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kinan azmehKinan Azmeh übt mit seiner Klarinette das Recht und die Freiheit aus, zu sagen, was ihn bewegt. Will Kinan Azmeh seine Eltern besuchen, dann fährt er nicht mehr nach Hause, sondern nach Beirut. Bis vor ein paar Jahren hat er in Syrien noch Konzerte gegeben, trotz oder gerade weil dort der Krieg tobte.

 Von Ralf DöringGilad AzmehKinan Azmeh © Andy Spyra

Mittlerweile sind das Land und seine Heimatstadt Damaskus endgültig zu gefährlich geworden für ihn; seit zwei Jahren war er nicht mehr dort. Schmerzt ihn das? Mehr als das. Es hat ihn regelrecht blockiert. Doch jetzt sitzt er wieder in seiner Wohnung in New York und komponiert. An einem Liederzyklus arbeitet er derzeit, für Stimme, Cello, Klavier und natürlich für sein Instrument: die Klarinette. Zugrunde liegen Texte aus Syrien, besser gesagt von syrischen Freunden, die eines verbindet: Sie leben im Exil. Wie er.
Kinan ist zum Exilanten geworden, als er schon lange in New York gelebt hat. Er hat an der Juilliard School of Music studiert, sein Lehrer war Charles Neidich, den man ohne Übertreibung zu den wichtigsten Klarinettisten zählen kann – zu den klassischen. Denn Kinan ist zuallererst ein klassischer Musiker, der in Damaskus mit klassischer Musik aufgewachsen ist. „Die arabische Musik habe ich erst in New York für mich entdeckt, so ab dem Jahr 2000“, sagt er. Die Gründung des Trios Hewar war eine Konsequenz dieser Neugier. Heute spielt Kinan unterschiedlichste Musik. Neben dem Trio Hewar spielt die Morgenland All Star Band eine wichtige Rolle, weil in ihr Ausnahmemusiker aus Deutschland wie Frederik Köster (tp) und Bodek Janke (dr, perc) mit herausragenden Solisten aus dem arabischen Raum eine brodelnde Synthese eingehen. Ebenfalls zentral ist Yo-Yo Mas Silk Road Ensemble für ihn geworden. Und mit seiner CityBand hat er gerade in New York gespielt. „Endlich mal wieder neue Sachen“, sagt er. „Es war großartig.“


Diese CityBand firmiert unter dem Begriff Syrian Jazz. Er selbst aber sagt: „Das ist eine Kombination aus der Freiheit der Improvisation mit dem Groove des Jazz und der Sensibilität der klassischen Musik.“ Kinan Azmeh versteht sich nicht unbedingt als Jazzmusiker. Zur Improvisation hat er aber längst gefunden. Das hat mit seinem Vater zu tun: „Du kannst entweder Programmierer sein“, sagte der zu ihm, „oder du wirst programmiert.“ Kinan lernte auch Programmieren, aber das ist eine andere Geschichte.


Entscheidend ist, dass er sich die Worte des Vaters musikalisch zu Herzen nahm. Das Schlüsselerlebnis hatte Kinan dann 1992 auf einem Kammermusikkurs in New Hampshire, er war damals 16. „Wir hatten einen freien Tag, und ein Hornist fragte mich, ob ich mit ihm ein kleines Konzert in der öffentlichen Bibliothek geben würde. Ich fragte, was wir spielen würden, und er sagte: ,Irgendetwas. Du spielst einen Ton, ich spiele einen Ton.‘ Das war das erste Mal, dass ich improvisierte Musik gespielt habe.“ Eine neue musikalische Welt tat sich auf.
Wenn er heute mit seiner Klarinette einen Kirchenraum erkundet, ist das ein berührendes Erlebnis musikalischer Kontemplation. Denn zur Kreativität kommt ein lyrischer Ton, dem man die klassische Schulung anhört. Wie aus dem Nichts entstehen Klänge und schweben in zerbrechlicher Schönheit im Raum. Kinan kann aber auch einer Rockband Paroli bieten – es muss dann aber wenigstens eine mit uigurischen Musikern sein, wie sie beim Morgenland Festival in Osnabrück regelmäßig spielt. Er spielt mit der NDR Bigband oder er lässt sich mit seinem Trio Hewar auf die Renaissance-Musik der Capella de la Torre ein und vereint den musikalischen Westen mit dem Orient neu – diese Begegnung war für Kinan selbst ein Höhepunkt des letzten Jahres und unterstreicht seine stilistische Bandbreite.


Neben dieser überwältigenden Musikalität ist Kinan Azmeh ein charmanter Gesprächspartner und aufmerksamer Beobachter der Welt, in der wir leben. Dass sich diese derzeit gerade für einen Syrer von ihrer hässlichsten Seite zeigt, raubt ihm mitunter die Kraft zur Kreativität. So hat es ihn sehr bedrückt, als er während eines Gastspiels des Morgenland-Festivals im kurdischen Erbil von einem Giftgas-Einsatz im syrischen Bürgerkrieg erfahren hat. In solchen Momenten verliert er den Optimismus, der sonst von ihm ausgeht und auf seine Umgebung ausstrahlt. „Ich wusste damals nicht, wie ich abends im Konzert spielen soll“, erinnert er sich. Doch letztlich hat genau das ihm geholfen, Zorn und Traurigkeit zu verarbeiten: seine Klarinette, seine Musik – und einmal mehr gerade die Möglichkeit, sich über die Improvisation auszudrücken.


So bleibt die Musik Kinans Antwort auf das, was derzeit in Syrien, in seiner Heimat geschieht. Er organisiert und spielt auf der ganzen Welt Benefizkonzerte für Flüchtlinge; und er reist, mit einer Ladung schlichter Blockflöten im Koffer, nach Jordanien, um in Flüchtlingslagern Kinder in Workshops aufzumuntern und für die Menschen dort zu spielen. Er weiß dabei um die Grenzen seines Tuns: „Ich habe dieses Stück Holz mit seinen Silberklappen, und damit kann ich niemanden satt machen; und ich kann keine Gewehrkugel damit aufhalten. Aber ich kann mit meiner Musik Menschen zum Nachdenken bewegen und sie für einen Moment glücklich machen.“ Allerdings: „Ändert das etwas auf der politischen Landkarte?“, fragt er. Seine Antwort fällt skeptisch aus: „Vielleicht nicht.“ Doch die Klarinette bleibt Kinans Stimme. Mit ihr übt er das Recht und die Freiheit aus, seine Meinung zu sagen, und da ist derzeit jede Stimme wichtig. Gerade eine, die so berühren kann.
Aktuelle CDs:
The Silk Road Ensemble with Yo-Yo Ma: A Playlist Without Borders (Sony)
Ibrahim Keivo & NDR Bigband: Sherine (Dreyer Gaido / Note 1)
Hewar: Letters To a Homeland (Dreyer Gaido / Note 1)
Morgenland All Star Band: Dastan (Dreyer Gaido / Note 1)