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melfordVor 25 Jahren galt Myra Melford als legitime Nachfolgerin Cecil Taylors. Eine Junge Wilde, deren gefühlte 88 Finger wie Tornados über die Tasten wirbelten. Damals hätte wohl niemand vermutet, dass sie sich einst zur Heroine einer Avantgarde-Romantik des amerikanischen Jazz mausern würde wie auf ihrem neuesten Album Snowy Egret.

 J02 orangeVon Wolf Kampmann melford2Myra Melford © Bryan Murray

Um dem geneigten Leser den Blick ins Wörterbuch zu ersparen: Snowy Egret ist die amerikanische Bezeichnung für den Schmuckreiher, eine auf dem gesamten amerikanischen Kontinent beheimatete, schneeweiße Reiher-Spezies, ähnlich dem Silberreiher. Die Pianistin Myra Melford ist sicher keine Ornithologin, und das Konzept ihrer neuen Platte geht auch in eine völlig andere Richtung. Sie beruft sich auf die Trilogie Memory of Fire des uruguayischen Autors Eduardo Galeano, in der es um den Zustand der beiden Teile Amerikas geht. Das ist kein Zufall, denn die Pianistin sieht sich oft in der Klemme, mit ihrer Musik nicht genug gegen die Übel der Welt ausrichten zu können. „Ich bin auf demselben Pfad, auf dem ich seit drei Jahrzehnten bin“, grübelt sie aus sich heraus und ist sich im selben Moment nicht sicher, ob sie das tatsächlich sagen will. „Diese CD beschreibt den Ort, an dem ich gerade bin. Es ist eine Art Ankunft, aber jede Ankunft birgt auch einen neuen Aufbruch. Ich bleibe mir selbst treu, und doch muss ich immer wieder hinterfragen, ob meine Kunst wirklich ein Beitrag zu den wichtigen Dingen auf dieser Welt ist. Snowy Egret fühlt sich wie die Band an, die ich genau an diesem Punkt in meinem Leben brauche.“

Derzeit gibt es viele amerikanische Jazzmusiker, die sich wieder aktiv in den politischen und sozialen Diskurs einmischen. Diese Komponente war dem Jazz lange verloren gegangen. Myra Melford ist sicher nicht so radikal wie etwa Robert Glasper und Terence Blanchard. Aber es ist ihr wichtig, darüber nachzudenken, was es bedeutet, in diesen Tagen eine Amerikanerin zu sein. Ihr Album sieht sie weniger als musikalische Übersetzung der Galeano-Vorlage, sondern vielmehr als Reaktion. „Ich versuche nicht zu wiederholen, was Galeano ohnehin schon gesagt hat. Ich sage: Wenn ich das lese, dann löst es in mir das aus, was auf der Platte passiert. Ich will nicht die Frage beantworten, was es heißt, heute in Amerika zu leben, sondern sie an meine Umgebung weitergeben. Überall auf der Welt nimmt die Unmenschlichkeit zu, das ist kein spezifisch amerikanisches Problem. Gar nicht darüber zu reden, wie wir mit unserem Planeten umgehen. Was können wir als Amerikaner dagegen tun, dass schwarze Jugendliche von der Polizei erschossen werden? Welche Folgen wird es für Küstenstädte haben, dass die Polkappen abschmelzen? Wie gehen wir mit unseren materiellen und menschlichen Ressourcen um? Das sind keine abstrakten, sondern sehr konkrete Fragen. Galeano hat sich nicht nur mit der Geschichte beider Amerikas von prä-kolumbianischer Zeit bis in die 1980er Jahre beschäftigt, er erzählt das aus der Perspektive vieler unterschiedlicher Menschen mit ganz verschiedenen Standpunkten. Sein Blick auf die Geschichte ist eine kollektive Story.“

Auch Snowy Egret ist eine kollektive Story. Es ist das bislang vielseitigste Album in der langen Karriere Myra Melfords. Einen großen Anteil daran hat die Allstar Band mit Ron Miles (tp), Liberty Ellman (g), ihrem langjährigen Mitstreiter Stomu Takeishi (b) und Tyshawn Sorey (dr). Es sei eine Band, bestätigt die Pianistin, mit der sie das Gefühl habe, in jede denkbare Richtung gehen zu können. „Kaum hatte ich das Konzept zu diesem Projekt im Kopf, begann ich auch schon über das passende Personal nachzudenken. Als ich die Besetzung im Kopf hatte, dachte ich mir, es wäre die perfekte Besetzung, um Amerika zu repräsentieren. Es ist Generationen überspannend, umfasst beide Geschlechter, repräsentiert Schwarz und Weiß und vor allem ganz unterschiedliche Hintergründe. Wie in Galeanos Buch kann jeder dieser Musiker mit seiner unverwechselbaren Stimme seine Story beitragen.“

Während sie das sagt, huscht ein Lächeln über ihre Züge, als würde sie von einer Liebesaffäre erzählen. Oder als würde ein Schmuckreiher für den Bruchteil eines Augenblicks die Weiten ihrer Imagination durchqueren. Da drängt sich die Frage auf, wie der Vogel in dieses politisch engagierte Projekt kam. Am Anfang stand ein Traum. „Ich träumte, einen weißen Reiher auf einer Telefonleitung zu sehen. An seiner Haltung erkannte ich, dass er eine Yogastellung einnahm – die Bergstellung, die sehr beherrscht und konzentriert ist. Danach flog er runter – und ich dachte, er würde in einem seichten Wasserbecken zu meinen Füßen landen. Stattdessen tauchte er tief ein. Ich machte mir Sorgen, dass er unter Wasser nicht würde überleben können, und dachte, ich müsse ins Wasser springen und ihn retten. Aber in diesem Moment schoss er aus dem Wasser in die Stratosphäre und verwandelte sich in eine Frau mit Engelsflügeln. An diesem positiven ekstatischen Gefühl wollte ich festhalten. Am selben Tag erhielt ich einen Anruf von der Jazz Gallery in New York. Ich wurde nach dem Namen für das Projekt gefragt und sagte wie aus der Pistole geschossen: Snowy Egret.“

Aktuelle CD:
Myra Melford: Snowy Egret (Yellowbird / Soulfood)