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Exotik jenseits der Stile - Susheela Raman
World vom 03.04.2002

Sie darf getrost als eine der großen Entdeckungen des vergangenen Musikjahres gepriesen werden. Immerhin bekam Susheela Raman für ihr Debüt neben dem BBC-3-Worldmusicaward (JT berichtete in 3/02) auch einen Preis der Deutschen Schallplattenkritik und war für den Mercury-Award nominiert. Nun steht ihre erste Deutschland-Tour ins Haus – präsentiert von der JAZZTHETIK.

Artikel: Thorsten Bednarz Bild: Andrew Catlin

Geboren wurde sie in London, aufgewachsen aber ist sie in Australien. Dort begann sie als Teenager auch in diversen Bands zu singen – Soul, Funk und Blues überwiegend. Später, zurück in London, fand sie sich plötzlich im so genannten Asian Underground wieder und sang mit dem Drum-and-Bass-Projekt »Joi«. Doch nebenbei entwickelte sie ihre eigenen Songs mit dem Gitarristen und Produzenten Sam Mills. Der hatte sich nach seinen wilden Jahren als Rockmusiker mehrere Jahre Pause gegönnt, studierte Anthropologie, lebte lange Zeit in Indien und Japan und kam dann 1995 wieder zurück zur Musik und nach England. Schon damals lernte er während seiner Arbeit für Peter Gabriels Weltmusik-Label Real World Susheela Raman kennen und begann, mit ihr zu arbeiten. Aber das Ergebnis passte nicht so richtig in den so genannten Asian Underground, sie schlugen viele falsche Wege ein, und so dauerte es, bis endlich im vergangenen Jahr das Debütalbum Salt Water erschien.

»Susheela ist schon mal ganz anders als all die anderen Musiker des Asian Underground«, erklärt Sam Mills. »Das liegt in erster Linie daran, dass sie nicht in England aufwuchs. Und überhaupt gab es den Asian Underground niemals als Szene – jeder der Musiker ging und geht seinen eigenen Weg. Und was Susheela und ich machen, hat schon rein ethnologisch nicht viel mit Asien zu tun, obwohl sie auch solche Songs singt. Aber obwohl sie sich viel mit südindischer Klassik beschäftigt hat, hat sie doch ihre eigene, gebrochene Beziehung dazu. Wir haben schon gemeinsame Vorlieben, sind aber doch Individuen, die bis zu einem bestimmten Punkt nur diese Vorlieben teilen, und ich bin mir gar nicht sicher, ob es immer die Gemeinsamkeiten sind, die einen Song ausmachen.« Dafür haben sie aber auch genug Zeit, sich miteinander und mit ihrer Musik zu beschäftigen, wie Susheela erklärt. »Eigentlich könnte man annehmen, dass wir immer mit unserer Musik zu tun haben, denn wir stehen ja nicht nur gemeinsam auf der Bühne, sondern leben auch zusammen. Aber wir können zum Glück auch völlig abschalten, und wenn dann einer nachts eine Idee hat, ist wieder ein Freiraum da, um gleich gemeinsam arbeiten zu können.«

So entstehen diese unglaublich entspannten und fließenden Songs jenseits aller Regeln der stilistischen Sauberkeit und Abgrenzbarkeit. »Die Regeln wurden ja schon vorher gebrochen – vom Punk, vom Free Jazz. Inzwischen gibt es ja vielleicht auch keinen Musiker, der von sich behauptet, Weltmusik zu spielen. Das ist auch ein wesentlicher Unterschied etwa zu einem Gemeinschaftsgefühl, wenn du dich als HipHop-Musiker ausgibst. Susheela und ich, wir bewegen uns also im luftleeren Raum und können so unsere teilweise auch etwas surrealen Ideen ausleben. Ich habe vor kurzem gehört, dass jemand statt des Begriffes Weltmusik ›progressiv traditional‹ vorgeschlagen hatte. Aber ich kann mir nicht vorstellen, jemals in einen Laden zu gehen und zu fragen, was es denn so Neues im Bereich ›progressive traditional‹ gäbe. Ouch!« Und, wie er weiter ausführt, der Buena Vista Social Club oder Manu Chao haben es ja auch geschafft, inzwischen in die anderen Ladenregale zu kommen. Auch Susheela Raman findet sich schon dort, wenn auch erst mal nur in Frankreich, wo ihr Album gar die Charts erklomm. Was wohl auch an der Atmosphäre lag, in der das Album aufgenommen wurde. »Irgendwie war alles sehr entspannt«, erinnert sich Susheela. »Aber alle merkten auch, dass sich während der Aufnahmen etwas entwickelt, etwas Besonderes, was man nicht in Worte fassen konnte. Und wie es scheint, können auch die Käufer das irgendwie mit uns teilen.«

Vielleicht lag es auch einfach daran, dass jeder Song irgendetwas hat, was irgendwie bekannt klingt und damit sofort eine Tür öffnet, durch die sich der »Rest« des Songs erschließt. Es muss ja nicht immer gleich so offensichtlich sein wie die wunderbare Coverversion des Liedes der Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch. Jeder Song besteht aus einer Vielzahl bunt schimmernder Elemente und je nachdem, von welcher Seite man kommt und wie das Licht fällt, scheint man etwas anderes zu entdecken – und doch ist dabei die Musik so leicht und luftig wie das feinste Seidenhemd. Aber Vorsicht! Auf der Bühne kann aus dem vermeintlichen Schmusekätzchen Susheela Raman auch ein fauchender kleiner Tiger werden. Insofern sollte man die Konzerte von ihr unbedingt besuchen, um noch eine andere Facette der Musik zu entdecken. Und um vielleicht einmal sagen zu können, dass man am Anfang einer sicherlich großartigen Karriere selbst dabei war.


Aktuelle CD:
Susheela Raman: Salt Rain (Narada / Virgin)




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