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doldinger„Man ist immer nur so alt, wie man sich fühlt“, „Solange man neugierig ist, kann einem das Alter nichts anhaben“ – für Binsenweisheiten wie diese gleich mal einen Blankoscheck ins Phrasenschwein! Aber man kann es drehen und wenden, wie man will: Klaus Doldinger ist gerade 79 geworden – und im Prinzip passt jeder dieser schlauen Sprüche auf ihn wie der Topf auf den Deckel.

 J02 orangeVon Reinhard Köchldoldinger2Klaus Doldinger © Peter Hönnemann

Wo andere sich längst aufs Altenteil zurückgezogen haben und nurmehr ihren eigenen Legendenstatus pflegen, ackert Kläuschen noch, als könnte ihn die Zeit schlicht kreuzweise. Täglich sitzt er im „Soundport“-Studio seiner schmucken Villa in Icking am Ammersee und arbeitet: komponieren, arrangieren, telefonieren, Saxofon üben („Ich finde es traurig, wenn in die Jahre gekommene Kollegen ihren Ton nicht mehr im Griff haben“). In den kommenden Monaten wartet eine stattliche Tournee, die ihn durch deutsche Lande, aber auch nach Marokko und Südkorea führt. Seinen Aufsichtsratssitz bei der Gema hat er vor kurzem abgegeben, nach 24 Jahren, „denn ab einem gewissen Alter möchte man eigentlich nicht mehr ganz so viel machen“. Aber Abnutzungserscheinungen kennt der Mann keine, „merkwürdigerweise“, wie er selbst verwundert eingesteht. „Natürlich gibt es immer wieder Phasen, in denen ich kleine Durchhänger hatte. In den 1980er Jahren entstand Das Boot, ich hatte unglaublich viele Konzerte und wirkte regelmäßig an der Astro Show in der ARD mit. Eine schwere Lungenentzündung hätte mich fast das Leben gekostet. Es hat gedauert, bis das alles überstanden war. Aber auf diese Weise habe ich gelernt, kürzerzutreten und besser auf meine Gesundheit zu achten. Ohne die Erfahrung von damals ginge es mir heute nicht so prima.“

Kein Grund zur Klage also. Warum auch? Gute Gene, Disziplin sowie ein Näschen für die richtigen Entscheidungen haben Doldinger in die glückliche Lage versetzt, seinen Erfolg schon zu Lebzeiten genießen zu dürfen. Im Gegensatz zu vielen anderen, denen die gebührende Anerkennung erst posthum zuteilwurde. Drogen, Alkohol, durchgemachten Nächten und anderen Verlockungen schwor er schon in den 1970er Jahren ab. Anstatt es zum Geburtstag medienwirksam krachen zu lassen, geht er lieber mit seiner Frau Inge (seit 1960 ununterbrochen verheiratet), Sohn Nicolas, einem Filmproduzenten, der in New York lebt, und den fünf Enkeln zum Essen. Mag ein wenig spießig klingen. Aber vielleicht ist es gerade das, was das Phänomen Klaus Doldinger ausmacht.

Schon vor 19 Jahren durfte er den Echo für sein Lebenswerk in Empfang nehmen. Solche Gunstbezeugungen bestärken ihn darin, einfach weiterzumachen, auch 2015 mit einem neuen Album des Fusion-Dinos Passport aufzuwarten, als wäre es so selbstverständlich wie die allsonntägliche Wiederkehr des Tatort, mit dessen Titelmelodie er 1971 ein unauslöschliches musikalische Brandzeichen schuf. En Route ist die Nummer 34 in einer Reihe von geschmeidigen Crossover-Projekten, die kunstvoll auf der scharfen Kante zwischen Fusion und halbseidener Sterilität entlangtänzeln, ohne je ins Triviale abzurutschen. Dabei ließ sich Doldinger vom spannenden Leben auf Achse mit all den multikulturellen Einflüssen inspirieren, die Passport über die Jahre wie ein Schwamm absorbiert hat. Nicht sprunghaft in einzelnen, stilistisch zuordenbaren Stücken, wie der Blondschopf mit den schulterlangen Haaren und der Hornbrille betont, sondern eher als fließende, ineinandergreifende Einheit. „Die Platte belegt, dass sich Passport als eine Art Reiseunternehmen versteht, das von überall etwas mitbringt.“

Dabei geht es dem detailversessenen Soundtüftler in erster Linie um klare Vorgaben, die durchaus kleinere organisierte Improvisationsmomente enthalten dürfen. Musik nach seinem Gusto, in den Händen von jungen eigenwilligen Musikern wie Martin Scales (g), Michael Hornek (keyb, p), Patrick Scales (b), Ernst Ströer und Biboul Darouiche (perc) sowie Christian Lettner (dr) einer ständigen organischen Mutation unterworfen. Wie im „Playground Jam“. „So etwas hatten wir in der Form noch nie“, schwärmt Doldinger. „Es beginnt mit einem Freejazz-Intro, das in einen Latin-Groove übergeht und irgendwann zu swingen beginnt. Das kann man eigentlich gar nicht proben. Die Jungs machen das aus dem Bauch heraus.“ Es funkt, („Infusion Rag“), rockt („Marock“) oder schwebt („Blue Kind of Mind“) auf eine durchaus vertraute Weise. „Sich nach dem Zeitgeist orientieren, bringt überhaupt nichts. Aber etwas auszuprobieren, das reizt mich ungemein“, beschreibt Doldinger seine Grundhaltung, aus dem sicheren Hafen der Erfahrung immer wieder zu neuen Ufern aufzubrechen.

Das beinhaltet durchaus auch Besetzungsvariationen. Quartett, Trio, Solo: Der Doge des deutschen Jazz hat sich im Laufe der Jahre nach allen Richtungen geöffnet. Keine Selbstbeschränkungen, auch nicht in Richtung Vergangenheit. „Traditionellen Jazz kann ich immer noch. Wenn mich heute jemand fragen würde, ob ich bei einer Dixieland-Band einsteigen würde – sofort!“ Sogar bei Beerdigungen spielt er gelegentlich. „Natürlich kann es einen selber jederzeit erwischen. Ich bin schon am Grab einiger Kollegen gestanden: Klaus Weiss, Peter Trunk, der war so alt wie ich, oder Kristian Schultze. So ist der Lauf der Dinge. Aber Aussegnungshallen haben wirklich eine ausgezeichnete Akustik!“

Aktuelle CD:
Klaus Doldinger’s Passport: En Route (Warner)