschdienst stellte die Weichen, so dass er schließlich am ersehnten Berkeley College einen Platz bekam. Dort ist er bis heute immer noch präsent – allerdings inzwischen als Professor.

Was Neselovskyi vor allem auszeichnet, nennt er selbst „die Fähigkeit, sich zu verlieben“ – in diesem Fall vor allem in Musik, die immer wieder neue kreative Räume öffnet. Damit einher geht, auch den Menschen zu begegnen, die hinter einer jeweiligen Musik stehen. Gary Burton gehörte einst zu diesem Kreis. Neselovskyi kaufte eine Platte des Vibrafonisten, später knüpfte er den persönlichen Kontakt. In logischer Konsequenz folgte das weitere: zusammenspielen, auf Tournee gehen, ein Album einspielen. Und vor allem: Freunde werden.

Dann kam die ECM-Platte Wave of Sorrow des Moscow Art Trio in Neselovskyis Leben und änderte vieles: „Ich ging auf jedes Konzert dieses großartigen Trios und wurde irgendwann von den Musikern auf ein Bier eingeladen. Viele Jahre später bekam ich eine Mail von deren Pianisten Michail Alperin, dass sie sich gerne mit mir unterhalten würden. Dabei hatten sie gar nicht mehr an mich als Person gedacht, sondern waren nur über meine Kompositionen im Internet auf mich aufmerksam geworden“, staunte Neselovskyi damals nicht schlecht. Eins kam zum anderen – und schließlich dazu, dass er selbst ein Duo mit Arkady Shilkloper, dem Hornisten des Moscow Art Trio, gründete. Das war nie so zu verstehen gewesen, dass Neselovskyi für Shilklopers sonstigen Duo-Partner Michail Alperin eingesprungen wäre. Dieser war phasenweise schwer erkrankt, hat sich aber zum Glück jetzt wieder erholt. „Die Stücke, die ich für dieses Duo schreibe, sind ganz anders“, betont Neselovskyi.

Seine pianistische Handschrift fokussiert das Melodische, lässt aber auch viele subtile Um- und Abwege zu – ein Element, das ihn mit Arkady Shilkloper verbindet. Konzertant und virtuos schöpft sein Spiel stark aus der klassisch-romantischen Tradition, zugleich offenbaren die Rasanz und der Assoziationsreichtum des Pianisten sämtliche Vorbelastungen durch den modernen Jazz. „Als wir angefangen haben zu spielen, war die gemeinsame Sprache sofort gefunden. Wir haben mittlerweile schon viel Zeit zu zweit verbracht und sind enge Freunde, ja Verwandte geworden.“

Ein gutes Fazit für einen Kreis, der sich schließt. Versucht man, das russische Wort Krai zu übersetzen, das dem gemeinsamen Album den Namen gibt, kann man sich der eigentlichen Bedeutung nur annähern. Ein Kreis, der einen schützend umgibt, könnte die grobe Übersetzung sein. Eine Art Heimat, vielleicht auch im spirituellen Sinne? Ein Zustand des Angekommenseins? Einst fragte sich Vadim Neselovskyi, wo er mit dem, wo er herkam, nun hinwollte: „Was kann ich in dieser Welt mit meinem kulturellen Background anbieten? Ich hatte oft nach Vorbildern gesucht“, räsoniert er. Aber er fühlte, dass es noch etwas gab, was er machen konnte. Sein persönliches Erlebnis mit Wave of Sorrow wurde zum Anschub-Motor für einen mutigen Weg, der ihn letztlich zu sich selbst führte.

Wenn sich in diesen Tagen ein russischer Hornist und ein in der Ukraine geborener Pianist begegnen, will Neselovskyi daraus keine politische Aussage ableiten. Denn die Musik solle doch über allem stehen. Vor allem, wo doch Neselovskyi die Vorstellung kindisch und absurd findet, dass sich jetzt Menschen aus sehr verwandten Kulturkreisen bekämpfen. Neselovskyi liebt seine Heimatstadt Odessa: „Die Menschen in dieser Stadt haben einen ganz speziellen Humor – mit viel Ironie. Das hilft ihnen, über den Dingen zu stehen!“

Aktuelle CD:
Arkady Shilkloper / Vadim Neselovskyi: Krai (Neuklang / edelkultur)