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2Cellos - Bad Boys aus dem KlassiklagerJeder von beiden hat zunächst mit Kammermusik Furore gemacht. Gemeinsam wollen sie nun als 2Cellos mit wüsten Coverversionen das Rockpublikum erobern. Brahms Klaviertrio No. 2, Scherzo, große Herausforderung, feine Sache. Es sei denn, man träumt von 3000 Zuhörern. Und bei Kammermusik kreischen nun mal keine Mädchen.

Von Klaus von Seckendorff2Cellos - Bad Boys aus dem Klassiklager
Bild: Stephan Lupino

Da spenden größtenteils ältere Herrschaften gesittet Beifall. Den gab’s reichlich auch für Stjepan Hauser und sein Greenwich Trio, der die Begeisterung jedoch gern so heftig hätte wie bei U2 – und die Rhythmen heftiger sogar als bei Shostakovich. Der junge Cellist ist bereit, auf subtilste Untertöne zu verzichten, wenn er sich dafür beim Saitenreißen austoben kann.

Dann ist da noch Luka Sulic, Kroate und 24 wie Hauser und als Cellist mit prestigeträchtigen Preisen ausgezeichnet für den Umgang mit Debussy und Sibelius. Auch er entdeckt spät, dass ihm Sting und Michael Jackson mindestens genauso wichtig sind wie Britten und Beethoven: »In mir steckt sooo viel Energie!« Was tun? Die beiden wollen so richtig »Bad« werden und knöpfen sich Michael Jackson vor. »Beat It« funktioniert leider nicht so recht für zwei mal vier Saiten im eher tief klingenden Bereich. Aber »Smooth Criminal«, da können sie die Bogenhaare zum Fliegen bringen, gegeneinander Virtuosen-Krieg führen: »Duelling Cellos« an der Crossover-Front. Die beiden Visionäre wollen es wissen, drehen auf eigene Faust ein Video - die kroatische Kleinstadt bewährt sich dank minimaler Kosten. Man nennt sich 2Cellos, stellt den Clip ins Netz und wird fast 6 Millionen mal angeklickt. »YouTube bedeutet Demokratie«, sagt Stjepan.

Ruf der Grenzgänger
Und das ist erst der Anfang. Stjepans Handy klingelt: »Hier ist Elton John. Ich möchte gern, dass ihr dabei seid, wenn ich demnächst auf Tournee gehe.« Vor allem aber: »Hallo, hier ist die Sony, es gibt da ein paar Leute in New York, die mit euch reden wollen.« Während ihr Videoteam nach »Welcome To the Jungle« (Guns’n’Roses), von den Hauptdarstellern als »noch wilder als ›Smooth Criminal‹ gerühmt, gerade den dritten Clip seiner kurzen Laufbahn dreht. Diesmal für Nigel Kennedy.

So weit, so überraschend gut gelaufen. Aber Luka und Stjepan haben ein Problem: »Was die Major Companies bisher mit all diesen sogenannten Crossover-Stars versucht haben, ist so ziemlich die schlimmste Musik, die wir kennen. Musiker, die es im klassischen Bereich nicht wirklich bringen, spielen miserabel arrangierte Meisterwerke und ruinieren mit ihren peinlichen Billigversionen den Ruf aller Grenzgänger zwischen den Bereichen.« Erinnert sich noch jemand an Vanessa Mae, Vier Jahreszeiten, gnadenlos zurechtgefiedelt auf mal weißer, mal durchsichtiger Geige? Nigel Kennedy, die gleichen Vivaldi-Hits, Punk-Attitüde, kreuzbrave Jazz-Gehversuche? David Garrett, »der schnellste Geiger, der schönste Geiger«? Stand mal mit Menuhin auf der Bühne, dem ein spätes Erleben des Niedergangs seines jungen Schützlings erspart blieb.

Hauser war der letze Schüler des legendären Mstislav Rostropovitch. Was der wohl sagen würde zu »Misirlou« aus Pulp Fiction oder »Welcome to the Jungle«?! Dass er vom Schwierigkeitsgrad der Arrangements beeindruckt wäre, da sind sich die bösen Buben des Cellos sicher. Für ihr Debütalbum covern 2Cellos Nirvana und Sting, und Rammstein wird naheliegen, wenn erst die USA cello-ekstatisch angegangen werden sollen. Denn etwas macht einen Song speziell spannend für die Jungs, die von sich sagen, sie seien ja so froh, dass sie als Twens den letzten Zug in Richtung Rock-Ruhm gerade noch erwischt haben: Wenn sich eines dieser krass repetitiven Riffs finden lässt, die fürs Wilde garantieren und zwei Celli nach ganzer Band klingen lassen. Bassfiguren, die live immer Lukas spielen muss, weil Stjepan keine Lust hat, sein Cello dafür umzustimmen und dafür wiederum von Luka als »die Diva« bezeichnet wird – zumindest der Form nach im Scherz. Und dann erzählt er, dass er schon mit 15 so leidenschaftlich spielte, dass sein Lehrer ihn am liebsten in einen Käfig gesteckt hätte.

Mädels zum Kreischen
Wenn man die beiden Kroaten heutzutage mit den alten Hasen von Eltons Tourband auf der Bühne sieht, in gelb-roten Ringel-T-Shirts und coolen Sonnenbrillen ein neckischer Gegenpol zum Rockopa-Club, spürt man klassische Vergangenheit nur noch als Präzision, gelegentlich als Wille zu einer gewissen dynamischen Abstufung. 2Cellos sind Elton Johns String Section, mit Leib und Seele: zwei Rockmusiker, spät ausgebrochen aus dem Käfig der Klassik.

Noch sehnen sie sich nicht zurück nach Zuhörern im engeren Wortsinn, die auf feine Nuancen achten, auf kammermusikalische Balancen, Themenverarbeitung und weite Spannungsbögen. Die beiden Cellisten gehen mit unübersehbarem Spaß zur Schule, lernen von Elton John, wie man 3000 Leute zweieinhalb Stunden lang in den Griff kriegt, sie glücklich macht, zum Toben bringt und einige Mädels gar zum Kreischen. Demnächst wollen sie es auf eigene Faust versuchen: Welcome to the Mainstream-Jungle!


Aktuelle CD:
2Cellos: 2Cellos (Sony)