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Der weiß gewandte Priester des organisierten Chaos rastet nicht. Eben ist eine Remix-CD, basierend auf Mulatos, seiner jüngsten Kooperation mit dem britischen Produzenten und Saxofonisten Steve Argüelles erschienen, da ruft Omar Sosa wieder zum gemeinsamen Musizieren zusammen. Im Rolf-Liebermann-Saal des NDR soll an zwei Konzertabenden eine neue CD aufgenommen werden.

Von Eric Mandel
Bild: Roberto Cifarelli

Akt I: Situation. Die Musiker eröffnen das Konzert mit einer kleinen Prozession. Singend und klatschend kommen sie auf die Bühne und nehmen ihre Plätze ein. Das Spielfeld ist gerammelt voll: Nicht nur, dass für den zweiten Teil des Abends die komplette NDR Big Band bereits aufgebaut und mikrofoniert ist, auch das Set-up des Quintetts, inklusive transparenter Schalldämmung für das Drumkit, hat selbst die Kapazitäten des NDR bis zum Anschlag ausgelastet. Das letzte Kabel des Hauses sei zum Einsatz gekommen, scherzt Redakteur Stefan Gerdes bei der Ansage. Omar Sosa selbst belässt es nicht bei seinem Hauptinstrument, dem Flügel - auch Fender Rhodes, ein Vibrafon, diverse Percussion- und Effektgeräte stehen zu seiner Verfügung. Und während die Band sich langsam einschwingt, wuselt er, wie üblich bis über beide Ohren grinsend, zwischen seinen Spielzeugen hin und her. Den meisten Freiraum nutzen Trompeter Paolo Fresu, ebenso reich mit Effektgeräten ausgestattet wie der Gastgeber, und Perkussionist und Sänger Mola Sylla aus dem Senegal. Omar Sosa selbst spielt erstaunlich wenig Töne, gibt Grundierungen und Richtungen vor, soliert gelegentlich, aber der kommunikative Prozess und die Entfaltungsmöglichkeiten für alle stehen deutlich im Mittelpunkt seines Planes – und der schließt auch das Publikum mit ein. Am Ende wird ein kleiner Chant geprobt, und wie zu erwarten, hat der Charmeur in kürzester Zeit die Zuschauer zum Singen und Schnippen gebracht. Dass viele der Manöver noch nicht frei von Befangenheit blieben, die Gäste der bestens eingespielten Rhythmusgruppe nicht immer ohne Irritation folgen konnten und das letzte Kabel offenbar doch nicht ganz in Ordnung war – ein brutales Knacken hört über weite Strecken nicht auf, zu nerven -, scheint zumindest im Moment kein Problem.

Zwischenspiel: Remix. Eine Dreiviertelstunde später schlüpft Omar Sosa aus den weißen Gewändern, verwandelt sich vom charismatischen Musikambassadeur in einen selbstkritischen, reflektierten Gesprächspartner mit erstaunlich heiserer Stimme. Der technische Aufwand habe alle Beteiligten an den Rand der Krise gebracht. »Ich bin keiner, der rumschreit«, meint er, »aber wenn ich etwas von meinem Lehrer Ruben Gonzales gelernt habe, dann: mich durchzusetzen, wenn es um die Musik, um die Vision geht. Das war heute ein hartes Stück Arbeit.« Spricht’s und lässt sich in den Sessel sinken.

Neben ihm befindet sich eine Ansammlung von Devotionalien: Miniaturpercussions, rosenkranzartige Kettchen, getrocknete Blumen und Früchte, ein winziges Piano, ein Schälchen mit duftender Flüssigkeit. »Für meinen Orisha«, lächelt er und hält sich nicht länger mit dem Thema auf als mit der Remix-CD. Die Idee sei von Steve Argüelles gekommen und jeder habe sein Bestes getan, ihn so gut zu überraschen, wie es ging: Doctor L, so verhuschelt und genialisch-verkracht wie gewohnt, DJ Spinna, der die Clave im NYC-Style brach, Steve Argüelles selbst, naturgemäß dichter am Ausgangsmaterial, und Marque Gilmore, der es auf der Schlussstrecke ordentlich krachen lässt. Aber Postproduktion und Zweitverwertung sind Omar Sosas Sache nicht. Es geht um den Moment, in dem ES passiert. Das ist seit Jahren seine Mission, damit füllt er CDs und Konzertsäle. Damit geht er jedes Mal aufs Neue Risiken ein.

Akt II: Reflexion. »Es ist wichtig, Risiken einzugehen. Das ist ein besonderes Level, da können einem die Leute sonst was erzählen, das Publikum oder du als Schreiber, das wird nichts daran ändern - die Realität ist: Was wir tun, ist das, was in dem Moment durch uns spricht. Niemand kann das planen, niemand kann es wissen, bis wir es tun. Wenn du Rhythm Music spielst, wie die Big Band gerade, dann hast du deinen Posaunenpart, und es geht darum, ihn immer wieder so perfekt zu spielen, wie es geht. Bei uns ist das anders, wir spielen immer wieder, aber nicht, um dasselbe zu spielen, sondern um jedes Mal eine andere Dimension zu erreichen. Ich werde mir das alles anhören. Nicht jetzt, dazu ist es zu früh. Ich trinke ein Glas Wein und versuche, die Probleme zu vergessen, die wir hatten. Es waren gute Momente, aber es war zu dunkel. Es war kein Konzertlicht.«

