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Kleine Inseln – große Musik. Die 21-jährige Sängerin Mayra Andrade von den Kap Verden zählt zu den vielen neuen Talenten der Inselgruppe, und man feiert sie schon als Evora-Nachfolgerin, wobei man erwähnen sollte, dass die kapverdischen Musiker selbst entsprechende Konkurrenzgedanken gar nicht erst aufkommen lassen. So begann sie ihre Karriere auch im Vorprogramm der Evora. Nach dem Erscheinen ihres Albums Navega kommt sie nun auf Deutschland-Tournee. Von Hans-Jürgen Lenhart

Die Kapverdischen Inseln sind eine relativ kleine Inselgruppe vor der westafrikanischen Küste. Seit die Sängerin Cesaria Evora in den frühen 90ern mit ihren Welterfolgen die Inselgruppe für immer ins Bewusstsein der Weltmusikgemeinde gerückt hat, tauchten nach und nach immer mehr Talente von dort auf, die durch erstaunliche musikalische Virtuosität beeindruckten. Vor allem Gitarristen wie Bau und Tcheka zählen heute zu den Besten ihres Kontinents. Nach einer Weile entstand jedoch eine gewisse stilistische Gleichförmigkeit, die auch damit zusammenhing, dass Cesaria Evora begann, sich zunehmend selbst zu zitieren. Musiker, die außer ihr bekannt wurden, kamen meist aus ihrem Umfeld und vermittelten oft einen ähnlichen Eindruck. Lediglich die historisch orientierte zehnköpfige Gruppe Simentera sorgte für etwas Abwechslung. Erst in den letzten Jahren tauchten von den Kap Verden her neue Namen auf, die wieder aufhorchen ließen, und es waren vor allem junge Sängerinnen. Namen wie Lena Timas, Lura, Sara Tavares oder zuletzt Mayra Andrade verpassen der traditionellen Musik der Kap Verden ein schnelleres Tempo. Die Musik wirkte tanzbarer, und auch neue Rhythmen und Instrumente kamen zum Einsatz.

Musikalisch steht Mayra Andrade irgendwo in der Mitte zwischen Lura und Cesaria Evora. Mit ihrer lasziven Stimme und eher einfachen Begleitung erinnert sie fast etwas an die Brasilianerin Marisa Monte. Ihre Stücke sind rhythmischer, funkiger, weniger melancholisch als bei der Evora. Wenn sie aber einmal einen Morna singt, dann beginnt dieser ganz leise mit Bass und Cavaquinho und dieser Ergriffenheit wird sich niemand so leicht entziehen können. Anspieltipp ist das Titelstück, der Walzer »Navega«, der sich immer schneller dreht, bei dem sich Akkordeon und Gesang gegenseitig antreiben und der dabei an die dynamischen Steigerungen im Flamenco erinnert. Ansonsten dringt am Schluss vieler Stücke oft ein jazziges Saxofon durch, und sie versucht mit »Comme s'il en pleuvait« womöglich einen Hit in ihrer Wahlheimat Frankreich zu landen.

Mayra Andrade lebt in Paris, ist erstaunlich jung und daher auch das Hören von Popmusik gewöhnt. Und das ist es auch vielleicht, was ihre Musik so etwas anders macht. Sie selbst sagt dazu: »Ich stehe seit sechs Jahren auf der Bühne und diese ist meine Schule, mein Laboratorium und ein guter Platz, um sich auszutauschen. Ich glaube, dies genügt, um herauszufinden, in welcher Art Sprache ich dieses Album aufnehmen sollte. Pop, R&B oder Rock höre ich viel, aber meine Gefühle und meine Kultur kann ich damit nicht ausdrücken.« Gleichzeitig findet man in Paris noch am ehesten passende Musiker, wenn man mit ethnischer Musik etwas Neues ausprobieren will. Der kapverdische Morna soll einigen Quellen zufolge als Abwandlung der brasilianischen Modinha um 1800 auf die Inseln importiert worden sein und Elemente des Fado integriert haben. Daher ist die Zusammenarbeit kapverdischer mit brasilianischen Musikern keineswegs abwegig. Das sagte sich wohl auch Mayra Andrade und nahm etliche Brasilianer, die man in Paris leicht findet, in ihre Band auf - wie den Perkussionisten Zé Luis Nascimento, den Bandolim-Spieler Hamilton de Holanda und die beiden Gitarristen Tarcisio Gondim and Nelson Ferreira. Der Rest der Band kommt aus ihrer Heimat sowie Madagaskar und Kamerun. Die Brasilianer tendieren musikalisch zu mehr Pop-Touch und Rhythmusbetonung. Trotzdem sie wie viele afrikanische Stars in den europäischen Metropolen lebt, meint Mayra Andrade: »Mein Bezug zur Kultur der Kap Verden ist auch im Ausland nie verloren gegangen, im Gegenteil. Dafür ist diese Kultur viel zu stark. Immerhin habe ich die Hälfte meines kurzen Lebens dort verbracht. Im Senegal, in Angola oder Deutschland, wo ich auch lebte, habe ich viel dazugelernt, vor allem, meine Heimat mit anderen Augen zu betrachten.«

Mit 16 Jahren gewann Mayra Andrade die Goldmedaille als beste Sängerin bei den Jeux de la Francophonie 2001 in Kanada. Von da an ging es für die heute 21-jährige Sängerin Schlag auf Schlag. Sie trat auf Festivals mit Joe Zawinul und Angelique Kidjo auf. 2005 lud Chanson-Legende Charles Aznavour sie ein, mit ihm ein Duett auf seinem Album zu singen. Hierbei kam ihr das Glück der Tüchtigen entgegen: »Zur Zusammenarbeit mit Charles Aznavour kam es, weil ich mit seiner Tochter Katja seit einigen Jahren befreundet bin, die nicht nur mit ihrem Vater auf der Bühne zusammenarbeitet, sondern vor allem meine Arbeit immer verfolgt hat. Eines Tages rief ihr Vater an und bat mich, zwei Duette auf seinem neuen Album mit ihm zu singen. Das war nicht nur eine große Überraschung für mich, sondern auch ein positiver Druck, mein Bestes zu geben und seinen Entschluss, mich einzuladen, durch meine Arbeit zu bestätigen.«

An der Seite von Bau, einem Musiker aus Evoras Band, trat Andrade später im Coliseu dos Recreios in Lissabon auf. Und zum New- Morning-Festival wurde sie als Support-Act für Cesaria Evora geladen. Seitdem ist die gebürtige Kubanerin und Tochter von kapverdischen Eltern eine viel beachtete Botschafterin all jener alten Tänze und Rhythmen wie Funana, Ferrinho, Cola Sanjon und Batuque. Wichtig sind ihr aber auch die Texte der Lieder, von denen sie einige selbst geschrieben hat:

»Wenn ich traditionelle Musik der Kap Verden singe, ist es doch natürlich, auch unsere Sprache, das Kreolische zu benützen. Man sagt zwar, Gefühle und schöne Melodien sind eine universelle Sprache, aber die Botschaft eines Liedes hat für mich immer noch eine wichtige Rolle, weshalb die Texte für das Booklet übersetzt wurden. In Navega singe ich über den Alltag der Kap Verden, über Episoden unserer Geschichte, über Liebe, Emigration, Demokratie, Leben und Tod. Das sind bestimmt keine bedeutungslosen Themen. Aufrichtige Texte kann man immer genießen.«

Aktuelle CD: Mayra Andrade: Navega (Sony BMG / RCA)