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Wolfgang Puschnig - Zeit zum Atemholen
Jazz vom 03.04.2002
Wolfgang Puschnig hat zur Zeit international einen Gang zurückgeschaltet und reflektiert über das, was war, was ist und was sein wird. Seinen letzten Veröffentlichungen, voran dem grandiosen Quinton-Opus Chants tut dies hörbar gut.
Artikel: Andreas Felber / Bild: Wolfgang Grossebner
»Ich wollte einfach nur schauen, wie weit man reduzieren kann, ohne dass es stehen bleibt. Ob man die Spannung halten kann, obwohl ja fast nichts da ist.« Wolfgang Puschnigs kürzlich veröffentlichte CD Chants sei seine beste seit längerer Zeit, so vernimmt man. Ein brillant disponierter Solist lässt hier in einem geschmackvoll choreographierten, von Vibraphon- und Flöten-Farben geprägten Klang-Environment sein Altsaxophon seufzen und singen wie in seinen besten Zeiten – stimulierend unterlegt von relaxten Funk-Pattern eines subsonischen Basses, deren gediegene Chill-out-Qualität zuweilen an eine »analoge« Übersetzung von TripHop und Dub denken lässt.
»Von der Rhythmus-Konzeption hat das mit meinen Erfahrungen in den schwarzen Funk-Kreisen von Philadelphia oder mit Motown zu tun«, rekapituliert Puschnig. »Den Anstoß dazu hat (Quinton-Produzent; Anm.) Heinrich Schläfer gegeben. Ich habe einmal mit zwei DJs und anderen Musikern gejamt, er hat mich dann gefragt, ob ich nicht ein Projekt mit langsamen Grooves machen möchte. Woraufhin ich mir vor allem vom Klang her ein Konzept überlegt habe.
Ich wollte wirklich langsame Sachen machen, das ist ja meistens sehr schwierig. Je langsamer, desto mehr geht es ans Eingemachte, verschwinden die Sachen, an denen man sich sonst festhalten kann.«
Paradoxerweise ist »Chants«, eingespielt mit (wahl)österreichischen Musikern, voran den ehemaligen »Vienna Art Orchestra«-Kollegen Woody Schabata und Bumi Fian, weder personell oder projektmäßig einer jener international spektakulären »Smashes«, mit denen Puschnig in den 90er Jahren – etwa dem Blasmusik-Funk von »Alpine Aspects« oder etwa der Kooperation mit dem südkoreanischen Percussion-Quartett »Samul Nori« – für Furore sorgte.
Hier scheint sich ein Musiker, der in seiner Verkörperung eines Kosmopoliten mit starken regionalen Roots in der slawisch beeinflussten Schwermut des Kärntnerlieds den Modellfall eines europäischen Musikers verkörpert, auf seine alten Stärken zu besinnen, seine musikalische Seele von innen heraus zum Leuchten zu bringen.
Auch wenn sich Chants einer Anregung von Produzentenseite verdankt, scheint die Entstehung des Albums in einer Zeit, in der es zumindest nach außen hin etwas ruhiger um Österreichs Paradesaxophonisten geworden scheint, kein Zufall. Die aufsehenerregenden Projekte der letzten Jahre, etwa die genannte Kooperation mit »Samul Nori« oder die funkige »Gemini Gemini«-Zwillingsachse mit Jamaaladeen Tacuma liegen auf Eis, auch die Auftritte mit Linda Sharrock sind seit der privaten Trennung vor einigen Jahren rar geworden.
Trotz weiterhin aufrechter Mitgliedschaft in Carla Bleys »Very Big Band«, mit der im Sommer wieder eine Tournee ansteht, und der Erstbegegnung mit deren Ex-Ehemann Paul im Rahmen des letztjährigen Jazzfestivals Saalfelden scheint sich der Kärntner in seinen Aktivitäten eher auf die nähere heimische Umgebung zu konzentrieren. Und tragen – wie am Beispiel der neuen CD zu hören – ausgeprägten introspektiven Charakter.
