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orioxySeit 2008 macht eine Gruppe aus der französischen Schweiz auf den Bühnen Zentraleuropas von sich reden: Orioxy. Sie fallen zunächst durch ihre ungewöhnliche Besetzung mit Gesang, Harfe, Kontrabass und Schlagzeug auf. Dann durch ihren Klangkosmos, der sich immer dann, wenn man glaubt, ihn verorten zu könne, genau dieser Verortung wieder entzieht.

 Von Franz X.A. Zipperer orioxy2Orioxy

Jazz trifft zu, genauso aber auch Folk oder Pop. Und dann wiederum passt keine dieser Schubladen auf die Musik von Orioxy, so sehr man auch suchen mag. Der Gesang bedient sich mal englischer, mal hebräischer oder auch französischer Texte. Mit Lost Children liegt das nunmehr dritte Album auf dem Tisch. Und die Jury des Preises der deutschen Schallplattenkritik findet die musikalische Gemengelage von Orioxy so spannend, dass sie die Truppe für die Kategorie Weltmusik nominiert hat.

Das Quartett besteht neben der israelischen Sängerin Yael Miller, die auch Posaune und Piano beherrscht, aus der Schweizer Harfenistin Julie Campiche, die sich nach Lehr- und Wanderjahren in der Klassik dem Jazz widmet, dem Kontrabassisten Manu Hagmann, der nach fast zehn Jahren E-Bassspiel in einer Funk-Rock Band auch wieder das akustische Instrument zu schätzen weiß, und dem Schlagzeuger Roland Merlinc. Die beiden Vorgängerplatten der Formation waren angefüllt mit klassischen Erzählstücken. Auch nach mehrfachem Hören dieser Alben ist klar: Die begonnene Geschichte ist längst nicht auserzählt. Musikalisch nicht. Textlich auch nicht. „Das mag daran liegen, dass wir mit unserer Musik immer versuchen, eine Welt zu bauen“, versucht Julie Campiche eine Erklärung. „Die Lieder haben zumindest unbewusst miteinander zu tun.“

Die grundsätzlichen kreativen Entscheidungen werden von Yael Miller und Julie Campiche getroffen, anschließend jedoch arbeiten die vier wie eine Rockband im Proberaum. Ein Stück ist erst dann fertig, wenn es sich alle vier mit ihrer gesamten Persönlichkeit zu eigen gemacht haben. „Das war nicht nur diesmal ein langer Weg“, fährt die Harfenistin fort, „schließlich geht es auch immer um die Balance aller eingebrachten, für unsere Musik unglaublich wichtigen Emotionen.“ Da Orioxy wissen, dass ein Album und ein Livekonzert zwei völlig verschiedene Kunstformen sind, hat die Produktion eine wichtige Rolle eingenommen. Dazu haben sie sich den auf Klassik, Jazz und Weltmusik spezialisierten Produzenten Philippe Teissier du Cros ins Studio geholt. Seine Kundenliste umfasst Künstler wie Henri Texier, Magic Malik, Archie Shepp/Mal Waldron, Lokua Kanza oder Boubacar Traoré. „Wir haben uns diesmal sogar eine Vorproduktion geleistet und vor dem eigentlichen Studiotermin zwei Tage lang den Klang festgelegt, ausprobiert, was unserem Ideal am nächsten kommt und wie weit wir im Studio dann gehen können“, erklärt Julie Campiche. „Und auf das endgültige Einspielen folgte noch ein aufwendiger Prozess des Mischens.“

Trotz der langen Vorbereitungszeit und der tiefgreifenden Arbeit an der Form liegt mit Lost Children eine Platte mit Stücken voller Leidenschaft von visionären Musikern vor. Die Lieder sind zu einem Klangteppich von höchster Intensität, Magie und Kraft verwoben. Sie strahlen dabei eine geheimnisvolle, zarte, sanft pulsierende Schönheit aus, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Es müssen Töne aus einem fernen Märchenland sein, in dem wohl auch Björk zu Hause ist, in dem Feen nicht unbekannt sind. Und auch intensive Wechselbäder der Gefühle nicht. Wenn Yael Miller ihrem Gesang eine ganz eigene Strahlkraft mit auf den Weg gibt und Julie Campiche ihre innere Ruhe ausstrahlenden Harfentöne unter den Mitmusikern verteilt, dann setzt ein feinfühliger Dialog ein. Einer, der Raum schafft und Raum lässt. Raum, der rundum verglast ist und den Blick freigibt auf die sich ständig verändernden, filigranen Notengebilde, die selber wieder durchscheinend sind und deren Herz man schlagen sieht. So erschaffen Orioxy eine unendliche Weite mit Platz für vielerlei Sichtweisen und Deutungen. Sie legen Spuren, mehr nicht. Mal haben die emotionalen Klanglandschaften etwas von einer vertrauten Freundin, dann wieder wirken sie wie eine ferne, unerreichbare Ikone. Orioxy verstehen sich blendend auf ästhetische Täuschungsmanöver. Und kommen dann zum Schluss wie aus dem Nichts mit einer Coverversion von Paul McCartneys „Blackbird“ daher, die genau so, wie sie gekommen ist, wieder im Nichts verhallt.

Lost Children ist ein grandioses Kunstwerk, gerade durch die Aufmerksamkeit, die der Produktion geschenkt wurde. Eins, bei dem die Stücke nie abstrakt geraten. Sie sind bis ins noch so kleine Detail stimmig, auch wenn es Zeit braucht, bis sich die ausgefuchsten und vertrackten Soundwelten zu ihrer vollständigen Größe zu entfalten. Doch so viel Zeit muss sein, und der Hörer wird mit einem Klangerlebnis belohnt, wie es selten geworden ist in diesen Zeiten.
Aktuelle CD:
Orioxy: Lost Children (Edition Collage / GLM Music / Soulfood)