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rantalaIiro Rantala mag keine Sänger. Auch keine Sängerinnen. Instrumentalisten hätten doch so viel mehr zu erzählen, sagt er. Sein neues Album widmet er dennoch einem der größten Singer/Songwriter des 20. Jahrhunderts, John Lennon.

 Von Tobias RichtsteigrantalaIiro Rantala © Gregor Hohenberg

„Ich bin nicht so der typische skandinavische Künstler, der im Wald lebt, nur von Stille umgeben.“ Iiro Rantala lässt die liebgewordenen Klischees platzen wie eine Kaugummiblase. Eigentlich ist er ja Finne, also für Kaurismäki-sozialisierte Deutsche ein schwermütiger Tango-Bohemien, der große Mengen Wodka zu sich nimmt. So weit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Der strohblonde Pianist mit dem umwerfenden Lachen beschreibt sich eher als hibbeligen Hansdampf. „Ich kann mich auf nichts lange konzentrieren“, gesteht er. „Außer aufs Klavierspielen. Und wenn ich komponiere, kann ich schon mal 20 Minuten bei einer Sache bleiben.“ Aber Rantala leidet nicht unter seinem Aufmerksamkeitsdefizit, er hat einfach schon früh den passenden Beruf gefunden: Als kleiner Junge steckte seine Mutter ihn in den Knabenchor Cantores Minores, dessen Name eine dreiste Untertreibung war, denn die Sänger waren immerhin so großartig, dass sie auf Tourneen durch die ganze Welt zogen. „Wir sangen im Weißen Haus für Ronald Reagan. Hey, es waren die späten 70er!“ Der junge Iiro lernte nicht nur Vom-Blatt-Singen und Musiktheorie – er bekam auch den ersten Eindruck vom Musikerleben auf Tournee. „Das Touren war immer das Beste. Das passt zu mir und meiner Ruhelosigkeit.“ Bingo.

Aber der Ex-Sängerknabe geht noch einen Schritt weiter. Als man ihn beim Montreux Jazz Festival fragte, welche Superkraft er sich wünschen würde, sagte er, am liebsten würde er die Hälfte aller Sänger und Sängerinnen zum Schweigen bringen. Und er wiederholt dieses Statement nur zu gerne. „Ich finde einfach, die Leute verpassen so viel, weil sie fast nie Instrumentalmusik hören. Dabei kannst du doch mit einem Instrument so viel erzählen, richtig reden! Keith Jarrett, Miles Davis, Eddie Gomez oder Michael Brecker – die reden mit mir. Vielleicht bin ich ja nicht gesund. Aber die sagen mir viel mehr als so ein Justin Bieber.“

Sein neues Album hat er trotzdem einem populären Sänger gewidmet: Die 12 Songs auf My Working Class Hero hat alle John Lennon geschrieben, der vielleicht einflussreichste Songwriter des 20. Jahrhunderts. „Mein Leben ist voller Widersprüche“, lacht Rantala jeden Einwand beiseite. Außerdem seien es für ihn die Melodien, die die Faszination ausmachen, nicht die Texte, die für die meisten Leute im Vordergrund stehen. „Ich habe jetzt auch seine Biografie gelesen, um mich auf die Platte vorzubereiten. Lennon hatte ja einen ganz entspannten Umgang mit seinen gefeierten Liedern. In einem der letzten Interviews sagte er, das seien halt so Popsongs, die er rausbringe, und dann gehe es schon wieder an das Nächste. Keine große Sache. Deshalb hieß die Band mit Yoko Ono ja auch Plastic Ono. Industrieware. So sieht das aus, wenn ein Genie arbeitet. Wenn ich nur höre, wie Leute erzählen: ‚Wir waren sieben Jahre im Studio! Es ist jetzt perfekt!’ Dann denke ich mir nur: Bullshit! Für Lennon waren die Songs Alltagsgegenstände wie Brot. Jeden Tag frisch.“

Kennengelernt hat er Lennons Musik schon, als seine Verzweiflung über die unselige Weltherrschaft des oberflächlichen Gesangs noch nicht voll ausgebildet war. Das war 1982 in der Weihnachtszeit, und der Musiklehrer schlug Lennons Mitsingschlager „Happy Xmas (War Is Over)“ vor; Iiro begleitete die Klasse am Klavier. Noch heute erinnert er sich genau. „Und dann geht dieser Song los: ‚Now it’s Christmas, what have you done?’ Das hat mich umgehauen, so ein starker Einstieg: ‚Was hast du dieses Jahr gemacht? Der Krieg ist vorbei – wenn du es willst!’“ Immerhin hatte Lennon den Weihnachts-Schunkel-Hit 1971 geschrieben, gegen den Vietnamkrieg, der noch lange nicht zu Ende war. Wenn Rantala diesen Protestsong im Schafspelz auf dem Klavier intoniert, ist seine Begeisterung zu hören, vom zarten Einstieg in höchster Lage bis zum jubilierenden Gospel, in den man einfach einstimmen muss. Der Pianist freut sich, wenn er vom Instrument aus auch die Texte in den Köpfen der Zuhörer zum Mitschwingen bringt. Gerade auch bei pazifistischen Liedern wie „Imagine“. „,Stell dir vor, da sind keine Grenzen, keine Religion und auch kein Besitz‘ – das sind schon Botschaften, fast ein bisschen kommunistisch“, schmunzelt er. „Lennon fragte ‚Why can‘t we live in peace?’, und ich stimme ihm zu: Einerseits bauen wir Handys und entwickeln immer bessere Technologien, aber wir können immer noch nicht unseren Hass kontrollieren.“

