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kinky friedmanEr ist eine Ikone der amerikanischen Kultur, Country-Sänger, Literat, Dichter, Tierschützer, Politiker (Ex-Kandidat für den Posten des Gouverneurs von Texas) und unermüdlicher Kritiker des Washingtoner Polit-Establishments. Er ist so politisch unkorrekt, wie es nur geht, dennoch voller Respekt und Liebe für die Außenseiter, er singt, erzählt und spricht von Leuten, die ein Leben am Rande der Gesellschaft führen: Kinky Friedman.

J02 orangeVon Jan Kobrzinowskikinky friedman3

Er ist Amerikas berühmtester jüdischer Cowboy, studierter Psychologe mit freiwilligen Friedenseinsätzen in Indonesien, von wo aus er nach Texas zurückkehrte, um als Journalist zu arbeiten. Im Laufe der Jahrzehnte brachte er dann das Kunststück fertig, Fans sämtlicher Farben des politischen und kulturellen Spektrums für und gegen sich zu begeistern. In den 70er Jahren verpasste ihm die nationale Frauenbewegung wegen antifeministischer Propaganda den Titel „Male Chauvinist Pig of the Year“. So much for that.

Kinky Friedman war niemals wirklich einzuordnen – so zählten sowohl Bill Clinton als auch George W. Bush zu seinen Freunden. Auf die Frage, ob er sich mehr als Philosoph, Musiker, Schriftsteller oder Politiker sehe, sagte er einmal im Interview: „Ich sehe mich selbst in erster Linie als einen, der sich für die Streuner einsetzt. Meine besten Freunde sind streunende Hunde und ausgediente Kutschpferde.“

Kritische Amerikaner haben dieser Tage gewiss nicht viel zu lachen, aus ihren Reihen aber stammt immerhin ein charismatischer Typ wie der Kinkster. Nur schade, dass dieser Texas Jewboy (so der Name seiner Begleitband in früheren Jahren) mit Stetson und Zigarre jetzt nicht als US-Präsidentschaftskandidat zur Verfügung steht. Denn einer wie er, der beim Fernsehinterview seinen Hund auf dem Tisch herumlaufen lässt, mit dem Arschloch zur Kamera, während Herrchen ungerührt seinen Sermon zur Lage der Nation zum Besten gibt, kann eigentlich nur eine Bereicherung der politischen Landschaft sein. Nun aber hat er sich, zumindest, was politische Ambitionen betrifft, zur Ruhe gesetzt. Seine Songs und Interpretationen, so schreibt Michael Simmons in den Liner Notes zu seinem letztem Album The Loneliest Man I Ever Met, seien dazu angetan, uns, die wir im „twenty-worst century“ leben, das Bier mit Tränen zu versalzen.

Auf diesem Album findet sich unter anderen Perlen auch Warren Zevons Song „My Shit‘s Fucked Up“. Dazu sagt der Kinkster: „Er beschreibt wirklich genau den Zustand der Welt, wahrscheinlich besser als alles andere. Wir sind im Arsch … und vielleicht unwiderruflich. Warren traf den Nagel auf den Kopf, er war ein Visionär. Es trifft perfekt auf die heutige Welt zu.“ Die Welt habe letztlich Forrest-Gump-Trump als Präsidenten verdient, sein Lieblingskandidat wäre allerdings Bernie Sanders gewesen, insbesondere, weil in Amerika längst ein jüdischer Präsident überfällig ist. Darüber hinaus sei es bedauerlich, dass zurzeit kein Musiker für das Amt zur Verfügung stehe, obwohl doch klar sei, dass „wir diesen Staat viel besser regieren könnten als die Politiker. Wir würden morgens nicht viel gebacken kriegen, dafür aber spätabends richtig auf Touren kommen – und ehrlicher wären wir auch.“

„Being on the outside, looking in“ – das war von jeher Kinkys Lieblingsperspektive. So bewunderte er schon immer Peter Falks Inspektor Columbo: So wie der könnte auch er selbst kinky friedman2nie Mitglied im Country Club werden, hätte aber jederzeit die Möglichkeit, die dortigen Spießer von außen zu beobachten und gegebenenfalls zu entlarven. Auch als Kunstfigur bleibt Kinky Friedman sich treu: Der im New Yorker Exil lebende texanische Detektiv aus seinen Romanen trägt nicht nur seine Züge, sondern auch seinen Namen und lässt sich in gleicher Weise wie der echte Kinky über alle wichtigen Dinge des Lebens wie Weltpolitik, Country Music, Frauen, Whiskey und Katzenpsychologie aus. Friedmans Literatur ist beides: Hard-boiled-Krimi und Genre-Parodie.

Gibt es das eigentlich nur im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten? Es wäre doch gelacht, wenn nicht auch wir in europäischen Landen mit ein paar solcher Typen aufwarten könnten. Es gab doch auch hier schon Kulturschaffende, die es gewagt haben, mit gewissem Augenzwinkern und einer Portion Esprit gegen die allgemeine Humorlosigkeit politische Ämter auf Landesebene anzustreben oder zumindest für das Amt eines Bürgermeisters zu kandidieren.

Aktuelle CD:
Kinky Friedman: The Loneliest Man I Ever Met (Avenue A / Al!ve)