Bedeuten die ersten Jahre des neuen Jahrtausends für Puschnig eine Zeit des Innehaltens, des Atemholens ? »Ja, vielleicht ist es eine Zeit des Meditierens«, so der Saxophonist grüblerisch. »Ich habe während der letzten zehn Jahre total Dampf gemacht, ich habe so viel gearbeitet, das war unglaublich. Da ist es schon gut, wenn man kurz einmal einen Gang zurückschaltet, sich anschaut, was alles schon war und drüber reflektiert.«
In diesem Sinne fügt sich auch die retrospektive Programmatik der anderen aktuellen Puschnig-Veröffentlichungen schlüssig ins Bild. Neben dem CD-Reissue von Pieces of a Dream, dem formidablen Debüt von 1988, auf dem er sich in wechselnden Duo-Konstellationen u. a. mit Steve Swallow, Hans Koller, Carla Bley, Harry Pepl u. a. vorstellte, um ein Jahr später nach zwölf Jahren seine »Band-Mutter« »Vienna Art Orchestra« (VAO) zu verlassen und eine erfolgreiche Solo-Karriere zu starten, steht mit Traces ein Duo-Album zu Buche, bei dem man sich im Grunde nur darüber wundert, dass es nicht schon längst existiert.
Wolfgang Puschnig und Uli Scherer, der Pianist mit dem kristallklaren Anschlag und dem gleichsam architektonischen Strukturdenken, konstituieren immerhin eine personelle Achse, die sich seit den 70er Jahren als Konstante durch eine erstaunliche Vielzahl von Ensembles zieht: »Part of Art«, »AM4«, »Red Sun«, allen voran natürlich das VAO, dem Scherer sogar bis 1997 die Treue hielt. Kennen gelernt haben die beiden einander vor beinahe 30 Jahren in Kärnten, wo Puschnig in Klagenfurt, Scherer in Villach aufwuchs. Ersterer war erst kurz zuvor über das Initialerlebnis der Miles-Davis-LP »Bitches Brew« mit dem Jazz-Virus infiziert worden, in einer Underground-Band mit dem schrillen Namen »Socrates Sixtinic Bongoloids« begegneten die beiden einander erstmals zu gemeinsamem Musizieren.
In Wien, wohin Puschnig im Herbst 1974 18-jährig zwecks klassischem Flötenstudium übersiedelt war, und wo der drei Jahre ältere Scherer bereits Architektur inskribiert hatte, traf man sich wieder. Schon 1975 fand das erste Duo-Konzert statt, doch erst jetzt, ein Vierteljahrhundert danach, war die Zeit für ein gemeinsames Album reif. Ob man sich des in all den Jahren aufgebauten, traumwandlerischen Vertrauensverhältnisses so sicher war, dass den beiden die Notwendigkeit einer dokumentarischen Festschreibung auf Tonträger gar nicht in den Sinn kam? »Ich weiß nicht, warum es nicht passiert ist«, meint Puschnig dazu.
»Ich habe es jetzt einfach einmal machen müssen. Vielleicht auch, weil ich gesehen habe, dass mit fortschreitendem Alter immer wieder schon einmal Freunde und Kollegen aus dieser Welt geschieden sind.«
Carpe diem! Naturgemäß hat Wolfgang Puschnigs kleine Atempause mit dem Älter-Werden zu tun hat. Der Saxophonist, der dieses Jahr seinen 46. Geburtstag feiert und mittlerweile Vater eines vierjährigen Sohns ist, ist abgeklärter, erfahrener, reifer geworden. Und lässt dies in seiner Musik hören: »Wenn du älter wirst, hast du wahrscheinlich einfach nicht mehr den Stress, jeden Winkel im Raum, der dir zur Verfügung steht, auszunützen.
Man kann – und das gefällt mir – auch den Raum an sich wirken lassen. Da kommt man schnell ins Metaphysische: Was mir gut gefällt, ist, mit einer gewissen Absichtslosigkeit zu spielen. Ich bin drauf gekommen, dass sich die besten Moment für mich dann ergeben, wenn ich mir als Person nicht selbst im Weg stehe.«
Aktuelle CD-Tipps:
Wolfgang Puschnig: Chants (Quinton) Pieces of a Dream (Universal)
Wolfgang Puschnig/Uli Scherer: Traces (Universal)
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