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Sebastian Rochford gehört zu jener Sorte von Menschen, die man im Kino lieber neben als vor sich sitzen hat, weil einem sonst eine mächtige Afro-Frisur den Blick versperrt. In Jazzclubs, wo Rochford häufiger verkehrt, ist das weniger ein Problem, weil er dort meistens auf der Bühne hinter seinem Schlagzeug Platz nimmt. Puuuuhhh - noch einmal Glück gehabt! Von Christoph Wagner

Seb Rochford gilt im Moment als der Shooting Star der englischen Jazzszene. In den letzten zwei Jahren hat er richtig abgeräumt, etliche Auszeichnungen eingeheimst, ob für Einspielungen mit der Punk-Jazz-Gruppe Acoustic Ladyland, deren Drummer er ist, oder mit seiner eigenen Formation Polar Bear. Wenn er jetzt in irgendeinem Club auf der Insel auftritt, ob in Leeds, London, Bristol, Newcastle oder Sheffield, ist der Laden voll - und das nicht mit den üblichen so bärtigen wie bebrillten Jazzkennern im reiferen Alter. Die nehmen eher Reißaus. Nein, Rochford zieht ein junges Publikum an, Studenten und andere Nachtschwärmer, die sich sonst gestylt in den Tanzläden tummeln.

Sebastian Rochford’s Polar Bear trumpft mit einem Sound auf, der vieles auf den Kopf stellt, was dem Jazz heilig ist. In dieser Musik brodeln die aktuellen Sounds des Pop-Elektronik-Undergrounds genauso wie Hardbop, Cool- und Freejazz, wobei sich in den besten Momenten die Tür zur Zukunft des Jazz einen Spalt weit zu öffnen scheint. »Ja, so könnte es weitergehen!«, schießt es einem durch den Kopf. Wenn nicht alles täuscht, ist Polar Bear an etwas Neuem dran.

1973 in Aberdeen in Schottland geboren, studierte Rochford in Newcastle Schlagzeug und Komposition. »Von Bach über Ellington bis Zwölf-Ton«, wie er in seiner leisen, sanften Art erzählt. »Es half mir, ein Gefühl für meinen Sinn für Harmonien zu entwickeln.« Nach einem Konzertauftritt von Django Bates, der Rochford völlig verzauberte, beschloss der junge Drummer 1998, nach London zu ziehen. Dort wurde er bald zum Motor einer ganzen Reihe von Bandprojekten: Neben Polar Bear und Acoustic Ladyland liegt ihm die Formation Fulborn Teversham mit ihrem schräg-schrillen Indie-Pop am meisten am Herzen.

Rochford komponiert alle Stücke für Polar Bear selber, und er scheint nicht an Schreibblockade zu leiden. Einfache Melodien mit oft überraschenden Wendungen bilden die Bauelemente, aus denen sich die Titel zusammensetzen, aufgelockert strukturiert mit Freiräumen dazwischen, um der Elektronik Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten. Loop-artige, kurze, abgerissene Rhythmus-Ostinati schieben sich öfters in den Vordergrund, die wie gesampelte Grooves wirken, während der Mann mit dem Joystick die Musik in ein digitales Klangbad taucht und die beiden Saxofonisten mit einem dichten Geflecht kontrapunktischer Linien interessante Texturen und Färbungen erzeugen.

Das dynamische Spektrum der Stücke reicht von ruhig-verträumt bis unbändig-brachial. Ob Drum’n’Bass, Techno oder House, ob Acid, Ambient oder Funk - all die Sounds, die im letzten Jahrzehnt auf den Dancefloors pulsierten, sehen sich auf originelle Weise inkorporiert und verarbeitet.

Dazu kommen noch andere Einflüsse. Als zweitjüngstes von zehn Kindern war Rochford daheim allen möglichen Arten von Musik ausgesetzt. Das Geschmacksspektrum reichte weit, es gab einen hartgesottenen Nick-Cave-Fan in der Familie, ein anderer war ein Goth, während seine Mutter am liebsten Schallplatten des Jazzpianisten Bill Evans auflegte. »Ich stand eine Zeit lang voll auf Hardcore-Punk, mochte aber auch Pop von Prince und Grace Jones«, beschreibt der Schlagzeuger seine eigenen Vorlieben. »Dann begann ich, mich für IDM zu interessieren: Intelligent Dance Music. Drum’n’Bass-Künstler, die ihre Loops in ungerade Metren zerschnippeln. Das alles hat sich irgendwie in meinem Unterbewusstsein abgelagert und kommt gefiltert und verdaut in meinen Stücken wieder zum Vorschein.«

