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Deutsches Sprach echt krass, Alter! Konnte sich peinlich anhören, wenn Heinrich Lübke Kontakte zu »Herren, Damen und Negern« suchte. Kann sich immer noch peinlich anhören, wenn »Diskurs-Popper« (sic!) »Tausend Tränen tief« im Schwulst versinken. Hört sich auch nicht besser an, wenn der Court Sales Manager per Handy mitteilt, dass er heute nicht zum Duty kommen könne.

Ja, so ein Hausmeister hat’s schwer, aber noch schwerer hatte es eigentlich nur die amerikanische, britische und die mit ihr verbandelte deutsche Musikindustrie, die in den fünfziger Jahren entdeckte, dass es eines Absatzmarktes für das neu entwickelte Format der 45er-Single bedurfte. Warum nicht Deutschland zum Ziel des musikalischen und ökonomischen Interesses machen? Eine von vielen Schwierigkeiten: So sehr die Deutschen einerseits den Lebensstil der Befreier liebten, so sehr sie die Unterhaltungsmusik liebten, die nichts vom Krieg und den Nazi-Gräueln wusste, so wenig war die englische Sprache Allgemeingut. Also unterwarf man amerikanische und britische Sänger und Sängerinnen dem Diktat deutscher Grammatik - und plötzlich sangen die Stars von jenseits des Kanals und aus Übersee aus vollster Brust und Kehle in deutscher Sprache! Und weil es sich so schön anhörte, freuten sich alle; und seitdem ist die deutsche Sprache die des internationalen Pop!

Wenn es ganz genau so gewesen wäre, dann hätte der Autor und Musikjournalist Bernd Matheja nicht sein durch drei Auflagen längst zum Klassiker der deutschen Nachkriegsmusikgeschichte avanciertes Buch 1000 Nadelstiche – Amerikaner & Briten singen deutsch 1955-1975 zu schreiben brauchen. Aber immerhin, es war fast so ähnlich, und wer dieses reich bebilderte Buch, zu dem es eine begleitende CD-Serie gibt, durchblättert, findet eine Reihe von Weltstars, die über Nacht der deutschen Sprache mächtig wurden: Louis Armstrong ließ ein »Willkommen« erschallen, die Beatles forderten »Komm gib mir deine Hand«, wussten »Sie liebt dich«, Joan Baez erfreute sich folglich an »Kinder (Sind so kleine Hände)«, woraufhin Willie Nelson den »Whiskey-Walzer« bekam. Johnny Cash musste nach dem Weg fragen (»Wo ist zu Hause, Mama«), denn es war schon »Viel zu spät«. Als er Twist-König Chubby Checker auf dem Schallplattenmarkt traf, rief dieser nur noch »Troola-Troola-Troola-la« und »Holla-Hi, Holla-Ho« – wobei insbesondere letztgenannte Zeugnisse deutschsprachiger Sangeskunst belegen, dass der wahre Dadaismus im deutschen Schlager weiterlebte. Wo es ernsthafter zuging, kam die Weltpolitik zur Sprache. Andy Fisher –eigentlich Johann Fischer aus Wien und Bassist bei Edelhagen – sang in »Mr. Cannibal« die unvergesslichen Zeilen: »O, it was only a few years ago / I was a Mau Mau Joe / in Kenya ... / And then they took me back to Germany / to make a Mensch of me / so fein.« So sollte es sein, und alsbald waren weder Deutsche noch Amerikaner mehr ihrer Sprache so richtig mächtig. Diesen Anschein erwecken jedenfalls Hybridtitel wie »Little little Mondenschein« (Conny Froboess), Freddy Quinns Gesang »So schnell sieht ein Seemann nicht black« - oder »I love you zum Fressen« (Gretchen). Und wer nun denkt, dass derlei Eindeutschungen längst im Giftschrank der fünfziger und sechziger Jahre weilen und moderne Rock- und Pop-Musiker von derartigen Anfällen verschont blieben, dürfte weder Frank Zappa mit »Du bist mein Sofa«, David Bowie, Siouxie & The Banshees, Peter Gabriel (»Schock den Affen«), Chas & Dave (»Eine kleine Knees Up Musik«), Randy California (»Großer Herrscher«) oder Pete Townsend (»Könige auf dem Eis«) sowie Mark Knopfler und seinen »Rüdiger« gehört haben.

Ja, und wer trotzdem – oder gerade deswegen - nicht verstand, was da gesungen wurde, für den gab es immerhin noch Instrumentaltitel aus dem Jazz- und Crossover-Bereich. Konsequenterweise wurden auch diese eingedeutscht: Der großartige New-Orleans-Klarinettist George Lewis wurde vor »Das alte Spinnrad« gesetzt, und Mr. Acker Bilk hatte ein besonderes Erweckungserlebnis: »Ich sah zwei Bären Brötchen schmieren.« Besser so als umgekehrt, oder?

Alles in allem ist Mathejas Buch - in Details natürlich verbessert und immer noch »Work in Progress« - eine unerschöpfliche Fundgrube für alle, die an der Kulturgeschichte Deutschlands interessiert sind. Dabei ist dieses Buch eben keine akademische Abhandlung, sondern eine höchst amüsante, mit zahlreichen Anekdoten gespickte Schallplattengeschichte bzw. eine kenntnisreich kommentierte Diskografie, die mit zahlreichen Querverweisen zu Produzenten, Musikern und Komponisten Interessantes aus der trüben Musikwelt ans Licht holt. Viele Cover-Singles sind abgedruckt, und Modefetischisten dürften dabei ebenso in Zuckungen verfallen wie Sammler. Denn, auch das macht Matheja klar, die Singles, auf denen englisch-deutsch geradebrecht wurde, sind längst zu begehrten Sammelobjekten geworden. Und wenn in hundert Jahren Außerirdische auf dieser Welt landen und iPods längst nicht mehr funktionieren, werden sich diese Vinyl-Pretiosen unter Schutt und Asche in den Tresoren der Sammler finden. Und die Sprachkundler der Zukunft werden sich mit ihnen die Sprache der Erdlinge beibringen. Louis Armstrongs »Hassu gewuss« wird also noch lange nachklingen. Mindestens 1000 Nadelstiche lang.

Bernd Matheja: 1000 Nadelstiche – Amerikaner & Briten singen deutsch 1955–1975, 3. Auflage 2007, Hambergen, 352 Seiten.