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Die Sängerin Yasmin Levy in Lörrach zu treffen, das ist schon seltsam. Denn Lörrach, in der Nähe von Heidelberg gelegen, ist ein wunderschönes Städtchen. Es lädt zum Dableiben ein. Aber trotzdem will Yasmin Levy nur eine Durchreisende sein. Denn sie hat ein anderes Ziel. Die 1975 geborene Sängerin möchte zurück. Wohin? »Nach Jerusalem!« Mit Verlaub, dort rumst es mal wieder gewaltig! Hast du keine Angst? Oder bist du vielleicht verrückt, Yasmin, dorthin zu gehen? Schulterzucken. »Wo soll ich sonst hingehen? Das ist doch meine Heimat!«



Tatsächlich wurde sie dort geboren, in Bakaa, Jerusalem, an einem 23. Dezember. Sie lebt dort in einem Haus, in dem bereits ihre Eltern lebten; sie lebt dort, um Zeit mit ihrem Ehemann, ihrer Mutter und ihren Brüdern zu verbringen. Ein Stück Heimat nimmt sie in Gestalt ihres Ehemanns ins Ausland mit, wenn er sie als Instrumentalist und als eine Art Roadmanager begleitet, wenn sie Israel verlässt und mit Liedern in Europa den Wanderwegen der Kultur folgt.

Nach ihrem ersten Album Romance & Yasmin reist ihr eine gewisser Ruf voraus. In SONGLINES hieß es: »A developing talent with cult status« - und kein Geringerer als Charlie Gillett von der BBC musste mit den Worten kämpfen, als er Yasmin Levy singen hörte: »I close my eyes and Yasmin Levy fills my head with her voice, searing, soaring, sighing. ... I open the microphone und strugggle to find words.« Und wovon oder was singt diese Frau mit ihrer außergewöhnlich klaren und doch so leidenschaftlichen, in der Diktion so präzisen Stimme? Der INDEPENDENT weiß es: »Yasmin Levy’s speciality is Judeo-Spanish songs from 600 years ago ... what she does with them is electrifying.«

Mit anderen Worten: Yasmin Levy geht nicht nur ein Ruf voraus, sie reist auch einem Ruf hinterher. Die Israelin singt nicht irgendwelche Lieder, die ihr zwischen der einen oder anderen (staats-)terroristischen Aktion eingefallen sind und die sich in der Tagesaktualität nur allzu schnell verflüchtigen. Ihre Liebeslieder sind keinem obskuren postpubertären Weltschmerz von bildungsbürgerlichen Eliten geschuldet, sondern gründen tief in der Geschichte der judäisch-spanischen Musikkulturen und ihrer Traditionen.

Nicht, dass Traditionen per se gut zu heißen sind. Insbesondere nicht im Nahen und Mittleren Osten, wo Schuldsprüche und Taten generationenlang hochgerechnet werden und sich verheerend auf die Gegenwart und Zukunft auswirken. Gleichwohl ist Yasmin Levys Musik nicht von der Tradition zu trennen, gleichwohl klingt ihre Musik recht gegenwärtig. Denn sie ist intensiv. Und Intensität ist eine Qualität, die ewig aktuell bleibt, ein guter traditioneller Wert. Und es schadet dieser Intensität keinesfalls, dass zu ihrem Gesang keine Fuzz-Box, kein DJ-Gescratche und keine vorgemischten Drum-Sets zu hören sind. Stattdessen erklingen eine türkische Ney und diverse Perkussionsinstrumente, werden Gitarren und Ouds gezupft.

