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souzaIn Lissabon mit kapverdischen Wurzeln geboren und derzeit in London lebend, das ist der kurzgefasste Lebenslauf von Carmen Souza. Gleichzeitig umreißt der Satz ihre künstlerischen Einflüsse: die musikalische Tradition aus dem Land ihrer Eltern, der sehnsuchtsschwere Fado Portugals und eine Vielzahl weiterer Klänge, die ihr Vater, ein Seemann, von seinen Fahrten mitbrachte. Darunter Musik von Nina Simone oder Música Popular Brasileira. Die quirlige Jazzszene Londons tut ein Übriges.

 Von Franz X.A. Zipperersouza

Mit jeder neuen Platte konnte Carmen Souza bisher verblüffen. Aus dem einfachen Grund, dass sie keinerlei Erwartungen erfüllt, sondern stets musikalisches Neuland betritt, ohne dabei ihre künstlerische Identität an der Garderobe abzugeben. „Musik ist eben als stetiger Prozess zu verstehen“, erklärt sie, „und der besteht darin, Risiken einzugehen und sich aus der kreativen Kuschelecke zu wagen. Wie sonst soll ich mich weiterentwickeln?“ Epistola ist der Titel ihres neuesten Coups, ein aus dem Griechischen über das Lateinische entlehntes Wort für Brieftexte gehobenen Anspruchs. Aus den Apostelbriefen weiß der religiös Vorgebildete, dass sie ohne Botschaft nicht auskommen. Carmen Souza auch nicht. Ihre Botschaft lautet: „Man muss nichts über Musik wissen, um sie hören zu können. Jeder, der offen ist für Texte und Musik, wird sie verstehen. Auch meine.“

Da sie vom Bassisten Theo Pascal entdeckt wurde, als sie 17 Jahre alt war, und er seitdem als Produzent und Komponist hinter ihrer Musik steht, haben sich die beiden nun entschlossen, ihr gemeinsames Projekt in Carmen Souza & Theo Pascal umzubenennen. Wie wichtig ihnen die Dokumentation ihrer intensiven, kreativen Kommunikation ist, dokumentierten sie bereits Anfang 2012 auf dem Album London Acoustic Set, das sie bei einem speziellen Konzert in London im reduzierten Duo-Format zeigte. Gerade hierbei wurde deutlich, wie sehr sich der Bassist Theo Pascal innerhalb von Jazz-Zusammenhängen bewegt, während Carmen Souza ihre originelle und poetische musikalische Stimme in launige Weltmusikzusammenhänge taucht.

Dieser Ansatz wird auf Epistola aufgegriffen und fortgeführt, nur eben im größeren musikalischen Zusammenhang. Dazu wurden für das Album der britische Schlagzeuger Shane Forbes, der New Yorker Pianist Matt King, der Saxofonist und Klarinettist Craig Yaremko und der Drummer Zoe Pascal rekrutiert. „Ach, es gibt einfach so viel Musik. Auf Epistola kultivieren wir unseren Klangkosmos weiter“, erklärt Carmen Souza. „Der beruht nun einmal auf den explosiven Noten der Kapverden, der schwermütigen Raffinesse der portugiesischen Klänge, dem schwarzen Humor der britischen Inseln, dem strengen Standardjazz afroamerikanischer Prägung und gleichzeitig der Freiheit in der Improvisation.“ Genau diese Verknüpfung und vor allem die Art und Weise, wie die Einflüsse in ihrer Musik verknüpft werden, macht Carmen Souza & Theo Pascal zu Architekten einer einzigartigen Formensprache. Anmutig wie Gazellen springen synkopierte Blueslinien durch die Klanglandschaft, die mit subtiler Dynamik und exquisiten Tempi gestaltet ist. Unnachahmlich ist und bleibt der Stil von Carmen Souzas Stimme. Eine Stimme, die Wärme und Melodie ebenso überzeugend in sich tragen kann wie Rohes und Kantiges. Carmen Souza hat über die Jahre auch ihre instrumentalen Fertigkeiten weiterentwickelt. Inzwischen ist sie nicht mehr nur an der Gitarre zu hören, sondern demonstriert ihre Fähigkeiten ebenso an der Wurlitzer-Orgel, dem Fender Rhodes oder am Klavier.

Neben den eigenen Stücken finden sich auch zwei Cover auf Epistola: „Moonlight Serenade“ von Glenn Miller und der „Cape Verdean Blues“ von Horace Silver. Ihrem Jazzvorbild Horace Silver haben Carmen Souza & Theo Pascal bereits früher, mit der Interpretation seines Klassikers „Song for My Father“, ihre Reverenz erwiesen. Für den „Cape Verdean Blues“ hat Carmen Souza einen Text über den berühmten kapverdischen Schnaps, den Grog, geschrieben. „There is no more grog in Santo Antão / I feel the Cape Verdean Blues“, lautet eine bezeichnende Textzeile. Wer der Meinung war, die ganze Bandbreite des musikalischen Könnens von Carmen Souza & Theo Pascal sei bereits zur Genüge demonstriert worden und ihr schillerndes und außergewöhnliches Spiel sei nicht mehr zu überbieten, der muss sich durch Epistola eines Besseren belehren lassen. Die neue Platte zeigt, wie groß die Freiheit in der Musik ist und dass es nie einen hinreichenden Grund gibt, sich selbst zu zitieren. „Vor uns liegt immer eine kreative Zukunft“, weiß Carmen Souza. „Man darf einfach nicht stehen bleiben. Weitergehen, immer weitergehen – das ist meine und Theos Devise.“

Aktuelle CD:
Carmen Souza & Theo Pascal: Epistola (Galileo MC)