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Zurück in die Zukunft! Wenn der Deutsch-Chilene Uwe Schmidt als Señor Coconut auf Yellow Fever!, seinem neuesten Angriff auf die Geschmackspolizei der Techno-Generation, die Klassiker der Techno-Pop-Pioniere Yellow Magic Orchestra (YMO) im Latin-Sound umsetzt, dann ist diese Reanimierung des YMO nach der Jahrtausendwende vielmehr eine Besinnung auf die Wurzeln der kultigen Japaner und gleichzeitig eine zukunftsweisende Fortentwicklung des Remix-Gedankens.

Von Hans-Jürgen LenhartSeñor Coconut
Bild: Juan Pablo Montalva

Gelbfieber

Wenn Schmidts CD Yellow Fever! auf manche auch fast wie eine im Gelbfieber entstandene Parodie von Techno-Klassikern wirken mag, so ist sie in Wirklichkeit die Zusammenführung zweier internationaler Musikwelten und eine kreative Auseinandersetzung mit den Stereotypen von Latin und Techno.

Yellow Fever! hat mehrere Aspekte. Da ist zunächst die Mischung seiner bisherigen Produktionstechniken: Sample-Collagen der Originale und das mit Samples aus unzähligen Retro-Latin-Stücken aufgebaute Nachspielen von Songs. Zusätzlich ließ er die Songs von echten Musikern im Latin-Sound einspielen und verschmolz sie mit Latin-Samples, die im Kontrast dazu wirken. Gleichzeitig führt Señor Coconut die Musik des YMO in die Atmosphäre des Exotica-Sounds des legendären Martin Denny zurück, einer der nachhaltigsten Einflüsse der Japaner. Martin Denny war in den 60ern Leiter eines Tanzmusikorchesters auf Hawaii, der in seinen Easy-Listening-Stil die akustische Welt des Regenwaldes integrierte: von kreischenden Äffchen bis zu schnatternden Papageien und dem Rauschen der Meereswellen. Und tatsächlich covert Señor Coconut das YMO-Cover von Martin Dennys Stück »Firecracker« und simuliert dabei den Exotica-Sound Dennys.

Das Projekt Señor Coconut begann eigentlich bereits 1997 mit dem Umzug Uwe Schmidts von Frankfurt am Main nach Santiago de Chile. Bis dahin und auch später noch hatte er sich unter verschiedensten Pseudonymen in der Elektroszene ausgetobt, u.a. als LB, wo er klassischen Oldies eine völlig neue Hörerfahrung vermittelte, indem er sie in einen synthetischen Chill-Out-Sound versetzte. Auf El Gran Baile sampelte er 1997 wild aus seiner Latino-Plattensammlung und sich damit in einen virtuellen Latin-Kosmos. Dann folgte 2000 mit El Baile Alemán die skurrile Anwendung dieses Prinzips auf klassische Hits von Kraftwerk, deren teutonische Sterilität dabei mit der Energie von Mambo und Cumbia geimpft wurde. Als Deutscher in Chile entwickelte er mit seinen Projekten die nötige Distanz zur Technomode in Deutschland und brachte als Exilant aus der synthetischen Welt die gleiche Distanz zum Traditionsbewusstsein der Latin-Kultur mit. Auf Fiesta Song nahm er sich dann 2003 mit einem Orchester bewährten Oldies wie Sades »Smooth Operator« an und simulierte dabei den Bigband-Latin-Sound vergangener Tage. 2005 folgte dagegen eine Zusammenstellung lateinamerikanischer Dancefloor-Acts mit den aktuellsten Stilen von Aciton bis Funk Carica auf Señor Coconut presents Coconut FM.

Im Unterschied zu Kraftwerk waren Yellow Magic Orchestra, die oft als deren japanisches Gegenbild angesehen wurden, stilistisch wesentlich mehr Einflüssen ausgesetzt. Man kann aus ihrer Musik Disco, Jazz, Funk, Revuesongs, Bossa Nova und vieles mehr heraushören, was der grundsätzlichen Neugier der Japaner an der internationalen Musikwelt entsprach. Im Grunde entspricht Señor Coconut dem ästhetischen Gedankengut seiner YMO-Kollegen, die ja auch schon einen Beatles-Klassiker auf ihre exotische Weise coverten. Schmidt reproduzierte den technoiden Hintergrund der Japaner und deren dadurch geprägte Sichtweise auf Musikwelten außerhalb Japans und wendete sie wieder auf YMO selbst an. Dabei unterstützten ihn neben den drei YMO-Mitgliedern Ryuichi Sakamoto, Haruomi Hosono und Yukihiro Takahashi noch der Mann, der Schmidt einst in Japan zuerst herausbrachte, Labelchef Towa Tei, sowie Mitstreiter wie Mouse on Mars, Schneider TM, Burnt Friedman und der venezuelanische Sänger Argenis Brito.

