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Jimi TenorZwischen Birken posieren drei blasse Herren, von denen der mittlere einen wild gemusterten Anzug irgendwo zwischen Gram Parsons und Wigald Boning trägt. So sieht das Cover von Electric Willow aus, dem Debüt-Album von Tenors of Kalma. Das Trio umfasst Kalle Kalima, Jimi Tenor und Joonas Riippa.

 von Rolf ThomasJimi TenorJimi Tenor

Wie bei allen Projekten des finnischen Gitarristen Kalima geht es auch bei den Tenors of Kalma wild und witzig zu. Tranceartige Stücke, deren (grob)motorische Rhythmik an die einzigartigen Can erinnert, sonnige Afrobeat-Einsprengsel („Gilgames“) und sogar Gesang, der Mücken vertreiben kann – all das enthält Electric Willow. „Für mich sind Tenors of Kalma nach meiner Zusammenarbeit mit Jazzanova seit Langem mal wieder eine Möglichkeit, repetitiv zu spielen“, freut sich Kalima. Er hatte die Idee zu dem Trio und frühzeitig den Kontakt zu Jimi Tenor aufgenommen.
Tenor ist ein Musiker, den man während seiner jetzt schon erstaunlich langen Karriere nie so recht einordnen konnte. Doch bevor er zunächst ein Techno-Star wurde – seine Platten auf dem britischen Warp-Label zählen längst als Klassiker –, hat er in einer Band namens Jimi Tenor & the Shamans gespielt. Das könnte glatt ein Verbindungsglied zu den Tenors of Kalma sein. Seit knapp zwei Jahrzehnten ist Tenor auch als Jazzmusiker auffällig geworden, aber das ist nicht der Grund, warum Kalima ihn verpflichtet hat. „Ich wollte etwas mit Free Jazz machen, Kalle mit Sequenzern und Elektronik“, erzählt Jimi Tenor. Durchgesetzt hat sich wohl keiner von beiden, denn Free Jazz spielen die Tenors of Kalma eindeutig nicht, aber besonders elektronisch klingt das Trio auch nicht. Ganz im Gegenteil: „The Missing Page 1964“ beginnt als munterer Vintage-Popsong, bevor er sich während eines langen Flötensolos von Tenor, begleitet von den krachend-verstiegenen Beats von Joonas Riippa, in eine schamanistische Geräusche-Session verwandelt und zum Ausgangspunkt zurückkehrt – immer dabei: die schwere Gitarre von Kalima.
Es waren vor allem Tenors Fähigkeiten als Saxofonist und Flötist, die ihn für dieses Projekt prädestinierten. „Vermutlich sind alle Tenorsaxofonisten zumindest insgeheim von Coltrane inspiriert“, spekuliert Jimi Tenor. „Zudem liebe ich den Stil und die Kompositionen von Pharoah Sanders. Darüber hinaus gehört Sun Ra seit den frühen Neunzigern zu meinen Leidenschaften. Letztlich denke ich aber, dass James White und Fela Kuti den stärksten Einfluss auf mein Saxofonspiel hatten. Ich bin eben mehr an Vibe als an Technik interessiert.” Eine Kreuzung aus James White und Fela Kuti – das beschreibt eigentlich ganz gut, was die drei Finnen hier treiben. „Wir haben sehr intuitiv gearbeitet und viele Stücke live aufgenommen“, erzählt Kalima. „Manchmal spielten wir einfach los und ich habe die Bandmaschine angestellt“, bestätigt Jimi Tenor. „Kalles Ansatz ist sicher etwas technischer und intellektueller als meiner, dadurch entstand eine schöne Spannung.“ Nicht unterschlagen sollte man dabei die Rolle von Schlagzeuger Joonas Riippa. Der trägt durch seinen kraftvollen und zupackenden Stil viel zum Gelingen des Albums bei und lässt Krautrock-Nervosität genauso einfließen wie Afrobeat-Grooves.
„The Hymn To the Sun God“ heißt die letzte Nummer des Albums und ist eine eindeutige Hommage an Sun Ra. „Am Anfang stand die Idee, eine Mischung aus der Musik von Kraftwerk und des Sun Ra Arkestra zu kreieren“, grinst Kalima. Dabei sind Kraftwerk zwar weitgehend auf der Strecke geblieben, die wilde Mischung aus allem und jedem ist aber an keiner Stelle einfach nur unstrukturiert – nicht einmal in den improvisierten Passagen. Das kann man unter anderem damit erklären, dass Tenor und Kalima sich bereits seit zehn Jahren kennen. Kalima, der für so durchgeknallte Bands wie Klima Kalima und Johnny La Marama verantwortlich ist, war an mehreren Projekten Tenors in den letzten Jahren beteiligt. Da lag es nahe, sich einmal in einer gemeinsamen Band zusammenzutun. Jimi Tenors Heimstudio in Helsinki erwies sich als der ideale Ort, Schlagzeuger Joonas Riippa (bei uns vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Verneri Pohjola bekannt) als der ideale dritte Mann. Und dann verbindet das Trio auch noch ein ähnlicher Humor. „Das Stück ,Ininää‘ kreist um einen Moskito, der mich immer wieder beißt“, lacht Kalima. „Deswegen entwickelt es auch dieses mantra-artige Finale.“


Aktuelle CD:
Tenors of Kalma: Electric Willow (Enja / Yellowbird / Soulfood)