Vom Singen zum Instrument
Iiro Rantala freut sich, dass es ihm gelingt, mit einem Soloklavieralbum so große Themen anzusprechen. Doch der Albumstitel My Working Class Hero bedeutet noch viel mehr. Rantala stammt eben nicht aus dem gern zitierten „musikalischen Elternhaus“. „Wir haben keine Künstler oder Musiker in der Familie. Meine Eltern hatten ein Fahrradgeschäft. Aber ich sang immer zum Radio, und meine Mutter meinte, ich sei begabt. Also fuhr sie mich zu diesem Knabenchor. Und nach ein paar Monaten sang ich Bachs Johannespassion und so weiter! Wenn du ein musikalisches Kind hast, ist ein Chor tatsächlich der beste Ort, wo es sein Gehör trainieren kann, Noten lernt und alles. Das ist wirklich magisch.“

Doch Lennon, der als Sohn eines Matrosen der Handelsmarine geboren wurde, ist eben nicht nur „working class“ für Rantala. Er stellt ihn ausdrücklich in die Reihe seiner musikalischen „Heroes“. Denen hat er schon vor Jahren das Album Lost Heroes gewidmet. Damals reichte die illustre Galerie von Art Tatum und Bill Evans über Esbjörn Svensson und Jaco Pastorius bis zu Luciano Pavarotti. Im Jahr darauf legte er im Quartett-Format My History of Jazz vor, die sich von Gershwin über Ellington und Monk zu Lars Gullin entwickelte, immer kontrastiert mit Johann Sebastian Bach und sogenannten „Goldberg Improvisations“. Der Finne pflegt einen sehr weit gefassten Jazzbegriff. „Ich habe ein Problem mit dem, was man vielleicht Jazz-Jazz nennen könnte“ gibt Rantala zu. „Wenn ein Walking Bass anfängt und ein swingendes Drumset setzt ein – dann bin ich wie gelähmt. Selbst wenn da Herbie Hancock auf der Bühne steht! Das ist doch alles schon Millionen Mal gehört worden!“

Für Iiro Rantala gibt es also gute Gründe, den Popmusiker Lennon in den Jazzkanon einzuführen. Denn bei diesen Standards werden die Maßstäbe neu gesetzt. Etwa bei „Help“, bei dem sich das Thema aus einer fast pointilistischen Einleitung herausschält, um dann im robusten Rockpiano-Groove vorgestellt zu werden, gefolgt von einem Refrain, der auch Satie oder seinen Freunden so hätte einfallen können, bis zum pastoralen Finale von Keith-Jarrett-Format. All das passt auf kleinsten Raum, Rantala ist ein Meister der Stilbrüche. Die dazu erforderliche Abgeklärtheit hat er sich beim Studium in New York angeeignet: „Eine gewisse Lockerheit ist überhaupt das Wichtigste. Da müssen wir uns ewig vor den Amerikanern verneigen. Hier in Europa haben wir die Bürde der klassischen Musik: zu viel Information! Jeder will immer das Richtige tun und bleibt dabei so verkniffen.“ Auch in dieser Hinsicht leistet Rantala Pionierarbeit. Ganz praktisch, wenn er etwa im Titelsong „My Working Class Hero“ die Melodie auf präparierten Saiten anschlägt oder im Finale von „All You Need Is Love“ geradezu anarchisch die satten Bässe des Flügels ins Fortissimo treibt. Der macht das ohne Probleme mit: ein Steinway-D-Instrument, Zierde seiner Art – der Brendel-Flügel aus dem früheren Besitz der Berliner Philharmonie, der heute in Diensten des Jazzlabels ACT steht. Iiro Rantala zeigt, dass auch Protestsongs, Rock ‘n‘Roll, Gospel und europäischer Jazz in dieser Wunderkiste stecken. Und was alles in ihm, dem Improvisator mit der Angst vor der Langeweile, und nicht zuletzt in den Songs von John Lennon steckt.

Aktuelle CD:
Iiro Rantala: My Working Class Hero (ACT / edelkultur)