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Welche Namen repräsentieren den Schweizer Jazz? Sind es die Uralten wie Hazy Osterwald oder Teddy Staufer, die Alten wie Franco Ambrosetti, George Gruntz, Irène Schweizer und Pierre Favre oder die jüngere Generation: Nik Bärtsch, Erika Stucky oder Lucas Niggli? Sind es die Emigranten wie Mathias Rüegg, Daniel Humair, Charly Antolini oder Sylvie Courvoisier oder eher die Festivals Montreux, Willisau bzw. das Taktlos, die das Bild des Schweizer Jazz im Ausland bestimmen?

Die Frage ist viel zu vielschichtig, um eindeutig beantwortet
werden zu können. Was allerdings all diese Namen dokumentieren,
ist das starke Profil, das der Jazz aus der Schweiz weltweit
genießt - eine erstaunliche Leistung für ein so kleines Land. Eine
derartige Explosion an Kreativität kommt nicht von ungefähr. Sie
ist in den letzten 100 Jahren ganz allmählich gewachsen, seit der
Jazz die Alpen erreichte.


    Geschichte und Geschichten des Jazz in der
Schweiz
breitet jetzt eine Publikation ausführlichst aus,
herausgegeben vom Musiker, Musikjournalisten und Jazzdozenten
Bruno Spoerri. In 25 Beiträgen zeichnen verschiedene Autoren auf
450 Seiten die Evolution der improvisierten Musik im Alpenland
nach.


    Die Historie des Jazz in der Schweiz beginnt nach der
Jahrhundertwende, als erste Vorläufer wie der Ragtime oder der
Cakewalk in den größeren Städten vereinzelt hörbar werden. Nach
dem 1. Weltkrieg beginnen dann einheimische Tanzkapellen die »Hot
Music« aus Amerika nachzuahmen, angespornt von amerikanischen
Jazzkapellen, die in der Schweiz Station machen. In der 30er
Jahren breitete sich der Jazzvirus immer mehr aus, Jazzclubs und
eine Jazzzeitung entstehen. Louis Armstrong und Coleman Hawkins
treten in der Schweiz auf. Jazz wird zum Synonym für moderne
Tanzmusik aus den USA. Jazztanzorchester bestimmen die Szene, die
allerdings oft über Provinzniveau nicht hinauskommen, von
Ausnahmen wie Teddy Staufer und Hazy Osterwald abgesehen.
    

Die Nachkriegszeit ist vom Schisma zwischen Traditionalisten
und Modernisten gekennzeichnet, wobei das Amateur Jazz Festival in
Zürich eine Schlüsselstellung einnimmt. Ende der 60er Jahre
versuchen dann Musiker zaghaft, als Jazzprofis ein Auskommen zu
finden. Stichworte wie Akademisierung und Professionalisierung
bestimmen den Weg in die Gegenwart, d.h. immer mehr Musiker
versuchen nach einem Musikstudium an einer Schweizer Jazzschule
vom Musikmachen zu leben, was auf die zeitgenössische Szene
zwischen Lugano, Genf, Basel, Zürich und Bern positive
Auswirkungen hat. Sie gilt heute als eine der vitalsten in ganz
Europa mit einer Vielzahl von Musikern, die international von sich
reden manchen. Die Schweiz hat momentan jazzmäßig einiges zu
bieten.


    Neben einer chronologischen Nachzeichnung der Entwicklung
werden die Jazzszenen der verschiedenen Landesteile in Form einer
»Local History« genauer unter die Lupe genommen, was manchmal -
für einen Außenstehenden - etwas zu ausführlich gerät. Daneben
werden spezielle Phänomene in Einzeldarstellungen kompetent
ausgeleuchtet, Themen wie Frauen im Schweizer Jazz, die Festivals,
Jazz und Volksmusik, Jazz im Radio und die Jazzschulen. Zur
Jazzförderung und zu den Plattenlabels hätte man sich zusätzliche
Beiträge gewünscht, weil hier möglicherweise der Schlüssel des
Schweizer Jazzerfolgs liegt. Eine CD-ROM bietet darüber hinaus
u.a. eine ausführliche Diskografie, ein biografisches Lexikon des
Schweizer Jazz sowie eine Bibliographie.


    Die Beiträge sind durch die Bank gut lesbar geschrieben und
minutiös recherchiert, ohne dass vor lauter Details der
Haupterzählstrang aus dem Blick gerät. Fehler gibt es kaum. Nur
einer ist aufgefallen: Der Kontrabassist Barry Guy, der enge
Verbindungen zur Schweizer Szene hat, ist Engländer (1947 in
London geboren), nicht Ire. Davon abgesehen ist Herausgeber
Spoerri eine faktenreiche, wasserdichte und höchst lesenswerte
Gesamtdarstellung gelungen, deren Gründlichkeit und Akribie
beeindruckt und die nicht nur für den Insider Interessantes zu
bieten hat.
Christoph Wagner

Bruno Spoerri (Hg.): Jazz in der Schweiz - Geschichte und
Geschichten, Chronos Verlag, gebunden, 459 Seiten mit etlichen SW-
Fotos und einer CD-ROM.