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kaleidoscopeDas Kaleidoscope String Quartet liefert einen berührenden Soundtrack zum Herbst – mit Titeln wie „Sommer“ und „Winter“. Man taucht ein, versinkt, fliegt weg mit dieser Musik. Ist bewegt, erschüttert, beglückt. Manchmal fassungslos angesichts so viel emotionaler Reichhaltigkeit. Sie können spielen – und wie!

 Von Stefan Pieperkaleidoscope2Kaleidoscope String Quartet © Tabea Hueberli

Simon Heggendorn und Ronny Spiegel (viol), David Schnee (viola) und Some Hong (cello) haben 2009 das Kaleidoscope String Quartet gegründet. Nach dem CD-Debüt 2012 legen die Schweizer jetzt mit Curiosity den ultimativen Herbst-Soundtrack vor. Die Musik des aktuellen Albums lässt nicht mehr los – so wie das Coverfoto einer Hochebene vor einem Gletschermassiv Erhabenheit suggeriert. Die Stücke des Albums, die sich „Sommer“, „Winter“, „Lyric Song“ oder „Rhapsody in D“ nennen, wirken wie ein zyklisches Ganzes. Große elementare Bögen, die viele überraschende Wechsel und Wendungen erfahren, sind Sache dieser Schweizer. Der „Sommer“ beginnt mit einer fröhlich tänzelnden Melodie – aber schon hier verblüfft das Kaleidoskop an musikalischen Ideen, die sich federleicht und assoziativ, aber mit höchster Kunstfertigkeit ausbreiten.

Die Melodie verfängt sich in kontrapunktischen Geflechten, um sich gleich wieder daraus zu befreien, wird auf breit gestrichenem Unisonoklang vorangetragen. Thematische Ideen spinnen sich weiter. Eine andere, neue Farbe kommt wie ein Seitenthema in die Musik hinein. Die Rhythmik beflügelt, hat Swing. Vor allem das Geigenspiel von Simon Heggendorn lädt sich gern osteuropäisch auf – kein Wunder, da er ja auch Balkanjazz-Projekte betreibt. 1982 in Bern geboren, studierte Simon Heggendorn Klassik und Jazz bei Andy Scherrer, Beni Schmid, Daniel Zisman und Francis Coletta. Das Komponieren lernte er bei Frank Sikora, Christian Henking und Daniel Schnyder. Er widmet sich auch der Studioarbeit für Popmusikproduktionen und Filmmusik.

Anders, als die meisten Ensembles ihrer Zunft, musizieren sie immer auswendig. Das macht kaum ein Streichquartett, auch nicht Arditti und Co. Nach Simon Heggendorns Bekunden produziert dies einfach mehr Freiheit beim Spielen. Die Energien fließen anders, wenn die Augen nicht mehr in den Noten hängen. Und dass das Kaleidoscope String Quartet so klingt, wie es klingt, dafür haben schon etwa 70 Livekonzerte gesorgt. Man muss Erfahrungsschätze zu nutzen wissen und vor allem: etwas Neues daraus machen. Da vereint sich beim Kaleidoscope String Quartet erfrischend Konträres mit musikantischer Geschmeidigkeit. Auf den Standpunkt kommt es an. Simon Heggendorns definiert die künstlerische Haltung des Quartetts: „Wir komponieren eher aus der Perspektive des Musikers und des Publikums und erheben nicht den Anspruch, Avantgarde zu sein.“

Auf den Sommer folgt ein Winter. Grandios ist, wie die Spieler den Gestus umschalten können. Und wo andere Streichquartette eine gewisse akademische Schroffheit ausstrahlen, bleiben die Kaleidoscope-Streicher bei so etwas berückend emotional und musikantisch. Winter – das heißt Erstarrung und schwermütige Ruhe. Dabei können die Streicherfarben mit jeder noch so ergreifenden romantischen Komposition mithalten. Aus der Erstarrung lösen sich elektrisierende Spannungsfelder durch ausgiebige Tremolo-Texturen ähnlich wie in der Minmal Music. Die Melancholie bleibt über weite Strecken ein roter Faden, mit ausgiebig eingesetzter Moll-Tonalität und absteigender Chromatik, die an herabfallende Blätter erinnert. Aber es leuchten auch immer zarte, wärmende Aufhellungen am Horizont.

Zugleich bleibt ständig spürbar, dass die vier auch Jazz-Musiker sind. Wieselflink wird über Harmonien improvisiert, energetischer Druck bis in rockige Gefilde baut sich durch den Umgang mit Rhythmus, Tönen und Arpeggien auf. Bögen auf Saiten, Finger auf Saiten, Saiten, die gegen das Holz des Griffbretts schlagen – Streichinstrumente bieten genug Möglichkeiten für jeden erdenklichen Gestus. Dann wieder Lyrik. Oder ein absteigendes Zweitonmotiv, über das ein Cello seinen Klagegesang legt. Schon im nächsten Moment sind wir mitten in einer Songstruktur – das Kaleidoscope String Quartet macht auch in Rock und Pop eine hervorragende Figur.

Die durchgängige Emotion, der schlüssige musikalische Bogen und die ganze reiche Raffinesse führen auf einen Höhenflug, von dem aus Etiketten wie Crossover irgendwo ganz unten in schnöden Tiefen zurückgelassen werden. Die vier machen einfach nur beseelte Musik. Dahinter steht unverstellte Neugier (eben Curiosity), gepaart mit einem spielerischen Potenzial von Weltklasse. Vermutlich hat jeder, der sich von Notenständern frei macht, auch wieder einen freieren Blick: nämlich auf die reine Musik. Auf eine, die „weder in den Konzertsaal noch in den Jazzclub hineinpasst, aber in beide hereingehört“. So heißt es treffend auf der Band-Website.

Aktuelle CD:
Kaleidoscope String Quartet: Curiosity (Traumton / Indigo)