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kamasi1Kamasi Washington überrascht mit einem epischen Werk und setzt Los Angeles auf die Landkarte des Jazz. The Epic heißt das Werk – und episch sind seine Ausmaße tatsächlich. Mit einem Paukenschlag in Form einer 3er-CD-Box betritt der Saxofonist Kamasi Washington die internationale Jazzszene.

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Washington gehört zu einer Clique von jungen Musikern aus L.A., die sich vorgenommen haben, den Jazz auf die Höhe der Zeit zu bringen und ihn für ein junges Publikum wieder attraktiv zu machen.

Christoph Wagner: Los Angeles wird als Jazzstadt oft übersehen. Wie sieht die dortige Szene aus?
Kamasi Washington: Los Angeles ist eine riesige Stadt, und es gibt viele Stadtteile, die für sich genommen das Ausmaß einer Großstadt haben. Ich komme aus South Central und dort aus einem Viertel, das Leimert Park heißt und ein bisschen wie das East Village von New York ist: ein Zentrum der afroamerikanischen Kultur und der Künste. Viele Musiker, Filmemacher, Schauspieler, Künstler und Schriftsteller leben dort. Es gibt den Jazzclub The World Stage, der vom Schlagzeuger Billy Higgins gegründet wurde und bis heute eine wichtige Rolle spielt. Ich wuchs im angrenzenden Stadtviertel Inglewood auf, und wir alle spielten in diesem Club, der ein Fixpunkt für die künstlerischen Aktivitäten des Viertels ist. Dieser Ort ist voll auf Avantgarde programmiert, wirklich ein kreatives Zentrum und wichtig für das Selbstverständnis des Stadtteils. Die Jamsessions beginnen dort nicht vor 2 Uhr früh. Horace Tapscott trat dort regelmäßig auf. Das ist bis heute ein cooler Auftrittsort. Es gibt ein paar HipHop-Clubs gleich um die Ecke, und es herrscht generell eine sehr offene Atmosphäre. Ich wuchs in dieser Umgebung auf, weil mein Vater Jazzmusiker ist und all diese Musiker in der Nachbarschaft wohnten. Sie waren exzellent, aber leider außerhalb von L.A. kaum bekannt. Sie spielten diesen Avantgarde-Jazz, aber sehr bluesig und mit viel Seele. Das war der Sound, den ich in meiner Jugend hörte.
Christoph Wagner: Du hast seit Jahren eine feste Band namens The Next Step. Wie kam die Gruppe zusammen?
Kamasi Washington: Die Bruner-Brüder, Ronald und Stephen, kannte ich von klein auf. Sie waren meine Spielkameraden und kamen zu meinen Geburtstagfesten. Zu meinem dritten Geburtstag bekam ich von meinem Vater ein kleines Schlagzeug. Ronald Bruner war da und fing an, darauf herumzutrommeln. Heute ist er einer der beiden Drummer in meiner Band. Die anderen Mitglieder traf ich in der Schule und später auf der Musikhochschule. Ich kenne also alle Mitglieder meiner Gruppe seit Urzeiten.
Christoph Wagner: Dein aktuelles Album ist ein Monumentalwerk – eine 3er-CD-Box mit Jazzensemble, Orchester und Chor. Wie gelingt es, heute so etwas zu realisieren?
Kamasi Washington: Der Produzent Flying Lotus von der Schallplattenfirma Brainfeeder wollte ein Album von mir. Er ließ mir völlig freie Hand, was ich als sehr befreiend empfand. Ich war plötzlich keinen Restriktionen mehr unterworfen. Dazu kam, dass mich Gerald Wilson vor Jahren in die klassische Musik eingeführt hat, weshalb die Idee aufkam, etwas mit meiner Band sowie einem Orchester und einem Chor zu machen. Mir schwebte vor, die Musik meiner Gruppe mit einem Streicherklang à la Strawinsky zu unterlegen. Ich habe dann zuerst die Kompositionen für meine Gruppe ausgearbeitet und dann die Orchestrierung und die Chorsätze erstellt. Alle Beteiligten waren von der Idee begeistert und trugen zur Verwirklichung dadurch bei, dass sie auf ein Honorar verzichteten. Unter regulären Umständen wäre dieses 3er-Album nie entstanden – viel zu kostenaufwendig. Wir buchten ein Studio für einen Monat, ich streckte das Geld vor, jedes Bandmitglied beteiligte sich finanziell, und dann machten wir uns an die Arbeit. Ich wollte einmal alle finanziellen Erwägungen außer Acht lassen und nicht über Plattenverkäufe nachdenken, sondern wirklich ein Album machen, das mich musikalisch repräsentiert. Viele Leute aus dem Orchester und dem Chor sind Freunde von mir. Ich werde mich bei jedem einzelnen eines Tages mit einem Gefallen revanchieren.

