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Harri StojkaDer Roma-Gitarrist Harri Stojka hat’s offensichtlich. Denn wer für Festivals gebucht wird, bei denen er neben Santana und Van Morrison zu bestehen hat, muss einiges zu bieten haben. Und er, einst als Gitarrenwunderkind gefeiert, ist zudem heute in besserer Form denn je. Oben auf der Bühne des renommierten Wiener Jazz-Clubs Porgy & Bess zupft Diknu Schneeberger das, was landläufig als »Gipsy Swing« gilt. Er ist ein 17-jähriges Gitarrenwunderkind, zusammen mit seinem Vater Joschi Schneeberger auf dem Weg in die oberste Liga der Djangologie. Unten, im Publikum, schiebt sich ein Mann mit sehr langen Haaren und markanter Nase durchs Gedränge. Ein Indianer? Ist er ansprechbar? Zwei Fragen, zwei Antworten: Die letztere sei schon einmal verraten: Ja, potenziell ist er ansprechbar.

Aber, spricht man eine Gitarristenlegende einfach so an? Denn um niemand Geringeren als um Harri Stojka handelt es sich, einst selbst als Gitarrenwunderkind bejubelt. Bereits als Sechsjähriger gilt das 1957 in Wien geborene Mitglied der Lovara-Roma-Dynastie vom Stamm der Bagareschtschi als Gitarrenwunder. Und sein Vater erzählt gerne die Geschichte, wie er seinem Sohn eine Gitarre mit den Worten schenkte, dass er üben solle, bis die Saiten und die Finger rauchen, und Klein-Harri nach Tagen des Übens betrübt zum Vater kommt und sagt: »Papa, ich übe jeden Tag, aber es kommt kein Rauch.«

1970 kann man ihn dann jedoch schon in der Formation Jano + Harri Stojka hören. Als sechzehnjähriges »Bürscherl« wechselt er kurzzeitig zum Bass, um in der Band des heute international renommierten Gitarristen Karl Ratzer (u.a. Rufus & Chaka Khan) zu spielen. »Karl ist mein Cousin. Und ich habe damals nicht darüber nachgedacht, ob ich nun Bass oder Gitarre spiele. Ich war einfach nur stolz, in Karls Band spielen zu dürfen und zu wissen, dass mein Bass das Fundament liefert. Da siegte einfach die Frechheit der Jugend.« Später gründet er den Harri Stojka Express, spielt für Produktionen von Erika Pluhar und André Heller. 1978 ist er gar Mitglied in Wiens skandalöser Underground-Truppe Novak’s Kapelle, wo sein Spiel von einigen Fans als »zu virtuos« geschmäht wird. »Aus Novak’s Kapelle wurde ich richtig rausgeekelt.« Ein Solokonzert beim Montreux-Jazzfestival 1981 sorgt für Furore; spätestens seitdem gilt er als einer der meistbeachteten Jazz-Gitarristen Österreichs. Es raucht also gehörig aus den sechs Saiten und zehn Fingern, und es heißt, Harri Stojka habe sich voll und ganz der Gitarre verschrieben. »Neunzig Prozent von mir ist die Gitarre.« Und so jemanden soll man einfach so ansprechen?

Zudem ist bekannt, dass Stojka nicht immer ganz von dieser Welt war. Was mit jenen Substanzen zu tun hat, die sich viele Angehörige seiner Generation einst zwecks Bewusstseinserweiterung zugeführt haben. Stojka war bekanntlich kein Kostverächter. Aber heute gilt: »Mit Drogen und Alkohol habe ich aufgehört. Alkohol machte mich aggressiv, und wenn ich eingeraucht war, hab ich niemanden um mich herum gesehen. Ich galt als ziemlich arrogant. Seit ich keine Drogen mehr nehme und keinen Alkohol mehr trinke, bin ich offener für diese Welt.«

