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Etwas überraschend tauchte vor kurzem der kubanische Pianist Gonzalo Rubalcaba als Gast des brasilianischen Gitarristen und Sängers João Bosco und seiner Band bei einer Europa-Tournee auf. Diese Begegnung versetzte Boscos Musik nicht nur einen gehörigen Jazz-Touch, sondern ermöglichte es auch Rubalcaba, seine abstrahierende wie intime Art zu improvisieren auf brasilianische Musik zu erweitern.

Von Felipe Tadeu und Hans-Jürgen Lenhart

Umgekehrt tauchten so auch einige kubanische Titel im Repertoire Boscos auf. Was die wenigsten wissen: Die beiden haben zum ersten Mal schon im Jahr 2000 beim Festival de Ilhabela in São Paulo zusammengespielt und befinden sich seitdem in ständigem Gedankenaustausch. Im Unterschied zu vielen Künstlern seines Alters wie Chico Buarque und Milton Nascimento kommt der gerade 60 Jahre gewordene João Bosco bei den Kritikern in Brasilien weiterhin durchaus positiv weg. Womöglich liegt es an seiner Aufgeschlossenheit, die sich auch an der Zusammenarbeit mit Rubalcaba zeigt. Doch auch für diesen ist es nicht die erste Begegnung mit brasilianischer Musik. Bereits 1993 hat er in Brasilien an einem Tribute-Konzert für Tom Jobim teilgenommen. In der Band mit Bosco spielt Rubalcaba manchmal auch den intimen Gegenpart zu Boscos Rhythmus-Eskapaden. Ein gemeinsames Album ist in Planung.

João Bosco verstand es, sich insbesondere seit den Neunzigern immer wieder neu zu erfinden, indem er seinen Sohn Francisco Bosco, Professor der Literatur, Texte für seine Songs schreiben ließ und dadurch etliche Kleinode an Alben produzierte: 1997 As Mil e Uma Aldeias und 2004 Malabaristas do Sinal Vermelho. Der bärtige Künstler aus Minas Gerais wollte einst Ingenieur werden. Sein musikalisches Talent war aber so beeindruckend, dass er seit 1973 unentwegt Musikperlen voller komplexer Rhythmik, jazziger Einlagen und eleganter Melancholie komponierte. Viele davon wurden Grundlage der Karriere Elis Reginas. Mit Aldir Blanc, seinem bislang bekanntesten Songtexter, hat Bosco geistreiche und wortspielerische Stücke geschrieben, darunter den Samba »O Bêbado e a Equilibrista«, der als eine Art Amnestie-Hymne während der Militärdiktatur (1964-85) bekannt wurde. Besonders in Konzerten geht Bosco weit über seine Studioaufnahmen hinaus und fasziniert manchmal mit ausgedehnten Improvisationen und faszinierenden Medleys. Ein vibrierendes Rhythmusspiel mit plötzlichen Stopps und genialen Scat-Einlagen sowie das Vermengen von verschiedenen Sprachen und Stilen ist sein Markenzeichen. Aber erst vor ein paar Monaten hat er seine erste Konzert-DVD Obrigado, Gente! veröffentlicht.

Gonzalo Rubalcaba, der 1963 in Havanna als Sohn des erfolgreichen Pianisten Guilllermo Rubalcaba González geboren wurde, spielte bereits als Jugendlicher in Kuba mit Berühmtheiten wie Paquito de Rivera, Chico Hamilton und Machito. 1985 hatte Gonzalo das Glück, während des Festivals de Jazz de la Havana von Dizzy Gillespie entdeckt zu werden. Dies war der Beginn einer Weltkarriere. Kurz darauf spielte er bereits beim Montreux Jazz Festival mit Bassist Charlie Haden und dem Schlagzeuger Paul Motian als Trio. Das Konzert war so gut, dass Blue Note ein Live-Album davon veröffentlichte. Seitdem galt Rubalcaba als einer der eigenständigsten Pianisten der kubanischen Szene. Auf seinem letzten Album Solo verarbeitete er kubanische und eigene Standards auf eine hochkomplexe Art und erzeugte dabei eine innovative und komplexe Mischung aus kubanischer Musik, Klassik und Jazz. Die Begegnung mit dem ähnlich orientierten João Bosco, der auf seinem letzten Studio-Album Na Esquina Bossa Nova und Reggae, Rap, afrikanische Elemente und Jazz zusammenschweißte, konnte also nur gegenseitig inspirierend wirken.

Hans-Jürgen Lenhart: João, du spielst und singst für mich sehr perkussiv, als wärst du eine Art Schlagzeuger auf der Gitarre. Empfindest du das auch so?

João Bosco: Mein perkussiver Stil ist Teil jener Tradition unserer Música Popular Brasileira, bei der die Perkussion im Vordergrund steht. Der Übergang zum rhythmischen Spiel ist immer ein spontaner Moment, wo das Rationale keine Rolle mehr spielt. Baden Powell war in dieser Hinsicht unter den Gitarristen auch ein gutes Beispiel.

Hans-Jürgen Lenhart: Du zitierst öfters Jazzklassiker in deinen Stücken wie Duke Ellingtons »Caravan« in »Beirando a Rumba«. Bist du ein heimlicher Jazzer?

