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koesterDie Verwandlung: Einem kulturbeflissenen Menschen kommt da zu allererst Franz Kafkas Romanfigur Gregor Samsa in den Sinn. Diese schrullige Figur erwacht eines Morgens aus unruhigen Träumen und findet sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt. Vom Mensch zum Käfer, vom Ernährer der Familie zum nutzlosen Insekt, aus dem Wohnzimmer verbannt in eine Abstellkammer, zu peinlich, um hergezeigt zu werden. Kann man solch radikale Verwandlungen auf irgendeine Weise beeinflussen?

Von Reinhard Köchlkoester

Man kann! „Mit knallharter Disziplin und ein bisschen Mut zur Fantasie“, weiß Frederik Köster, selbst ein ausgewiesener Meister solcher Metamorphosen. Hinter ihm liegen ebenfalls gravierende Verwandlungen: vom Gelegenheitsmusiker zum Profi, vom Geheimtipp zum Hoffnungsträger, schließlich zur Säule des deutschen Jazz. Wenn er sein Quartett seit 2012 Die Verwandlung nennt, dann entspricht dies nur einer logischen Programmatik, die der Trompeter seit Beginn seiner Karriere ebenso konsequent wie erfolgreich in die Tat umsetzt. Das Vexierspiel zwischen den Extremen versorgt den 37-Jährigen mit kreativen Impulsen, die ihn mitsamt seinen handwerklichen Fähigkeiten überall hervorstechen lassen. Köster, mit dem Echo Jazz, dem Neuen Deutschen Jazzpreis sowie dem WDR-Jazzpreis dekoriert, dessen Sideman-Credits von Randy Brecker, Lalo Schifrin, Nils Wogram, Michael Wollny, Jane Monheit, Nils Landgren, Trilok Gurtu und Tom Gaebel bis zu Nina Hagen oder den Sportfreunden Stiller reichen und dessen CDs von Kritikern wie Fans als Ereignis gefeiert werden – dieser grundsympathische Typ steht freilich auch zu seiner anderen Seite. Seinem zweiten Ich.

Es ist Montagabend, kurz nach 22 Uhr. Frederik und seine Frau machen gerade Urlaub in Bardolino am Ostufer des Gardasees. Traumhafte Klischeebilder öffnen sich vor dem geistigen Auge: Bestimmt sitzt er mit einem Glas Rotwein in der Hand, den Blick über das ruhige Wasser und den roten Abendhimmel schweifend und wahrscheinlich schon wieder der nächsten Verwandlung auf der Spur. „Na ja, das mit dem Wein stimmt schon“, weckt der gebürtige Sauerländer am Telefon Anflüge von Neid, um sie gleich wieder zu zerstören. „Aber gerade heute war so ein Tag, an dem wir ein paar Dinge erfahren haben, die nicht ganz so erfreulich waren. Man soll halt im Urlaub keine E-Mails checken!“ Das Leben kann man auch im fernen Italien nicht komplett auf Wolkenkuckucksheim umstellen. Es besteht aus Spannung und Entspannung. Nicht umsonst trägt Kösters neues Album den Titel Tension / Release. Das eine geht nicht ohne das andere: Yin und Yang, Alt und Jung, Krieg und Frieden, Glück und Trauer, Liebe und Hass, Frau und Mann, Tag und Nacht. „Es sind diese Kontraste, die mich faszinieren. Wir verändern uns ständig – und die Welt mit uns. Wobei diese Entwicklungen nicht immer nach vorne gerichtet sein müssen. Manchmal schlüpft man wieder in eine Figur von früher. Wie auf unserer neuen Platte. Da spielen wir mit ,Schaltjahr‘ zum ersten Mal eine Komposition von einer meiner älteren Veröffentlichungen. Aber es passt fast noch besser zu dieser neuen Band als zum damaligen Frederik Köster Quartett.“ Köster liebt es zu philosophieren, seiner Musik einen tieferen Sinn zu geben.

Anfangs sei Die Verwandlung allenfalls eine faszinierende Idee gewesen. Jetzt sei sie „ein richtiges Projekt für vier Musiker, die zwischen Anfang 30 und Anfang 40 viel zusammengearbeitet und erlebt haben.“ Sebastian Sternal (p), Joscha Oetz (b) und Jonas Burgwinkel (dr) ermöglichen es ihm, Kontrolle abzugeben und sich beim Spielen fallen zu lassen. Sie stehen exemplarisch für den Wandel von festen Arrangements zu einem freieren Umgang mit den Kompositionen, von einer rein akustischen Combo zum Einsatz von Elektronik, beispielsweise wenn Sternal die klebrige Hookline eines Fender Rhodes auf den kristallinen Edelklang eines Flügels tropfen lässt. Das Titelstück führt dieses musikalische Pingpong fort. Auf einen Rubato-Teil folgt eine rhythmische Passage. Im impressionistischen „Saint-Brieuc“ wiederum dominiert eine ostinate Piano-Figur, während die Trompete ausschließlich lange Töne produziert. Zwischen Eleganz und Offensive, Transparenz und Verdichtung changiert „The Void“.

Gerade an der Trompete gibt es für solche Mutationen jede Menge Vorbilder. „Bei Miles Davis waren es in erster Linie seine konzeptionellen Veränderungen, die ihn so einzigartig werden ließen“, findet Köster. Auch der nach außen eher stille Kenny Wheeler, den er noch kurz vor seinem Tod traf, habe zwei Gesichter besessen. Sein größtes Ideal bleibe jedoch Freddie Hubbard. Der Archetyp des Dr. Jekyll und Mr. Hyde an den Ventilen, allzeit glaubhaft pendelnd zwischen Fusion-Schmelz und modalen Geniestreichen, zwischen geläufigen Hardbop-Glissandi und hochenergetischen Freejazz-Fanfarenstößen. Der Mann, den die meisten nur Fred und manche sogar Freddie nennen, bekennt ganz offen: „Den habe ich mit Haut und Haaren gefressen!“

Da wäre aber noch eine Seite, die wir bislang kaum von dem Chamäleon an der Trompete kannten: Seine Liebe für Songs und Singer/Songwriter wie Bob Dylan oder Joni Mitchell sowie Progrock-Heroen wie Pink Floyd oder die frühen Genesis. „Wegen der Texte“, lächelt Frederik Köster und nimmt einen Schluck Wein. Auf seiner aktuellen Scheibe hat er deshalb ein Gedicht von James Joyce vertont („Alone“), das Tobias Christl singt. Mitnichten eine Verwandlung. Einfach nur er selbst.

Aktuelle CD:
Frederik Köster / Die Verwandlung: Tension / Release (Traumton / Indigo)