Wenn die Kokosnuss spricht

Hans-Jürgen Lenhart: Woher stammt eigentlich deine Band, mit der du ja schon die Kraftwerk-CD live umgesetzt hattest?
Señor Coconut: Die meisten stammen aus Dänemark und Deutschland. Aufgenommen wurde bei meinem Perkussionisten Norbert Krämer in Köln, der auch arrangiert hat. Ich habe die Titel ausgesucht und Musikstilen zugeordnet, wir haben dann zusammen geklärt, welche Harmonien passen.
Hans-Jürgen Lenhart: Wie kommt man eigentlich dazu, derart weit auseinander liegende Musik zusammenzuführen?
Señor Coconut: YMO war eine der ersten Elektronikbands, die ich je gehört habe. Aber es gab für mich vor allem nie eingegrenzte Gebiete. Mich interessiert, wie die musikalischen Prototypen funktionieren. Zum Beispiel ein Mambo: Wie wird er präsentiert und vermarktet? Dadurch entstehen Stereotypen mit einer bestimmten Ästhetik. Wenn man in deren Tiefe geht, lösen diese sich aber schnell auf. Argentinische Musik ist nicht immer nur Tango, es gibt dort genauso viele Rock- oder Technomusiker.
Hans-Jürgen Lenhart: Bist du also das Gegenteil eines musikalischen Fraktionisten und löst sich auch bei den Zuhörern dieser Fraktionismus inzwischen auf?
Señor Coconut: Es existiert beides sehr stark. Wenn ich mich z.B. in England vermarkten will, passe ich einerseits in der Radiolandschaft nie in die Kategorien, die da stilistisch an Sendungen existieren, andererseits kann ich wiederum in der Konzertszene abwechselnd auf Weltmusik- oder Elektronikfestivals, in Tiki-Clubs oder Jazz-Cafés spielen. Wenn ich einfacher einzuordnen wäre, wäre es aber auch weniger spannend. Fürs Management ist das aber generell nicht einfach.
Hans-Jürgen Lenhart: Wie kamst du zur Zusammenarbeit mit den YMO-Mitgliedern?
Señor Coconut: Nun, in Japan bin ich ja relativ präsent, da gab es so eine Art Synchronschaltung. Bei Kraftwerk war es damals weniger entspannt. Die reagierten distanzierter. Hosono und ich haben uns Anfang der 90er bereits öfters gegenseitig veröffentlicht, und Sakamoto lud mich vor drei Jahren zu einem Internet-Projekt ein. Irgendwann hatte ich dann die Idee zu dem Album und schlug ihnen vor, mitzumachen - und sie sagten sofort zu. Sakamoto spielt E-Piano auf einem Titel, die anderen singen Backgroundvocals als Gastmusiker mit.
Hans-Jürgen Lenhart: Wie bist du an die YMO-Stücke herangegangen?
Señor Coconut: Es gibt sehr wenig Freiraum bei YMO-Stücken. Bei Kraftwerk dagegen gab es immer improvisierte Teile, die auch lange laufen. YMO ist dagegen komplett durchgestylt. In der Abfolge der Harmonien gibt es einen ganz stringenten Aufbau. Da fällt es schwer, eine Latin-Harmonie reinzuschmuggeln. Man kann nichts rauswerfen und auch nichts an Soli einbauen. Man kann sich höchstens ein bisschen in den Arrangements austoben. Das abstrakte Cut-and-Paste kommt auf Yellow Fever! in den Interludes zwischen den Stücken wieder zum Zug. Wie bei El Baile Alemán treten Programmierung wie auch das Thema Cover in den Vordergrund. Dritter Schritt: Die auf Fiesta Songs begonnene Zusammenarbeit mit Session-Musikern wurde weitergeführt. Durch das detaillierte Erstellen komplexer Arrangements wird nun der akustische Anteil der Musik zur Perfektion gebracht, er wird aber gleichzeitig durch digitale Einwürfe stärker kontrastiert. Yellow Fever! kann man durchaus als meinen ersten Versuch auf dem Weg in Richtung einer hypereklektischen Musik betrachten.
