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Als der tunesische Oud-Spieler Smadj im Jahre 2000 sein Album Equilibriste veröffentlichte, kam dies einer Sensation gleich. Bis dahin hatte niemand eine derart gewagte, komplexe und vibrierende Kombination von arabischer Musik mit Elektronik, Jazz und Weltmusik gehört.

Von Hans-Jürgen Lenhart

Auf dem einmal vorgelegten hohen Standard hat sich Smadj, der neben arabischen Laute Oud auch Jazz-Gitarre und Programmierung perfekt beherrscht, nie ausgeruht. Mit seinem Konzept, das einst in der Metropole Paris entstand, befruchtet er inzwischen die türkische Musikszene und generiert mit seinem S.O.S. Project einen arabisch-türkischen elektronischen Crossover, der mit seiner atemberaubenden Energie seinesgleichen sucht. Doch gab es auf diesem Weg noch andere bemerkenswerte Zwischenstationen, die ihn längst zu einem der innovativsten Musiker des Orients machten.

Smadj, der eigentlich Jean-Pierre Smadja heißt, stammt aus Tunesien und wuchs in Paris auf, wo er sich zu einem Menschen mit offenen Ohren entwickelte. Er hörte neben arabischer auch brasilianische Musik, Funk oder Jazz. Zunächst bemächtigte er sich der Gitarre und trat einer Jazz-Musikschule bei, wo er Ideen entwickelte, um Jazzstile mit anderen Stilen zu verbinden. Dabei half ihm sein gleichzeitiges Interesse an Studiotechnik, und er schloss als Toningenieur sein Studium ab. Seine Idee der Verbindung von akustischer und elektronischer Musik auf der Basis arabischer Skalen setzte er bereits 1994 auf einem Album um, das auf wenig Resonanz stieß. Erst mit Equilibriste begann 2000 seine steile Karriere. 2002 gründete er sein genauso erfolgreiches Projekt DuOud mit dem gleich gesinnten Oud-Spieler Mehdi Haddad, ein Duo, das mit dem Album Wild Serenade erneut die Fachwelt in Staunen versetzte.

Ab diesem Zeitpunkt klang die arabische Laute anders: elektrisch verstärkt, mit programmierten Rhythmen und industrial-artigen Sounds unterlegt, dennoch immer höchst virtuos gespielt. Auf Take It And Drive probierte Smadj schließlich sogar dunkle Elektronik-Töne aus, nahm indische oder lateinamerikanische Klänge hinzu, begann sich aber gleichzeitig für nahöstliche und türkische Musik zu interessieren. Er wollte das Oud-Spiel auch durch Begegnungen mit akustischen Musikern aus anderen Bereichen des Orients erweitern. Dies führte zu Projekten im Jemen und in der Türkei. 2003 programmierte er elektronische Rhythmen beim türkischen Meister-Perkussionisten Burhan Öcal und dessen Trakya All Stars. Darüber kam es zur Begegnung mit anderen türkischen Musikern wie Orhan Osman, einem Bouzouki-Spieler, der neue Verbindungen von ethnischer Musik mit Jazz suchte, und Savas Zurnaci, einem türkischen Klarinettisten, der an der türkischen Bilgi Universität lehrt. Die drei gründeten das S.O.S. Project, in dem sich Improvisationen über türkische wie auch griechische Musik mit elektronischen Beats treffen, ohne dabei auf die Oriental-Dancefloor-Schiene zu schielen. Die Anteile von Smadjs arabischer Oud, das Spiel der türkischen Musiker und die treibenden elektronischen Rhythmen Smadjs sowie seine sphärigen Sounds ergänzen sich auf der gleichnamigen CD des S.O.S. Project perfekt, ja steigern sich gar gegenseitig. Inzwischen hat sich Smadj derart in der aufstrebenden türkischen Ethnojazz-Szene eingenistet, dass er nach Istanbul umgezogen ist und dort beim aufstrebenden Label Doublemoon Records unter Vertrag ist. Dort treffen sich der arabische Raum, Europa und Asien. Istanbul mit seiner zunehmend aufgeschlossenen Musikszene ist daher vielleicht der ideale Ort, wo sich westliche Technologie und orientalische Traditionen treffen können. Jedoch auch für Freunde orientalischer Saitenmusik entstand hier ein Highlight des Instrumentalspiels.

Hans-Jürgen Lenhart: Wie kamst du mit deinen türkischen Musikerkollegen in Kontakt?

Smadj: Ich kannte Savas Zurnaci von einem Album mit den Trakya Allstars, das vor drei Jahren entstand. Seitdem spielten wir viel zusammen, und ich mag seine Art des Klarinettenspiels. Orhan Osman lernte ich über einen Freund kennen, der bei DuOuds Album Wild Serenade mitspielte. Auch er faszinierte mich, wir hielten Kontakt, und ich meldete mich bei ihm, als ich dieses Projekt anging.

