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Bitte schön, was ist Jazz? Lange Jahre gab es vor allem musiktheoretische Erklärungsversuche, die sich um Synkopen und Improvisation, Moll und Dur, Swing und Skalen drehten. Ab und wann tauchte auch noch der eine oder andere Afroamerikaner auf, der Jazz mit seiner Art des Gehens erklärte, den »Walking Bass« mit seiner Körpersprache in Verbindung brachte und den Blues als ein Lebensgefühl erwähnte. Hm, aber darüber nachzudenken in den offiziösen Jazzdiskursen? Besser nicht. Dann doch lieber ein neues Fass aufmachen und mit Stuart Nicholson flugs die Dominanz und Virilität des europäischen Jazz behaupten! So weit muss es allerdings nicht kommen.
Denn glücklicherweise hat Renate Da Rin in Köln die Jazzedition buddy’s knife gegründet, eine Edition, die mit ihren ersten beiden Bänden zwei afroamerikanischen Musikern der ersten und zweiten Fee-Jazz-Generation eine Stimme gibt. »Da der lebendigen Kölner Szene des Jazz und der Improvisierten Musik ein Verlag fehlt, der sich ganz und gar dem Thema widmet, haben wir ihn gegründet«, heißt es, und buddy’s knife will explizit den »Stimmen, die über Jazz erzählen und über das, was ein Leben mit Jazz ausmacht« ein Forum bieten.« (Und das in englischer Sprache!)
Den Anfang machen zwei Bassisten aus der Avantgarde-Szene. Zum einen Henry Grimes, der seit den Spätfünfzigern durch Aufnahmen mit Sonny Rollins, Monk, Ayler, Shepp und Cecil Taylor auf sich aufmerksam machte. Grimes gilt dank seines weitsichtigen Spiels als stilbildend für improvisierende Bassisten, doch irgendwann in den Spätsechzigern verabschiedete er sich von der Musikszene, engagierte sich im Straßentheater und fiel irgendwann durch das eh weitmaschige soziale Netz Amerikas. William Parker schenkte ihm 2002 einen neuen Bass, Grimes übte und meldete sich dann wieder auf der Szene zurück.
In den Jahren der inneren Emigration hatte Grimes immer wieder Gedichte geschrieben, und die finden sich jetzt in dem radikal klar typografierten Buch Signs Along the Road. Der Musiker Marc Ribot erklärt in seinem luziden Vorwort, wie die Gedichte Grimes’ zu lesen sind. Es seien Spielereien mit Worten und ihrer Deutung, aber auch mit (Sprach-)Rhythmen und Doppeldeutigkeiten, die ohne das Verständnis etwa der Musik von Monk & Co. kaum zu verstehen sind. So werde aus Gedichten, die sich auf den ersten Blick wie Amateur-Poesie lesen, dann ein Stück afroamerikanischen Lebensgefühls, wo Sprache, Dichtung und Musik ein und denselben Rhythmus, ein und denselben Geist atmen.
William Parker, der Mann, dessen Geschenk Grimes wieder in die Öffentlichkeit zurückholte, ist seines Zeichens ebenfalls Bassist und seit den frühen siebziger Jahren durch seine Arbeit mit Frank Lowe ein Begriff in der Szene. Parker, ein Garrison-Schüler, spielte mit u.a. Brötzmann und Roscoe Mitchell, mit John Zorn und Derek Bailey. Und: Er ist nicht nur Bassist, sondern auch ein Philosoph, der an die Heiligkeit der Musik glaubt. Der Band Who Owns Music trägt den beredten Untertitel Notes from a Spiritual Journey und trifft den Kern der Aussagen besser als der Haupttitel, der an ein dröges ökonomisches Manifest denken lässt. Und wovon schreibt Parker? Er bedankt sich seitenweise bei den Musikern, die ihn beeinflusst haben, von Mingus bis Ray Brown. Er erzählt in prägnant gesetzten Worten vom Blues und von der Macht der Musik gegen die Übel der Welt, er vermischt Zen-Anekdoten mit Anklagen gegen die Musikvernichter von Seiten des Rassismus und einer Welt, die ihre Werte gegen das Leben ausrichtet. Ein faszinierend originelles Buch voller Einsichten in die Innenwelten eines afroamerikanischen Musikers – gerade auch deshalb, weil hinter jedem Wort Parkers Erfahrungen stecken, die so nur jemand machen konnte, der als Afroamerikaner sozialisiert wurde. Hier, in den Worten Parkers, schwingt eine Jazz-Erfahrung mit, die im afroamerikanischen Jazz zu hören ist – aber eben nicht in der, zugegebenermaßen, oftmals auch interessanten Musik, die als europäischer Jazz verkauft wird, aber eben diese Bezeichnung kaum verdient.
Beide, Parker und Grimes, schreiben und spielen die deutliche Sprache des afroamerikanischen Jazz. Dass buddy’s knife ihnen eine Heimstatt bietet, ist das Verdienst von Renate Da Rin, die mit ihrer Einstellung der des Jazz nicht fernsteht: »Ich bin von der Musik und von den Musikern einfach fasziniert, insbesondere wenn sie auch noch imstande sind, sich verbal zu äußern. Es ist mir einfach eine Herzensangelegenheit, ihre Schriften zu veröffentlichen!« So trifft es sich, dass in Köln Musik und Buchkunst zur Lebenskunst sich vereinen. Keine schlechte Empfehlung, oder?

Henry Grimes: Signs Along the Road, Köln 2007, buddy’s knife, 129 Seiten.
William Parker: Who Owns Music, Köln 2007, buddy’s knife, 141 Seiten.