Ganz ohne Rauschmittel geht es natürlich auch nicht, aber seit Jahren heißt seine Droge Musik, und auch bei ihr zeigt er sich als Connaisseur: »Es geht nicht darum, zu zeigen, wie gut man ist und wie gut man geübt hat. Sondern darum, das Publikum mit auf eine Reise zu nehmen. Und diese Reise muss positiv sein. Heavy Metal, eine Musik, die ich eigentlich mag, macht so aggressiv und stimmt so negativ, dass ich nichts mehr damit zu tun haben möchte. Jazz ist mir da schon lieber. Da gibt’s mehr ein Miteinander.«

Bei all der Arbeit mit dem Jazz, dem Miteinander und mit dem Öffnen gegenüber der Welt ist es an seiner Frau Valerie, Interviews zu managen. »Weißt du«, sagt sie freundlich, »der Harri sitzt gerade im Studio. Wie wäre es mit morgen, zur gleichen Zeit?« Morgen wird übermorgen, und Stojkas Entschuldigung trifft natürlich auf Verständnis: »Wir sind gerade bei den Aufnahmen zu einem neuen Album. Und wenn wir einmal so im Schaffensrausch sind ... Du verstehst! Es ist halt sehr praktisch, wenn man sein eigenes Studio hat.« Wer würde das nicht verstehen?

Denn das Studio ist als Rückzugsmöglichkeit nicht das Schlechteste für einen Musiker, der als Roma mit beiden Beinen fest im Leben und auf Wiener Grund steht. »Mein Roma-Sein ist für mich sehr wichtig. In meiner Kindheit bin ich Wien-Floridsdorf aufgewachsen. Als Roma war das nicht schön. Aber heute hat sich in Wien viel geändert.« Möglicherweise auch durch sein Engagement. Mit Familienmitgliedern tritt er auf, berichtet von Pogromen gegen Roma und nationalsozialistischen Gräueln. Tatsächlich gibt es eine lange Geschichte der Roma-Unterdrückung, weltweit - und natürlich auch in Österreich. 1389 wurden Roma erstmalig in Österreich erwähnt, und wenn im 18. Jahrhundert Karl VI. verfügte, alle männlichen Zigeuner hinzurichten, Frauen und Kindern ein Ohr abzuschneiden, war das Teil einer Stimmung, die von der Vergangenheit bis in die jüngste Gegenwart reicht. Zwischen 1941 und 1944 werden über 8000 österreichische Roma und Sinti in den nationalsozialistischen Lagern ermordet, von der rund 200-köpfigen Familie des Roma-Stammes der Lowara, zu dem auch Stojka, zählt, überlebten nur sechs Menschen. Und wenn Familienmitglieder wie Ceija Stojka, Karl Stojka oder Mongo Stojka mit Büchern über ihre Erlebnisse die Öffentlichkeit suchen, ist oftmals auch Harri mit seiner Gitarre dabei, verleiht den Lesungen mit seiner Kunst Tiefe und Würde.

Von diesem Leid kann Harri Stojka ebenso berichten wie von seiner eigenen Karriere; es ist ein nicht zu trennender Bestandteil seiner Gitarrenkunst. »Ich bin ein Melodiker«, bekennt er, und wo, wenn nicht im Melancholischen der Melodien, ist seine und die Geschichte seines Volkes hörbar?

