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fiftyfifty1.jpgManfred Kniel und Ekkehard Rössle wissen, wie man sich zurückhält. Mit ihrem Duo Fifty-Fifty sind sie einem minimalistischen Loop-Jazz auf der Spur. Jazz kann zuweilen ziemlich redselig sein. Ein sparsamer Umgang mit Tönen gehört nicht zu den hervorstechendsten Merkmalen des Genres. Im Gegenteil: Die Improvisationen bieten den Solisten die Möglichkeit, ihre Fabulierkunst ausgiebigst unter Beweis zu stellen, was ausufernd geraten kann. Von Christoph Wagnerfiftyfifty2.jpg

Von diesem Musizierideal hat sich die Gruppe Fifty-Fifty verabschiedet, die von nur zwei Musikern gebildet wird. Drummer Manfred Kniel schlägt vielschichtige Trommelfiguren, die sich loop-artig auf verschiedenen Zeitebenen bewegen. Kniel ist ein Rhythmusdesigner, der Schlagmuster entwirft, bei denen jede Klangfarbe mit Bedacht gewählt ist - hochkomplex und einfach zugleich. Saxofonist Ekkehard Rössle gibt sparsame Melodiepartikel hinzu, spielt knappe Linien, die die Sensibilität des Cooljazz von Jimmy Giuffre atmen. Kein Wunder, Rössle hat beim österreichischen Altmeister Hans Koller studiert.

Mit Rebecca Harris vom experimentellen Frauenensemble Nista Nije Nista haben die beiden für ihr neues Album Let’s Count eine Vokalistin an Bord geholt, die sich nicht als egozentrische Diva geriert, sondern einpasst. Harris hält sich bewusst zurück und verwandelt ihre Stimme in ein Bauelement der schlanken Konstruktion. Meistens rezitiert sie nur ein paar knappe Verse, die dann leicht variiert werden, immer darauf bedacht, die Transparenz der Musik nicht zu trüben. Nur selten verliert sie kurz die Contenance, wie im Stück »Sokrates«, das spitzbübisch mit der Formel »bla bla bla« spielt.

Fifty-Fifty entwirft einen Loop-Jazz, der, obwohl akustisch gespielt, eher an die intelligenteren Varianten moderner Clubelektronik erinnert und konzeptionell dem minimalistischen Popdadaismus einer Gruppe wie Stephan Remmlers Trio nähersteht als den improvisatorischen Verausgabungen von John Coltrane oder Pharoah Sanders.

Manfred Kniel (Jahrgang 1951) ist ein Veteran der deutschen Jazzszene. Der Schlagzeuger hat schon als 20-Jähriger Anfang der 70er Jahre mit der Frédéric Rabold Crew für Aufsehen gesorgt. Die damalige Sängerin der Stuttgarter Mini-Bigband war Lauren Newton, in deren Quartett mit David Friedman (vib) und Thomas Stabenow (b) Kniel später für präzises Timing und virtuoses Trommelspiel sorgte. Dann verabschiedete sich der Drummer ein Jahrzehnt von der Konzertbühne, um im Orchestergraben das Auskommen für seine Familie zu verdienen. Erst im neuen Jahrtausend kehrte er auf die Szene zurück, während er gleichzeitig an der Stuttgarter Musikhochschule die Nachfolge von Pierre Favre antrat.

Hier traf er seinen Duopartner, den Saxofonisten Ekkehard Rössle, der 1994 mit dem Jazzpreis Baden-Württemberg dekoriert worden war. Mit Rössle entwickelte Kniel die minimalistische Konzeption von Fifty-Fifty, nachdem er zuvor schon mit seinem Reduction Quartet mit Mike Svoboda (tb) und Karl Farrent (tp) Erkundungen in diese Richtung unternommen hatte. Mit der Kombination von Saxofon und Schlagzeug reiht sich Fifty-Fifty in eine Tradition ein, die 1967 mit einem Paukenschlag begann, als John Coltrane mit Schlagzeuger Rashied Ali das bahnbrechende Album Interstellar Space aufnahm. Zur gleichen Zeit entwarfen in Europa Willem Breuker (sax) und Han Bennink (dr) ihren New Acoustic Swing. Seither gab es immer wieder Musiker, die von dieser speziellen Besetzung fasziniert waren, aber meistens die freie Improvisation als Zugang wählten. Damit haben Kniel und Rössle abgeschlossen. Ihre Musik basiert auf Kompositionen, deren improvisatorische Parts genau abgesteckt sind.

»Die psychologische Herausforderung besteht darin, dem Erwartungsdruck der Zuhörer nicht nachzugeben und seine Virtuosität und Spieltechnik in Zaum zu halten. Man braucht nicht alles zu zeigen, was man kann«, stellt Kniel fest. »Es ist schwierig, Zurückhaltung zu üben, die Improvisationsteile diszipliniert zu gestalten und sein Ego nicht heraus-, sondern in den Dienst der Konzeption zu stellen. Dazu kommt die Angst vor der Stille. Musiker neigen dazu, Pausen mit Tönen und Klängen zu füllen.« Die instrumentale Beschränkung schafft Transparenz und Raum. Manchmal kommt die Musik so nonchalant daher wie eine Miniatur von Erik Satie oder groovt in hypnotischer Manier. Ein ironisches Augenzwinkern bringt gelegentlich eine feine Prise Humor ins Spiel, was diesen Minimal-Loop-Jazz nur zu einer noch unterhaltsameren Angelegenheit macht.


Aktuelle CD:
Fifty-Fifty: Let’s Count (Klangbad / Broken Silence)