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Der Vibrafonisten-Legende Bobby Hutcherson jüngst einmal wieder in Europa live zu begegnen, ihr beim Spielen zuzuschauen, ist schon ein besonderes Vergnügen. Mit vollem Körpereinsatz lauscht Hutcherson den angeschlagenen Tönen nach, er biegt und windet sich, in unnachahmlicher Eleganz und nahezu tänzerischer Anmut. Wer es bisher nicht wusste, weiß es spätestens nach diesem Erlebnis: Jazz und Körpersprache sind – worauf gerade Joachim–Ernst Berendt mehr als einmal hingewiesen hat – nicht voneinander zu trennen. Und wer je bei afroamerikanischen und europäischen Jazzern auf die Körpersprache geachtet hat, weiß, dass Jazz dort lebt, wo seine Körpersprache gesprochen wird. Was das mit dem wundervollen großformatigen Buch des amerikanischen Fotografen Jimmy Katz zu tun hat? Nun, seit 1991 fotografiert er in New York Jazz-Musiker, vornehmlich amerikanische. Die Meister des real stuff; Katz war bei über 300 Aufnahme-Sessions dabei, hat die Kamera für Zeitschriften und Magazine ausgepackt und die Musiker ins richtige Bild gerückt. Wer zu sehen ist? Beispielsweise der besagte Bobby Hutcherson, Sonny Rollins, Cassandra Wilson, Andrew Hill, Billy Higgins, Joe Lovano, Ahmad Jamal, Arthur Taylor, Max Roach, Jim Hall, Joe Henderson und und und. Natürlich, in diesem Buch, in Schwarz und Weiß, auf hochwertigem Arctic-the-Matt–Papier gedruckt, und damit eine weitere Qualitätsarbeit aus dem jazzprezzo Verlag, der seit 2006 mit seinem Jazz Calendiary und dem wundervollen Buch über Nils Landgren, red & cool, mit luxuriöser Qualität sinnlich neue Akzente auf dem Jazzbuchmarkt setzt.

Und nun ein weiterer Treffer mit Jimmy Katz. Wer bisher nur bei Jazzfotografen-Namen wie Francis Wolff, Herman Leonard, Bill Gottlieb oder William Claxton aufhorchte, sollte sich nun auch den von Jimmy Katz merken. Der Mann ist ein Typ mit einer Begabung und einer Berufung, und wenn er erzählt, wie er Jazzfotograf wurde, dann sind seine Worte so typisch wie seine Fotografien »Wo ich auch hinging, ich nahm immer Musik mit. Ich weiß noch, dass ich mich während einer kalten Nacht in Peru auf fast 7000 Meter Höhe mit John Coltrane tröstete und hoffte, dies würde nicht die letzte Musik sein, die ich hörte, bevor mein Kletterpartner, mein Zelt und ich vom Berg runter ins Amazonasbecken geblasen wurden. 1991 hörte ich mit dem Bergsteigen auf und beschloss, als Fotograf zu arbeiten.« Eine kleine Miniatur, in der Berufung, körperliches Erleben und Musik sich in wenigen Worten sinnfällig zusammenschließen.

Genau diese Qualität findet sich auch in seinen Fotos: Sie erzählen kleine Geschichten, eingefroren in einem Bild wie in einer Erinnerung. Und: Sie erzählen ihre Geschichten, indem sie das Augenmerk auf die jeweilige Körpersprache der Abgebildeten richten. Die Konzentriertheit in den Bewegungen von Sonny Rollins spricht von der Zielgerichtetheit seines Spiels, ja seines Wesens. Bill Frisell seltsam verkrümmt über seine Gitarre gebückt zu sehen, kann erahnen lassen, wie sich sein Spiel anhört. Und Bobby McFerrin zu sehen, wie er beim Gesang voller Lebenslust seine Rastalocken schüttelt, wird dieses Foto als adäquaten Ausdruck nicht nur seiner Musik, sondern eben auch seiner Persönlichkeit sehen. Katz meint: »Hauptziel meiner Arbeit als Jazzfotograf war immer, den privaten Moment einzufangen, dem Betrachter das Gefühl zu geben, diesen Moment mit dem Musiker zu teilen. Ich möchte ihn in das Spiel hineinziehen, statt ihn auf die Rolle des Beobachters zu beschränken. Ich möchte, dass du das Gefühl hast, wenn Elvin Jones jetzt den Kopf zur Seite dreht, werden die Schweißtropfen auf seiner Stirn dich mitten im Gesicht treffen. Du sollst das Gefühl haben, an einem kreativen Prozess beteiligt zu sein oder dich in derselben musikalischen Umgebung zu befinden, das ist Ziel meiner Fotografie.«

Weshalb es eigentlich angemessen gewesen wäre, Jimmy Katz Kommentare zu den Bildern zu entlocken. Katz, so wird nach der Vorstellung des Buches beim JazzBaltica Festival Salzau erzählt, sei nämlich auch ein ziemlich verrückter, redseliger Kerl und habe so manches Geschichtchen zu seinen Fotos zu erzählen. Etwa, warum Freddie Hubbard sich bei seinem Porträt den Zeigefinger vor die Lippen hält – etwa ein Hinweis auf seine Drogensucht und den Zwang, unter schlimmsten gesundheitlichen Bedingungen immer noch spielen zu müssen, um so erfolgreich wie Miles Davis zu werden? Auch Erläuterungen zu den konkreten Aufnahmeorten und –bedingungen wären sicherlich hilfreich gewesen, um den Kontext zu verstehen, in dem Jazz gelebt wird. Aber, recht gesehen, fehlen diese Kommentare und Erläuterungen bei nahezu allen Bildbänden zur Jazz-Fotografie – hier steht ein seltsamer künstlerischer Ethos der Jazz-Fotografie à la »Wahre Kunst erklärt sich von selbst« immer noch einem tiefer gehenden Verständniswunsch gegenüber. Allein, diese Kritik dem Buch von Jimmy Katz zum Vorwurf zu machen, wäre unfair, zielt er doch eher auf das gesamte Genre der Jazz-Fotografie.

Jazz in NY ist jedenfalls ein wundervolles Buch in einem Genre mit einer eigenwilligen Ästhetik. Indem Jimmy Katz’ Fotografien das Auge für den körperlichen Ausdruck der Jazz-Musiker sensibilisieren, kommen sie dem Wesen des Jazz so nahe, wie es Fotos nur können. Wie lobt noch Michael Cuscuna in seinem Vorwort: »Katz hat mit seiner Kamera einen ganz eigenen Stil entwickelt, der ebenso unverwechselbar ist wie Armstrongs Trompetenton oder Coltranes Sound auf dem Tenorsaxofon.« Recht hat er, der Michael Cuscuna, und wenn man sich, wie von Katz gewünscht und gewährt, durch die Betrachtung dieser Fotos in einen kreativen Prozess hineingezogen fühlt, dann kommt sie fast dem Erlebnis eines Konzertes nah. Wer je Bobby Hutcherson sah und hörte, weiß, wovon die Rede ist.

Jimmy Katz: Jazz in New York, Bad Oeynhausen 2007, jazzprezzo Verlag, 191 Seiten.