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nils wogramDas Trio heißt Nostalgia, das neue Album trägt den Titel Nature. Ist Nils Wogram dem Wandervogel beigetreten? Will er zurück zur Natur? Aber nein. Nils Wogram schreibt keine Programmmusik, und er malt auch nicht. Aber er wandert manchmal und verbringt Zeit mit Familie und Freunden in abgelegeneren Gegenden, von denen es in der Schweiz ein paar besonders schöne gibt. Gegenden, die man mit einigem Recht „Natur“ nennen kann.

Von Hans-Jürgen LinkewogramNils Wogram © Corinne Haechler

Was er auf dem Album Nature mit seinem Trio Nostalgia auffächert, ist von solchen Orten inspiriert. Die Musik ist von nachdrücklicher Einfachheit und fast strenger, altmeisterlicher Schönheit geprägt, aber auf jeden Fall „mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“. So hatte Ludwig van Beethoven einst seine sechste Sinfonie („Pastorale“) kommentiert. Bei Nils Wogram klingt das ein bisschen anders, aber durchaus verwandt: „Es geht mir in diesem Programm um die Konzentration auf das Positive und Essenzielle.“

Wie gesagt: keine Programmmusik. Auch bei Wogram ist Natur nichts Unmittelbares, dem man sich unvoreingenommen und naiv abbildend nähern kann, sondern ein Erlebnisraum. Und wie jeder reflektierende Mensch weiß er, dass Erlebnisse und Gefühle immer auch Gelerntes enthalten. Wie sonst sollte man einen heiligen Ort („Sanctuary“) finden? Was sollte man bei einem „Village for Sale“ oder einem „Quiet River“ fühlen, wenn man nicht gelernt hat zu empfinden und sich zu fragen, was solche Dinge bedeuten können? Die Einfachheit, die bei Wograms Trio-Projekt (scheinbar) das Programm bildet, ist nachdrücklich gestaltet – und jede bewusste Gestaltung öffnet ja die Tür zu komplizierteren Vorgängen.

Empfindungen drückt man am genauesten in der Muttersprache aus. Nils Wograms Muttersprache ist keine altväterliche Folklore, keine Wiener Klassik oder deutsche Romantik, sondern der Jazz. Wenn die Akzente auf dem Becken davonklingen, die Bassdrum sie wieder einfängt und Ränder absteckt; wenn die Hammond-Orgel Basslinien aufspannt, harmonische Bewegungen markiert und pflückfrisch erfundene Melodien intoniert; wenn die Posaune warme, elegant artikulierte und manchmal gewagt bizarre Linien daneben- und darüberlegt; wenn das alles miteinander im Fluss ist – dann entsteht Musik, in der Wogram sich zu Hause fühlen kann. Da sind keine Schnörkel, da ist keine Ironie, keine Distanzierung, kein Hauch von Geschmacklosigkeit oder gar Kitsch. Sondern Klarheit, Bewegungsfreiheit, viel Raffinesse und ein intaktes Traditionsbewusstsein: „Ich möchte mich hinstellen und sagen: Ja, ich bin Jazzmusiker, ich bewege mich in dieser Tradition und versuche, meinen Weg darin zu finden. Für etwas einzustehen, finde ich besser, als es nur zu benutzen und zu relativieren.“

Trotzdem ist daran nichts stromlinienförmig. Wograms Kompositionen suchen keine Idylle und kein falsches Pathos. Sie wollen auch keine komplexen Konstellationen meiden, um etwas betont Einfaches zu produzieren, im Gegenteil: Wenn nötig, darf alles, was da ist, wuchern. Und im Trio ist allerlei möglich. Gerade diese magischen Passagen, die es nur in Trios gibt, wo zwei ein bisschen zurücktreten, um dem Dritten die gebührende Aufmerksamkeit nicht streitig zu machen, wo aber ständig mehrere Dinge parallel und gleichzeitig geschehen und alles so voller Geistesgegenwart ist, dass man am liebsten jeden Augenblick unters Mikroskop legen möchte – das ist zeitlos-präsenter Trio-Jazz, voller Konsens, aber auch voller ungewöhnlicher Wendungen und kleiner Überraschungen. Und manchmal schwelgt die Band in einer speziellen, sorgfältig ausgestalteten Schönheit. Es gibt Posaunensoli, denen man fast nachtrauert, wenn sie zu Ende sind. Es gibt gedankenschnelle thematische Unisono-Passagen zwischen der Posaune und der rechten Hand des Organisten. Und viele nur halb gezähmte Wildheiten im Rhythmus und im Klang, und immer mal wieder dieses unwiderstehliche Jammern, Schweben und Schrillen der Hammond-Orgel.

Ist das einfach? Ist es Musik, die mal gespielt werden musste, so zwischendurch, damit man sich danach wieder komplexeren Aufgaben zuwenden kann? Ist es nicht, sagt Nils Wogram. „Komplexe Musik ist für mich nicht anstrengend, von daher muss ich mich auch nicht von ihr erholen.“ Andererseits ist das Zu-Hause-Gefühl im Trio auch kein Status, den man, einmal erreicht, von nun an halten können wird. „Bei einer künstlerischen Entwicklung geht es auch immer um das Ausloten von Extremen und Ausprobieren von Dingen, die man noch nicht gemacht hat. So kann ich sicher auch aus einem einfachen Programm wie Nature schöpfen für andere Kompositionsprojekte, die etwas abstrakter sind. Denn eventuell gelingt es mir dann, im Abstrakten eine klare Message zu transportieren.“

Es gibt in der Musik wenig, was wirklich einfach wäre. Und wenn etwas schön ist, kann es kaum auch einfach sein. Aber es ist wunderbar, wenn etwas durchaus Kompliziertes einfach klingt. Nils Wograms Trio Nostalgia hat es auf Nature geschafft, alles in eine lässig angespannte Balance zu bringen. Beethoven kommentiert: „Wer auch je nur eine Idee vom Landleben erhalten, kann sich ohne viele Überschriften selbst denken, was der Autor will.“
Aktuelle CD:
Nils Wogram Nostalgia: Nature (Nwog / edelkultur)