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Kein leichtes Feld bestellt er, der Christian Broecking. Einer der umtriebigsten Jazz-Publizisten Deutschlands, profitieren Print- und Funkmedien von seinem Einsatz, der sich in zahlreichen Interviews niederschlägt. Bedeutende Repräsentanten der afroamerikanischen Kultur hat er befragt, und die besten, inhaltlich kohärenten Interviews zur Thematik afroamerikanischer Kultur wurden bislang in zwei Büchern, Respekt und Black Codes, zusammengefasst und auf den Markt gebracht. Das dritte, mit dem leicht aus der Reihe fallenden Titel Jeder Ton eine Rettungsstation – ein Zitat des Bassisten William Parker -, ist gerade erschienen und legt noch einmal den Finger auf gleich mehrere Wunden.

Klar dürfte sein, dass alle drei Bücher dem einen großen Thema der afroamerikanischen Kultur verpflichtet sind: Wie (über-)leben afroamerikanische Musiker in Amerika? Wie viel Respekt braucht es, um dem Rassismus zu begegnen, welche Widerstandsformen gibt es, wie organisiert sich ein afroamerikanisches Künstlerleben inmitten des Raubtierkapitalismus der US-Gesellschaft?
Vorteilhaft zum Verständnis des neuen, aber auch der anderen beiden Bücher, ist ein Gedankenexperiment hinsichtlich der befragten Musiker. Es handelt sich, um nur einige zu nennen, um David Murray, Butch Morris, Billy Bang, Roscoe Mitchell, George Lewis, Yusef Lateef, Howard Johnson, Leroy Jenkins, Sam Rivers und William Parker. Was haben sie gemeinsam? Erste Antwort: Sie sind Afroamerikaner und machen Musik. Zugegeben, er befragt keine Unterhaltungsmusiker, keine Blueser, keine Soulisten, Rocker oder HipHopper, sein Klientel setzt sich aus Musikern zusammen, die zumindest einst dem afroamerikanischen, auch politisch inspirierten Free Jazz nahestanden. Klar also, dass in jedem Interview Politik zur Sprache gebracht wird, bei Befragungen europäischer Musiker dürfte es mehr als eine Buchseite länger dauern, bis die Rede auf die Politik kommt. Vor allem, weil die afroamerikanischen Kollegen von Lebens- und Arbeitsbedingungen erzählen können, von denen Musiker hierzulande nur albträumen können. Unisono wird von den Afroamerikanern Klage erhoben, gegen den Rassismus in den USA – Howard Johnson war diesbezüglich auch in Deutschland nicht beglückt -, gegen den zunehmenden Sozialabbau und – natürlich – gegen die Missachtung ihrer Kunst.
Damit sind die Gemeinsamkeiten aber auch schon erschöpft. Andersrum: Käme jemand auf die Idee, ein Buch über Europäer zu schreiben, die weiß sind und Musik machen? Ließen sich die Arbeiten und die Arbeitsbedingungen von Karl-Heinz Stockhausen mit denen von DJ Ötzi, Nana Mouskouri, Nils Landgren, den Rolling Stones, Charles Trenet, den Ärzten und Rita Pavone vergleichen – nur weil sie alle Musik machen und eine ähnliche Hautfarbe haben? Denn ähnlich heterogen ist die von Broecking befragte Musikerschar. Denn was genau ist ihre so missachtete Kunst, wie sind ihre jeweiligen konkreten Arbeitsbedingungen?
Da gibt es den notorisch neugierigen George Lewis mit hochdotierten Professuren, der auch schon einmal einen mit 500 000 Dollar dotierten Award zugesprochen bekommt. Ihm stehen Musiker gegenüber, die mit wenigen Aufritten im Jahr überleben müssen, ohne staatliche Unterstützung und weitestgehend mittellos, die, wie Sam Rivers, wegen horrender Kosten des Gesundheitswesens um ihr Überleben fürchten. Es gibt Musiker wie David Murray, die ihre Musik als Teil einer afroamerikanischen Widerstandsmusik begreifen. George Lewis hegt kein Interesse an der »kleinen Schachtel Jazz«, andere verstehen sich vehement als Jazzer, andere fühlen sich lediglich der Great Black Music – also Jazz, Blues, Reggae und Rap – verpflichtet, andere höchstens sich selber und einem Künstlertum, das sich missachtet fühlt. Einige der Befragten sollen tatsächlich Partituren en masse für sinfonische Werke in der Schublade haben, nur hören will das niemand! Was mehrere Gründe hat: Afroamerikanern bleibt aus rassistischen Vorurteilen die Welt der klassischen Musik verschlossen – und die Welt wartet nun nicht unbedingt mehr auf den nächsten Mozart, egal welcher Couleur!
So verschieden die Künstler, ihre Persönlichkeiten, aber auch ihre Fähigkeiten sind, was sie eint, ist ihr unbedingtes Künstler-sein-Wollen. Das ist denn auch das große Verdienst dieses dritten Interview-Bandes. Handelten Respekt! und Black Codes von den Widerstandsformen afroamerikanischer Kultur, so zeigen die Interviews in Jeder Ton eine Rettungsstation, dass es um mehr geht. Nicht mehr allein die afroamerikanische Kultur steht zur Debatte, sondern darüber hinaus das Verhältnis, das eine Gesellschaft generell zu ihren Künstlern hat, seien diese schwarz, weiß, gelb oder purpurn. Pflegt sie sie, richtet sie sie zugrunde oder sind sie ihr gleichgültig? So oder so, wenn jeder Ton als eine Rettungsstation gehört und gespielt wird, dann erzählen Broeckings Interviews von einem Überlebenskampf der Künstler in der amerikanischen Gesellschaft, der sich hierzulande jeglicher Vorstellungskraft entzieht. Und genau das macht dieses Buch so wertvoll: Es eröffnet einen Blick in eine andere Welt, in der es beim Musikmachen tatsächlich um eine Überlebensfrage geht!


Christian Broecking: Jeder Ton eine Rettungsstation. Berlin 2007, Verbrecher Verlag, 199 Seiten.