Garantiert auf seiner CD Garude Apsa (dt.: »Verborgene Tränen«), einer 2005er-Produktion, die jetzt in Deutschland erscheint. Aufgenommen zum 60. Jahrestag der Befreiung, versteht Stojka das Album ausdrücklich als »Blick auf das kulturelle Erbe der Toten« und als Parteinahme für den »kulturellen Behauptungskampf der Überlebenden«. Nicht nur, dass es in Österreich noch bis in die 90er Jahre zu Sprengstoffattentaten gegenüber Roma kam; Stojka sieht auch anderswo noch Probleme: Heute, »der physischen Vernichtung (im Nationalsozialismus) entkommen, droht der Volksgruppe der Rom durch Assimilationsdruck und zunehmende Dominanz der Massenkultur die kulturelle Auslöschung. Gerade im Jubiläumsjahr ist es wichtig, nicht nur unsere Aufmerksamkeit der Vergangenheit zuzuwenden, sondern auch den Blick nach vorne zu wagen, Beispiele anzuführen, wie es denn nun weitergehen soll.« Ein Beispiel eines kollektiven Roma-Bewusstseins ist natürlich Garude Apsa, das möglicherweise gerade deshalb kein Album ist, auf dem ein Gitarrist verschwenderischer Selbstdarstellung huldigt. Im Gegenteil, da wird viel gesungen von den beiden Sängerinnen Ivana Ferencova und Matilda Leko, da wird mit Akkordeon, Violinen, Cymbal, Piano und Trommeln mittels Eigenkompositionen und traditionellen Liedern der Vielfalt des Roma-Lebens Ausdruck gegeben. Eine schöne Ensemble-Leistung – und mittendrin einer der weltbesten Gitarristen, gleichzeitig als Rhythmiker und feinfühliger Solist arbeitend, mit kleinen, aber feinen Einsprengseln. Einer von vielen.

Ist er als Roma eigentlich mit der Musik von Django Reinhardt aufgewachsen? »Ich komme ja aus der Lovara-Linie. So ein Django-Reinhardt-Swing kommt aus einer anderen Tradition. In unserer gab es diesen Gipsy Swing nicht. Trotzdem war Djangos Musik präsent. Ich habe ihn aber erst spät für mich entdeckt. Denn eigentlich komme ich vom Rock, die Sex-Pistols fand ich toll. Freunde brachten mir den Jazz näher, und meine Idole hießen Pat Martino oder Joe Pass. Ihre Aufnahmen habe ich auf dem Kassettenrekorder abgehört, Ton für Ton nachgespielt, die Stop-Taste gedrückt, zurückgespult, du weißt schon ...! Wobei es mir wichtig ist, dass sich das Solospiel mit dem Rhythmischen eng verzahnt. Übrigens, das ist etwas, was ich sowohl bei Django als auch bei Karl Ratzer sehr bewundere!«

Mit seiner Gitarre, übrigens keine Maccaferri, wie sie Django einst spielte, sondern einer Spezialanfertigung aus der Werkstatt von Henning Doderer, folgt er den Wanderwegen der Gipsy-Musik. Über Spanien, Süd- und Mitteleuropa bis zurück nach Indien. »Wir, die Roma, haben in unserer Musik unsere Heimat gefunden. Mittels der gesungenen Texte will ich auch auf die Sprache, Romanes, unserer Vorfahren hinweisen, die aus dem Sanskrit stammt. Seit Jahrhunderten hat sich die Sprache kaum verändert und ist eigentlich auch das einzige, was uns, den Gipsys, kulturell aus Indien geblieben ist. Romanes ist eine Sprache, die sich vor Jahrhunderten aus dem indischen Subkontinent mit uns auf den Weg über den ganzen Erdball machte.« Und wenn schon Kolumbus die amerikanischen Ureinwohner für Inder hielt und sie deshalb Indianer nannte, dann kann man schon einmal das Gefühl haben, in Wien einem Indianer begegnet zu sein. Beispielsweise einem Stadtindianer, der sein Herz eben nicht an der Biegung des Flusses begräbt, sondern es quasi in seinen Händen mit der Gitarre vorausträgt. Dass so einer auch in New York bejubelte Konzerte gibt, das passt schon.

Aktuelle CD:
Harri Stojka: Gipsysoul Garude Apsa (Geco / Indigo)

Auswahldiskografie:
Harri Stojka: A Tribute To Swing (Zoho / Leicom)
Harri Stojka: Living At a Roma Wedding (Geco)
Harri Stojka: Gitancoeur (Geco)

Websites:
www.harristojka.com
www.harristojka.net