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hifi 0515Gute Lautsprecher lenken nicht von der Musik ab, sondern ziehen den Hörer ins Geschehen – wie die Bliss Silver des Franzosen Jean-Marie Reynaud.

 Von Peter Steinfadthifi 0515 2

Besuchen Sie öfter Konzerte? Oder spielen Sie gar ein Instrument? Sehr schön. Denn dann wissen Sie ja auch aus eigener Empirie, welche nonverbale Magie das unmittelbare Musikerlebnis erzeugen kann und vor allem auch, wie Musikinstrumente in echt klingen. Rudolph Otto, ein Religionsphilosoph des frühen 20. Jahrhunderts, bezeichnete Gefühlslagen, die sich jeder rationalen begrifflichen Fassung entziehen, als „mysterium fascinans“. Die Thematik mit der sich Otto beschäftigt, lässt sich ohne größere Verbiegung auch auf die Musik übertragen. Und um dieses Faszinosum auch in den heimischen vier Wänden erleb- und reproduzierbar zu machen, bedarf es gottlob weniger Glaubens als vielmehr guten technischen Geräts – und natürlich ein paar Euro im Portemonnaie. Machbar, Herr Nachbar.

Vielleicht bringen die französischen Monitore namens Bliss Silver von Jean-Marie Reynaud ans gewünschte Ziel? Die unprätentiösen Zwei-Wege-Lautsprecher sind intern mit Silberkabel frei verdrahtet und besitzen auf der Rückseite eine durchgehende Metallstange zur axialen Fixierung der Tieftöner. Dieser raffinierte Kniff ist der eigentliche konstruktive Clou und ermöglicht eine kontrollierte Spannung des Kabinetts und eine gleichmäßige mechanische Wirkung zwischen dem Tieftönerkorb und der Schallwand. Unerwünschte Begleiterscheinungen im Betrieb werden somit ausgeschlossen – es herrscht Ruhe und Kontrolle bei den kleinen Französinnen.

Durch den gutmütigen Impedanzverlauf und einen recht hohen Wirkungsgrad von 89 dB/W/m bedarf es auch keiner monströsen Verstärkerleistungen. Der Frequenzgang ist laut Herstellerangabe mit 45 bis 22.000 Hz für Lautsprecher mit geringem Kampfgewicht von zehn Kilogramm erstaunlich. Der Hochtöner besteht aus einer 1,1'' Seidenkalotte mit doppeltem Neodym-Magnetsystem und abgestimmtem Rückraum sowie einem kleinen Hornvorsatz zur Vermeidung von unerwünschten Resonanzen. Die Hauptarbeit leistet der resonanzarme Tieftöner bestehend aus einer 7'' Kompositmembran aus Papier und Carbon. Eine gute, nicht zu leistungsschwache Röhre treibt die wahlweise in Mattschwarz oder Anthrazit, elfenbeinfarben oder in Kirschfurnier erhältlichen Monitore ebenfalls bestens an.

So viel zum Hohelied auf die Technologie, nun zur Musik: Das Christoph Irniger Trio zelebriert auf dem Album Gowanus Canal (Intakt, 2013) die melodiöse Tondichtung ohne triviale Süßlichkeit. Das vom jungen Schweizer Tenorsaxofonisten Irniger, Jahrgang 1989, geleitete Trio illustriert vortrefflich, dass manchmal die Gesamtheit mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Mittels sparsam eingesetzter Töne, ohne ins minimalistisch Langweilige abzudriften, versteht es das Trio, einen eigenen Klangkosmos zu entwerfen. Die Bliss Silver von Jean-Marie Reynaud transportieren als kongeniale Spielpartner die glasklar produzierte Musik singend und schwingend ohne jedwede technische Beimischung und mit einer sehr glaubhaften Bühnendarstellung. Der Hörer ist einfach dabei. Mittendrin. Die Lautsprecher verschwinden. Klassische HiFi-Gedanken bei der Beurteilung von Equipment wie „Oh, welch‘ toller Bass“ oder „Mir gefällt hier besonders die Auflösung“ wollen bei den Bliss Silver gar nicht erst aufkeimen. Zu sehr involvieren sie den Hörer ins Geschehen. Hier lenkt nichts ab von der Musik.

Weniger auf den feinen Geist als vielmehr direkt auf die Zwölf zielt das aktuelle Afrobeat-Album von Seun Kuti & Egypt 80 namens A Long Way To the Beginning (Knitting Factory, 2014). Ganz im Sinne seines legendären und musikhistorisch bedeutsamen Vaters Fela Kuti, aber moderner im Sound, feiert hier die bunt gemischte Big Band mit kämpferischen Beats und triumphierenden Bläsersätzen eine große, politisch ambitionierte Party. Die offensive, plakative Afropop-Musik erklingt über die Wandler sehr natürlich und dynamisch. Die Attacken, die Impulse eines jeden Tons werden mit einem ansatzlosen Antritt wiedergegeben, ohne den Blick auf die Gesamtheit zu verstellen. Hier groovt‘s. Kommt echt fett. Die Bliss Silver beherrschen diese Disziplin also auch.

Wer einen effektfreien neuen Lautsprecher sucht, der optisches Understatement pflegt und die Bude nicht verschandelt, und gerne viel laute oder leise Musik hört, der sollte beim Fachhändler mal den Monitoren von Jean-Marie Reynaud sein Ohr schenken. Das Faszinosum, das Unaussprechliche der Musik könnte sich einstellen. Und wenn der Händler ein guter ist, verleiht er die Boxen auch gerne mal ein paar Tage. Weil nur das Zuhause des Kunden Castle ist. Nur dort muss es klingen und gefallen. Zurückbringen wird man die Französinnen vermutlich nicht. Noch ein Tipp: Gute Lautsprecherständer zahlen sich im Klangbild aus. Die Bliss-Silver-Monitore kosten im Paar 2.200 Euro und sind im Deutschland-Vertrieb von H.E.A.R erhältlich.

Websites:
www.jm-reynaud.com
www.h-e-a-r.de