Die Frage drängt sich seit dem ersten Kracken im Kabel auf, nun muss sie raus: Denkt er wirklich, heute Abend sei Material für eine CD entstanden? Er feuert zurück: »Was denkst du?« Nun, von dem technischen Defekt abgesehen und davon, dass ich Mitsingspiele und Bühnenmagie auseinanderhalten kann, muss ich zugeben, dass es wunderbare Momente gab, in denen der offensichtliche Kulturclash plötzlich mit einem Riff, einer Bassline überwunden wurde und seine Aktionen mit Effektgeräten und beruhigenden Akkorden vom erratischen Rumsuchen in kohärente Kommunikation überwechselten. Es war die Spannung, was er nun als Nächstes anstellen würde und wie die Kollegen darauf reagieren würden, die einen mental ständig auf den Zehenspitzen hielt - jede Belohnung durch Intuition und Skills der Musiker zählt dabei doppelt. Schließlich hält er es selber nicht mehr aus. »Ist das da ein CD-Player?«, fragt er und holt den rasch gebrannten Roughmix aus den Falten seiner weiten Hose. Er lauscht angespannt und verzieht dann doch unwillkürlich das Gesicht. »Muss ich zum Mischen noch mal herkommen, der Tonmann hat einfach nicht verstanden, was gerade wichtig ist.«

Zugegeben, das ist angesichts des ausufernden Instrumentenparks viel verlangt, und der Ton im Raum war eigentlich gut ausbalanciert. Omar Sosa lässt einen Hörer am Ohr und erzählt über die Vorteile eines festen Engineers am Pult, da könne es noch Möglichkeiten geben, echte Live-Dubs habe er schon gehabt. Nun, und morgen sei ja auch noch ein Tag, eine neue Situation. Denn darum geht’s: »Ich kreiere Situationen. Ich will, dass die Leute aufeinander hören. Jeder kann etwas dazuspielen. Jeder kann entscheiden, in welche Richtung das Ganze sich bewegt. Mit dem Drummer (Juan Barretto) und dem Bassisten (Childo Thomas) spiele ich seit Ewigkeiten zusammen. Die anderen mussten sich erst daran gewöhnen, an die Freiheit. Aber Paolo hat’s drauf. Er spielt nicht nach dem Höher-schneller-Prinzip, er formt Töne. Er kann mit seinen Effekten tolle Farben erzeugen, auf der Trompete gehört er zu den Besten.«

Epilog: Latin Jazz und andere Missverständnisse. Bei der Gelegenheit erwähne ich, dass seine CDs im Kulturkaufhaus in der Abteilung Latin Jazz zu finden sind. Er lächelt nachsichtig: »Latin Jazz ist ein Trompeter mit geschwollenem Hals, der unglaublich hoch und schnell spielt.« In der Tat mutet es etwas merkwürdig an, eine CD, auf der Musiker aus der Karibik, Nordafrika und Westeuropa »in Situationen geraten«, so einfach unter einen Begriffshut zu bringen.

Ein Rückblick auf Omar Sosas vielfältige kulturelle Synergie-Experimente legt eher den Gedanken nahe, Paul Gilroys Kategorie des Black Atlantic als Sparte einzuführen, um der Mobilität und Integrationsfähigkeit afro-gerooteter Musizierpraxis Rechnung zu tragen. Damit ist auch Sosa einverstanden. Nach einem längeren Exkurs über Familie und Vergangenheit auf Castros Eiland spezifiziert er noch einmal sein Verhältnis zum Latin Jazz: »Latin Music habe ich mitgenommen, die gehört zu mir. Die Clave ist die Grundlage meiner musikalischen Sprache. Aber sie diktiert nicht, was ich tue, und erst recht nicht, was die anderen tun. Das wird nur dadurch bestimmt, was auf der Bühne passiert. Latin Music ist manchmal wie ein Korsett, wegen der Rhythmen und Breaks, du musst einfach tierisch aufpassen, dranzubleiben. Und manchmal ist es wie auf dem Sportplatz, harhar!«

Er imitiert noch einmal den archetypischen Trompeter. »Damit habe ich lange aufgehört. Du siehst, dass ich auf der Bühne gar nicht so viele Töne spiele. Nur die, die die anderen hören müssen.« Und dabei hat er unheimlich viel Spaß. Es gibt kaum einen Musiker, dem beim Spielen zuzusehen dermaßen Vergnügen bereitet, der sich so physisch in den Moment begibt – nicht allein in den Klang, wie Keith Jarrett, sondern vor allem in das Ereignis, das Ablauschen, das Erkennen, das aufeinander eingehen, Allianzen und Kontrapunkte bilden, den anderen Überraschungen bereiten. Aber wie Tony Allen sang: »Don’t take my kindness for weakness.« Und so ermahnt mich Omar Sosa, sein Lachen nicht für eine Maske zu halten - oder gar für ein Zugeständnis an unfreiwillig rassistische Konsumgewohnheiten. »Ich habe meinen Spaß auf der Bühne, ich lache gern. Aber es ist Freude, nicht Albernheit. Ich nehme meine Musik sehr ernst. Du magst sagen: ›Klar, es ist Musik, da sollte man sich nicht so einen Kopf machen.‹ Aber es geht nicht um den Kopf sondern um die Einstellung. Ist wie beim Vögeln. Der Kopf wird dir nicht helfen, aber wenn du’s nicht ernst nimmst, wird er nicht stehen ... und dann kannst du auch nicht vögeln, richtig?«

Aktuelle CD:
Omar Sosa: Mulatos Remix (Skip Records / Soulfood)