Wovon und was sie singt? Sie selbst versteht sich als Botschafterin der Ladino-Kultur, sie singt die Musik der sephardischen Juden, die einst über die Türkei und Spanien ins gelobte Land kamen. Ihr Vater, der 1919 in der Türkei geborene Yitzhak Levy, kam als Dreijähriger nach Palästina; als Komponist und Kantor widmete er sein Leben und sein Schaffen der Musik der sephardischen Juden. Er veröffentlichte mehrere Bücher, in denen er die mehrere Jahrhunderte alten, bislang nur mündlich überlieferten Gesänge in schriftlicher Form festhielt. Nach der Gründung des Staates Israel leitete er die Abteilung für Ladino-Kultur im israelischen Staatsradio. »Leider starb mein Vater, als ich etwas älter als ein Jahr war. Und obwohl mich die Musik meines Vaters, die ganze Ladino-Kultur, mich von frühester Jugend umgab, meine Mutter mir diese Lieder immer wieder vorsang, hatte ich lange Zeit eigentlich keinen direkten Zugang zu ihr. Das änderte sich, als ich als Siebzehnjährige bei einer Freundin meiner Mutter in Nordspanien zu Besuch war. Ich nahm Piano-Stunden, und diese Freundin meiner Mutter schimpfte mit mir, dass ich die Musik meines Vaters, ja, die Musik meines Volkes nicht kannte. Von da an begann ich, mich neu mit der Ladino-Kultur auseinanderzusetzen.«

Frucht dieser Auseinandersetzung war das viel bejubelte Debüt Romance & Yasmin, getragen vom Geist der Liebeslieder, die teilweise bis ins Mittelalter zurückreichten. Das aktuelle Album La Juderia erreicht noch einen weiteren Intensitätsgrad. »Der Albumtitel«, so erklärt sie, »leitet sich von der Bezeichnung ab, die den jüdischen Vierteln einst in Spanien gegeben wurde. Die Juden kamen Anfang des achten Jahrhunderts nach Spanien. Zur selben Zeit wurde Spanien von den Moslems erobert. Bis 1492, als die Christen Spanien zurückeroberten, lebten Moslems und Juden gemeinsam in Spanien. Die Christen vertrieben beide. Doch die Vertreibung der Araber hatte in Spanien Spuren hinterlassen.« Wo mehrere Jahrhunderte lang Muezzins und Rabbis gepredigt hatten, wo liturgische Gesänge von den Wänden geschallt hatten, da ließ sich dieser Klang auch nicht durch Pogrome vertreiben. »Ja, und dann kamen die Gypsies; sie fügten den Gesängen des Kantors und den Rufen der Muezzins ihre Rhythmen und ihre Musik bei. Im Laufe von einigen hundert Jahren entstand dann insbesondere in Andalusien eine sehr aufregende Musik, dieser Flamenco. Zur gleichen Zeit, so vor dreihundert Jahren, entstand dann Ladino, diese judäisch-spanische Musik und Kultur, die von spanischen Juden in den Mittleren und Nahen Osten, auf den Balkan und nach Nordafrika getragen wurde.«

Mit La Juderia lässt sie sich auf das Werden dieser Kultur ein. »Im Jahr 2002«, als sie auf der WOMEX internationale Aufmerksamkeit erregte, »hatte ich ein Stipendium der Christina Herren Stiftung, um in Sevilla Flamenco zu studieren. Da wurde mir klar, dass der Flamenco für mein nächstes Album eine wichtige Rolle spielen muss.« Ihr judäisch-spanischer Musikmix ist dabei keineswegs nur eine Retrospektive alten Kulturguts, sondern nimmt durchaus Aktuelles mit auf die Reise. Wenn’s denn passt, so zwischen Melancholie und Behauptungswillen, zwischen Liebesschmerz und Weltensehnsucht, dann werden sogar Lieder von der großartigen spanischen Sängerin Mayte Martin oder von Violeta Parra aus Chile angestimmt.

Ob es nicht auch die Schönheit dieser welt- und kulturenumspannenden Musik ist, die Yasmin Levy zum Weiterreisen, aber eben auch zum Heimkommen anstiftet? Lörrach wird’s verkraften!

Aktuelle CD:
Yasmin Levy: La Juderia (Connecting Cultures / Galileo MC)

Zum Weiterhören:
Yasmin Levy: Romance & Yasmin (Connecting Cultures / Galileo MC)