Hans-Jürgen Lenhart: Du zitierst im Grunde ja den starken Bezug der Japaner zu lateinamerikanischer Musik. Wie erklärst du dir diesen eigentlich?
Señor Coconut: Die Japaner haben generell ein sehr eklektisches Kulturverständnis. Das sieht man schon im Stadtbild von Tokio. Es ist dort Mode, ein Patchwork der ganzen Welt darzustellen. Manchmal bekommen alle neuen Automarken italienische Namen usw. Die Musiker interessieren sich für die Popmusik der ganzen Welt, es gehört auch zu ihrer Ausbildung. Der Bezug zu Latin Music ist tatsächlich aber nur ein Teil davon. Aber es gibt auch eine große japanische Kommune in Peru und Brasilien. Japan hatte bis vor 200 Jahren ja gar keinen Austausch mit dem Rest der Welt. Als die Engländer einst Fuß fassen wollten, wurde dies vom Kaiser untersagt. Man lebte zudem kulturell isoliert auf einer Insel. Erst mit der Besetzung Japans nach dem 2. Weltkrieg änderte sich das. Dadurch entstand ein ungeheurer Nachholbedarf. Das YMO ist daher schon immer sehr eklektisch gewesen. Ein Bezug davon war auch Martin Denny.
Hans-Jürgen Lenhart: Wieso wird Martin Denny nun gerade in der Elektronikszene so derart oft bewundert?
Señor Coconut: Seine Musik ist skurril und daher immer innovativ gewesen. Er hat Musik geschaffen mit einer Klangwelt, die er und seine Konsumenten eigentlich nie direkt kannten.
Hans-Jürgen Lenhart: Wie kam es zu dem großen Schritt, von Frankfurt ausgerechnet nach Santiago umzusiedeln?
Señor Coconut: Es stimmt, Santiago ist sehr weit vom Schuss - und das war auch der Grund. Es ging mir auch nicht um die Suche nach neuen Musikszenen. Santiago ist ein sehr sperriger Ort. Schon Anfang der 90er wollte ich mich geographisch verändern, aber die anderen Orte in Lateinamerika waren mir immer zu quirlig oder zu heiß. Dann begann sich so langsam, mein Verhältnis zu Frankfurt aufzulösen, gleichzeitig hatte ich Kontakt zu einem chilenischen Musikerfreund. Das war ein Anhaltspunkt, über ihn konnte ich gleich ein Haus mieten, es kam wie gerufen. Ich lernte Chile auch eher im Winter kennen, also nicht in so tropischer Hitze. Das war mir auch angenehm. Die Musikszene dort hatte mich anfangs gar nicht interessiert, aber meine Frau spielte in einer der bekannten Popbands und darüber kam man dann doch sehr schnell mit der relativ eingrenzbaren Szene in Kontakt.
Hans-Jürgen Lenhart: Manche haben dir bezüglich deines Sample-lastigen Latinsounds Ausbeutung vorgeworfen. Wie stehst du dazu?
Señor Coconut: Ich weiß: Ein Deutscher geht nach Lateinamerika, benutzt das Material dort, führt es wieder zurück nach Europa und saugt damit das fremde Land aus. Ich bin sozusagen der musikalische Imperialist. Diese Kritik kommt aber eher aus Kolonialländern, die Schuldgefühle haben und daher sensibel reagieren. Aber da moralische Parameter anzusetzen, halte ich eigentlich für zu viel des Guten. Es gibt von mir nur vier Alben mit Covers und um die 200 mit eigenen Werken. Mir geht es um das Experimentieren mit neuen Strukturen, aber oft sieht man nur die Señor-Coconut-Alben, weil sie von mir eben am bekanntesten sind. Dabei übersieht man die direkte musikalische Ausbeutung, etwa unfaire Verträge mit lateinamerikanischen Musikern, deren Vermarktung dann in Europa den Produzenten mehr bringt als den Musikern, was aber derzeit eher in Osteuropa als in Chile machbar ist.

Aktuelle CD:
Señor Coconut: Yellow Fever! (Essay Recordings / Indigo)