João Bosco: Ich denke, dass der Jazz die beste musikalische Form ist, weil man mit Jazz die Synthese von allem erreichen kann, und die Improvisation ist ein Kommentar zu dieser Synthese. Jazz ist ein Musikstil mit unendlichen Möglichkeiten. Die brasilianische Bossa Nova hat sich durch den Jazz inspirieren lassen, Leute wie Tom Jobim, João Donato und diese Generation. Später gab es den Austausch zwischen Amerikanern und brasilianischen Musikern, die Jazzmusiker haben dann auch von der Bossa Nova profitiert. Wenn ich nun mit Gonzalo Rubalcaba spiele, bringt er auf ähnliche Weise seine eigene kubanische Kulturgeschichte und seine Jazzausbildung mit ein. Gonzalo hat die Fähigkeit, mit Harmonien und Melodien musikalische Kommentare zu meiner Musik zu erschaffen. Unser Zusammenspiel entwickelt sich ständig neu. Und wenn man uns hört, weiß man nicht mehr, ob es brasilianische oder kubanische Musik oder Jazz ist.

Hans-Jürgen Lenhart: Live gibt es auffallend viele Medleys deiner Songs. Nach welchen Kriterien wählst du die Songs aus?

João Bosco: Ich bereite nichts vor. Ein Lied ruft das andere auf. Solche Medleys entstehen total unerwartet. Sie kommen, weil sie nicht zu stoppen sind.

Hans-Jürgen Lenhart: Du spielst auch Latin-Klassiker wie »Tico-Tico no Fubá«. Nach welchen Überlegungen arrangierst du so einen Song?

João Bosco: »Tico-Tico no Fubá« ist ein Lied, wovon es zahlreiche Versionen gibt. Die Version Charlie Parkers ist zum Beispiel einfach phantastisch. Das erste Mal, als ich mit Gonzalo gespielt habe, haben wir dieses Stück sofort gespielt. Das war wie eine Spielerei, wie ein Lehrstück aus dem Buch. Es entstand darüber ein Dialog zwischen uns, und wir benutzten darüber stundenlang all jene Musik, die es neben unserer eigenen auch noch gibt. So entstehen Versionen eines Klassikers.

Felipe Tadeu: João, du bist einer derjenigen brasilianischen Musiker, die auch den Bolero nutzen. Welchen Bezug hast du dazu?

João Bosco: Der Bolero prägt selbstverständlich einen Teil unserer Konzerte, zum Beispiel wenn ich und Gonzalo »Drume Negrita« von Eliseo Grenet spielen, oder »Papel Marchê« von mir und »Capinam«. Das ist ein Stück, das von Kuba total inspiriert wurde. Der Bolero wurde für die Ewigkeit gemacht, viele junge Musiker spielen diese Art Musik heutzutage, man muss nur wissen, wo es ihn gibt. Gonzalo hat die CD Nocturne sogar völlig dem Bolero gewidmet.

Felipe Tadeu: Gonzalo, was reizt dich an der Kooperation mit João?

Gonzalo Rubalcaba: Nun, es geht mir bei meinem Zusammenspiel mit João darum, die Mischung der brasilianischen und kubanischen Musik mit dem Code des nordamerikanischen Jazz zu verarbeiten sowie Einflusse aus anderen Kulturen zu nehmen - Informationen, die wir manchmal unbewusst haben, sei es aus Asien oder der gesamten östlichen Welt. Wenn so etwas passiert, ist es auf keinen Fall ein Zufall. Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte Kubas, wo verschiedene Völker in den chinesischen, arabischen und polnischen Kolonien ihre Spuren hinterließen. Die Nordamerikaner haben Kuba im 19. Jahrhundert überfallen und dort eine nordamerikanische Architektur-Welt erbaut. Es kamen natürlich auch die Spanier, die Franzosen, alle haben kulturelle Spuren hinterlassen. In Brasilien war es ähnlich und beide Länder sind meiner Meinung nach dadurch kulturell privilegiert. Kuba und Brasilien sind Länder, die sich problemlos mit unterschiedlichen kulturellen Aspekten verstärkt haben, wie man bei der Musik von João Bosco, Milton Nascimento oder Tom Jobim merkt. Alle lateinamerikanischen Stile haben gemeinsam, dass sie sehr einfach sind, aber mit vielen unterschiedlichen Codes bereichert wurden. Wir Kubaner und Brasilianer sind das Resultat dieser historischen Verbindungen. Wir können nicht ignorieren, was vor uns passiert ist. João Bosco ist ein besonderer Musiker, weil er einen ganz persönlichen Instinkt hat, solche Mengen an Codes zu verstehen. Nicht jedem, der bereit ist damit umzugehen, gelingt dies auch. Alles, was heutzutage in der Musikszene gemacht wurde, egal ob es Rap, Jazz, Reggae oder Rock ist, alles hat Afrika als Herkunft. Nehmen wir Spanien und den Flamenco. Der Flamenco ist nicht nur das Ergebnis unseres letzten Jahrhunderts, er ist viel älter. Bei seinem Tanz und den theatralischen Elementen sind auch Dinge zu entdecken, die man bei den Trance-Ritualen in Afrika oder in Asien finden kann.

Felipe Tadeu: Ihr arbeitet schon seit sechs Jahren zusammen. Kann man davon ausgehen, dass ihr ein gemeinsames Album aufnehmen werdet?

João Bosco: Wir beide sind sehr anspruchsvoll, wenn es um eine Platte geht. Deswegen überlegen wir noch, auch wenn so viele Jahren schon abgelaufen sind, was für ein Repertoire ein Album von uns haben muss. Wir merken aber schon, dass die Zeit reif dafür ist.

Aktuelle CDs:
João Bosco: Na Esquina ao vivo (Epic / Sony Music)
Gonzalo Rubalcaba: Solo (Blue Note / EMI Classics)