Hans-Jürgen Lenhart: Aus welchem musikalischen Hintergrund kommen deine Kollegen vom S.O.S. Project?

Smadj: Savas kommt aus der Zigeunermusik und kennt jede Menge Folklore. Orhan ist stark von griechischer Musik beeinflusst, er lebte in Deutschland und ist jetzt seit zehn Jahren in der Türkei. Er studierte viel türkische Musik und die Musik des Balkans. Beide sind aber offen genug für elektronische Musik.

Hans-Jürgen Lenhart: Welche Unterschiede gibt es denn zwischen tunesischer und türkischer Saitenmusik?

Smadj: Es gibt eine unterschiedliche Verwendung der orientalischen Tonleiter, der Maquam, unterschiedliche Arten der Ausschmückung, der Art zu komponieren. Höre dir den Unterschied z.B. zwischen einem ägyptischen und einem türkischen Ensemble an. Letzteres stimmt die Oud und auch andere Instrumente meist höher.

Hans-Jürgen Lenhart: Auf dem Album Sakat von DuOud & Abdulatif Yagoub gab es ja eine ähnliche Begegnung von dir mit anderen akustischen Musikern. Wie würdest du unabhängig vom musikalisch unterschiedlichen Hintergrund Unterschiede im Konzept dieses Albums und der CD mit dem S.O.S. Project beschreiben?

Smadj: Da gibt es wirklich einen Unterschied. Mit DuOud spielten wir vor Ort im jemenitischen Sanaa und trafen diese wundervollen Musiker. Wir überredeten sie zu einem Album mit ihrem Repertoire, um dieses zu erforschen und zu interpretieren. Bei S.O.S. ist es so, dass ich seit zwei Jahren in der Türkei lebe und dort drei Alben, Remixes und jede Menge Konzerte gemacht habe. Nach einer gewissen Zeit entschied ich, etwas machen zu wollen, was meinen persönlichen Bezug zu diesem Land ausdrückt. Ich wählte die Musiker aus, komponierte eine Menge - und wir gaben zusammen viele Konzerte.

Hans-Jürgen Lenhart: Gibt es denn weitere Pläne für Begegnungen mit akustischen Musikern?

Smadj: Ja, demnächst will ich Aufnahmen mit einem Taraab-Orchester in Sansibar machen.

Hans-Jürgen Lenhart: Du bist ja eigentlich bekannt für die Verbindung elektronischer Musik mit der Tradition des Oud-Spiels und hast dies vornehmlich während deiner Zeit in Paris entwickelt. Glaubst du, dass die Inspiration und die Einflüsse des Lebens in solch einer globalen Metropole für deine Musik die Voraussetzung war? Oder hätte deine Musik auch in Tunesien entstehen können?

Smadj: Ich glaube, man spielt, was man spielen muss. Es ist immer gut, sich seiner eigentlichen Identität zu erinnern, um seine eigene Musik zu entwickeln. Die musikalische Fusion war nur auf der Basis meines Hintergrundes und meiner Geschichte möglich.

Hans-Jürgen Lenhart: Was meinen denn mehr traditionell orientierte Oud-Spieler zu deinen Experimenten?

Smadj: Ach, die Welt der Oud-Spieler ist letztlich klein, und wenn jemand darin Lärm macht, werden die anderen nach einiger Zeit neugierig. Ich weiß nicht, ob jeder in dieser Szene mich kennt, aber einige schon. Ich weiß es z.B. von Anouar Brahem.

Hans-Jürgen Lenhart: Du hast einst eine Ausbildung in einer Jazz-Musikschule gemacht. Beeinflusste dies dein Oud-Spiel?

Smadj: Wie ich improvisiere schon, aber eigentlich übertrage ich das mehr auf mein Gitarrenspiel.

Hans-Jürgen Lenhart: Man könnte in deiner Arbeit unterschiedliche Richtungen sehen zwischen deinen Solo-Produktionen, der Arbeit mit DuOud und Projekten wie S.O.S. und der Kooperation mit Abdulatif Yagoub. Siehst du das ähnlich?

Smadj: Eigentlich weniger. Die genannten Produktionen sind alle Works in Progress. Größere Unterschiede gibt es dazu eher gegenüber den künstlerischen Beiträgen, die ich für Musiker wie Laurent de Wilde oder Art Konik gemacht habe.

Hans-Jürgen Lenhart: Wie arbeitest du als Produzent?

Smadj: Das ist ein langer Prozess. Manchmal beginnt es mit einer Melodie, manchmal mit einer Programmierung. Ich probiere viel aus, bevor ich zufrieden bin. Wichtig ist, dass ich immer, wenn ich ein Stück höre, mich durch die Vibrations des Stückes gut fühlen kann. Ich liebe es aber auch, beim Mischen und Aufnehmen exakt den Sound hinzubekommen, den ich mir vorgestellt habe.

Aktuelle CD:
Smadj: presents S.O.S. Project (Doublemoon Records)