Polar Bear besteht mittlerweile aus 5 Musikern. Neben Rochford sind der Kontrabassist Tom Herbert sowie die beiden Tenorsaxofonisten Pete Wareham und Mark Lockheart mit von der Partie, was eine Besetzung ergibt, die auch ohne Electronics nicht alltäglich wäre. Und tatsächlich startete die Band vor 5 Jahren akustisch als Quartett. Dann lernte Rochford den Klangbastler John Burton (Jahrgang 1976) kennen, der in der Elektronikszene unter dem Namen Leafcutter John bekannt ist. Burton war genau der Musiker, nach dem Rochford Ausschau gehalten hatte. »Ich mag elektronische Musik und wollte dieses Element unbedingt einbeziehen«, erzählt der Drummer, der auch als Remixer tätig ist (etwa auf der neuen Duoplatte von Ingrid Laubrock und Liam Noble). »Doch ich kannte niemand, der mit digitalen Sounds kreativ auf der Bühne umgehen konnte - bis ich John Burton traf. Ich ging in eines seiner Konzerte und war fasziniert, wie lebendig und interaktiv er mit der Elektronik umgehen kann.«

Leafcutter John gab Rochfords Musik eine futuristische Sound-Injektion. Seitdem knarzt, weht, rauscht und blubbert es in digitaler Vielfalt. Auf der Bühne macht Burton das Live-Sampling zu einer visuellen Performance. Er starrt nicht bloß in einen Bildschirm und bedient ein paar Tasten seines Laptops, sondern werkelt mit allen möglichen Klangmaterialien herum. So bläst er etwa einen Luftballon auf und lässt die Luft mit einem Heulton entweichen oder streicht ein Schlagzeugbecken mit Cellobogen. All diese Klänge und Geräusche werden aufgenommen, um sie auf der Stelle digital zu verarbeiten und wieder in den musikalischen Prozess einzuspeisen. Das erlaubt es den Zuhörern, eine direkte Verbindung zwischen den Aktivitäten auf der Bühne und den Klängen, die zu hören sind, herzustellen. »John Burton ist ein Zauberer, der mit seinen Apparaten so spontan wie ein Trompeter operieren kann«, schwärmt Rochford von seinem Bandkollegen. »Manchmal nimmt er eine Saxofonpassage, verfremdet die Sounds und baut damit langsam ein komplexes Tongebilde auf. Unsere beiden Saxofonisten treten dann in eine Art Gespräch mit sich selbst als digitalem Gegenüber.«

Im Gegensatz zu seinem recht konventionellen Drumkit besitzt Rochfords Trommelspiel eine höchst eigenwillige Note. Was als Erstes auffällt: Er dämpft seine Trommeln nicht ab, sondern lässt sie offen klingen. Der Nachhall ist Bestandteil einer Spielweise, die klar, übersichtlich und ökonomisch ist und vollkommen souverän und locker wirkt. Die polyrhythmischen Figuren, die auf jedes seiner Stücke genau abgestimmt sind, haben ihr Fundament in einem starken Basstrommelspiel, das sich in synkopischer Weise mit dem Schlagmuster der Hände verzahnt, wobei ab und zu das Echo diverser manischer Elektro-Beats hörbar wird. Dennoch wirkt sein Spiel nie überladen, wobei er nur ganz gelegentlich mit ein paar wieselflinken Wirbeln über die Felle huscht oder mit heftigen Schlägen aufs große Ride-Becken donnernde Akzente setzt. Ein vollkommen zweckdienlicher Einsatz seiner virtuosen Fertigkeiten leitet seine Spielhaltung.

Rochford steht im Moment hoch im Kurs. Jeder will ihn in seiner Gruppe haben. Zeitweise war er in zwölf verschiedene Bandprojekte involviert. Von Mike Westbrook über Ingrid Laubrock (der deutschen Saxofonistin in London) bis Hugh Hopper (Soft Machine) versichern sich viele seines Talents. Nur mit einem hat er noch nicht musiziert: Django Bates - der Mann, der ihn veranlasste, überhaupt nach London zu gehen. Allerdings scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die beiden zusammenfinden.

Aktuelle CD:
Leafcutter John: The Forest And the Sea (Staubgold / Indigo)

Auswahldiskografie:
Polar Bear: Held on the Tips of Fingers (Babel Label / www.babellabel.co.uk )
Fulborn Teversham: Count Herbert 2 (Pickled Egg Records / www.pickled-egg.co.uk )
Acoustic Ladyland: Last Chance Disco (Babel Label)

Rochford als Remixer:
Ingrid Laubrock & Liam Noble: Let’s Call This (Babel Label)