Band statt Bande

Christoph Wagner: Ein Titel auf The Epic ist Malcolm X gewidmet. Ein Ausschnitt aus einer seiner Reden wird eingeblendet. Was hat es damit auf sich?
Kamasi Washington: Das ist eine sehr persönliche Widmung meinerseits. Ich wuchs in South Central L.A. auf, und trotz des künstlerischen Charakters unseres Viertels gab es viel Kriminalität und Banden. Als Teenager begann ich, in dieses Milieu abzurutschen, und wäre wohl in eine ziemlich dunkle Sackgasse geraten, wenn nicht meine Eltern gewesen wären – sowie ein Cousin, der sich mit Bandenkriminalität auskannte und mir heraushalf. Zur gleichen Zeit fiel mir die Autobiografie von Malcolm X in die Hände, was mein Leben veränderte. Deshalb wollte ich mich mit dem Track bei ihm bedanken. Junge Leute wissen nicht mehr, wer er ist, obwohl er weiter von großer Wichtigkeit wäre. Er kann jungen Afroamerikanern helfen, sich über sich selbst und über ihre Situation klarzuwerden.
Christoph Wagner: Jazz steht nicht mehr im Zentrum der populären Musik. Was kann man gegen die Marginalisierung tun?
Kamasi Washington: Für mich ist die heutige Jazzszene viel zu sehr auf die Vergangenheit fixiert. Bei jungen Leuten gilt Jazz als antiquiert. Ich will mich aber mit der Jetztzeit auseinandersetzen. Ich will aktuelle Musik machen, die relevant für die Gegenwart ist. Natürlich sind Musiker der Vergangenheit meine Helden, trotzdem sollte man sich nicht immer vor ihnen verbeugen. Die Musiker meiner Band spielen auf dem gleichen Niveau. Wir machen unsere Musik für unsere Zeit und das überträgt sich auf die Zuhörer. Wir haben begeisterte Zuhörer in unseren Konzerten, aber wenn man sie fragen würde, ob sie Jazz mögen, würden sie mit Nein antworten. Deshalb lassen wir die Musik direkt zu den Herzen und Seelen der Zuhörer sprechen. Jeder hat ein Herz und eine Seele und begreift, um was es geht. Es ist eine sehr offene und freie Musik, die bei den Leuten ankommt – im wahrsten Sinne des Wortes.
Christoph Wagner: Hältst du das Etikett Jazz noch für zeitgemäß?
Kamasi Washington: Nicht wirklich! Es hält junge Leute davon ab, sich auf die Musik einzulassen. Deshalb spielen wir an allen möglichen Orten – und es funktioniert! Warum sollen wir ein Teil des Publikums dadurch abschrecken, dass wir unsere Musik Jazz nennen. Das ergibt keinen Sinn, weil unsere Intention eine andere ist. Oft treten Jazzmusiker mit der Haltung auf, dass ihre Musik sowieso niemand mag. Das merken die Leute. So kann man niemanden für sich gewinnen. Ich arbeite viel mit Musikern aus anderen Stilen zusammen und habe Tourneen z. B. mit Snoop Dogg absolviert. Dabei habe ich begriffen, was junge Leute musikalisch bewegt, was sie auf die Beine bringt. Diese Elemente, diese Energie will ich auch in meiner Musik zum Ausdruck bringen. Das bedeutet nicht, dass man Jazz wie HipHop spielen soll, sondern dass wir eine andere Einstellung entwickeln müssen.

Aktuelle CD:
Kamasi Washington: The Epic (Brainfeeder / Rough Trade)