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Ed Partyka, der neue Silberstreif am jazzorchestralen Horizont
Jazz vom 01.06.2002
Ed Partyka bezeichnet sich selbst als altmodisch. Und auch sonst ist einiges sympathisch merkwürdig an dem Mann. Etwa, dass der 34-Jährige aus Chicago den umgekehrten Weg nahm und in Europa, genauer: in Köln bei Jiggs Whigham und Bob Brookmeyer studierte. Auch, dass er sperrige Instrumente wie Bassposaune und Tuba bläst und Gitarren nicht ausstehen kann. Dass er dennoch justament mit der Uraufführung eines fulminanten, durch muskulöse Wucht glänzenden Konzerts für Gitarre und Jazzorchester, komponiert für Wolfgang Muthspiel und das Concert Jazz Orchestra Vienna, im Juni 2001 im Wiener Konzerthaus auf sich aufmerksam machte. Selbiges ist nun beim Quinton-Label unter dem Namen Continental Call auf CD erschienen und sei jedem Zweifler am alternden Bigband-Genre als kraftvoller Muntermacher ans Herz gelegt.
Von Andreas Felber
Eine unglaubliche Wucht
Andreas Felber: Für viele europäische Jazzer ist Boston oder New York »the place to be«. Was hat dich umgekehrt nach Europa verschlagen?
Ed Partyka: Ich bin zum Studieren gekommen, 1990, ich war 22. Nachdem ich Jiggs Whigham in den Staaten kennen gelernt hatte, wollte ich bei ihm lernen. Also übersiedelte ich nach Köln und studierte dort an der Musikhochschule. Es hat sich auch ergeben, dass Bob Brookmeyer zu der Zeit in Köln Kompositionsworkshops geleitet hat. Und dann habe ich bemerkt, dass für mich die Situation hier viel besser ist. Ich bin ein reiner Bigband-Mensch, als Spieler wie als Schreiber, und eine Infrastruktur wie in Deutschland, mit den Rundfunk-Bigbands, ist in den USA nicht zu finden.
Andreas Felber: Warum bist du von der Idee »Bigband«, die für viele doch ein Auslaufmodell darstellt, so gefangen?
Ed Partyka: Ja, ich passe nicht in unsere Zeit, ich hätte eigentlich 40, 50 Jahre früher geboren werden sollen. Viele Musiker wollen lieber ihre Jazz-Licks spielen, als zweiter Tenorsaxophonist in einer Bigband sein. Ich bin einfach altmodisch. Keine Ahnung, warum. Als ich mit zehn, elf Jahren angefangen habe, Posaune zu spielen, habe ich ein paar Bigband-Platten meines Vaters gehört und war hell begeistert! Irgendetwas an diesem Klang, an dieser Kraft und unglaublichen Wucht, wenn 18 oder 20 Leute auf dem Punkt zusammenspielen, hat mich beeindruckt! Über die Jahre habe ich mich entschieden, dass ich in diesem Gebiet Spezialist werden will. Ich habe mit den verschiedenen Bigbands von WDR, NDR, HR und Rias gearbeitet, einmal im Monat leite ich noch immer das Sunday Night Orchestra in Nürnberg, zudem gibt es meine eigene Bigband und auch ein Ed Partyka Jazz Orchestra. Meine Tätigkeit ist eine Mischung aus spielen, schreiben, dirigieren, diese Abwechslung ist mir wichtig. Es gibt Jahre, wo ich fast nur Tuba spiele. 2001 habe ich fast nur geschrieben. Dieses Jahr bin ich mit dem Vienna Art Orchestra auf Tournee, 80 Konzerte, beim WDR bin ich ein paar Mal, eigentlich bin ich nur mit dem Spielen schon fast bis ans Jahresende ausgebucht.
Andreas Felber: Wie hat sich nun der Kontakt nach Wien ergeben?
Ed Partyka: Das lief über Thorsten Benkenstein. Wir haben in Köln zusammen studiert, er ist 1996 nach Wien gezogen. Als er und Christian Salfellner 1999 das Concert Jazz Orchestra Vienna (CJOV) gründeten, haben sie jemanden gebraucht, der mit der Band probt. Wir haben uns gut verstanden, also bin ich weiterhin gekommen. Und so entstand der Kontakt zu Mathias Rüegg, der mich 2000 gefragt hat, ob ich bei einer VAO-Tournee mitspielen könnte. Und plötzlich habe ich zwar in Stuttgart gewohnt, war aber dauernd in Wien. Die Stadt hat es mir sehr angetan, seit August 2001 sind meine Frau und ich ganz hier. Von Mathias geht eine sehr positive Kraft, ich spiele gerne in seiner Band, und ich lerne von ihm. Ich sehe es als Lehrer-Student-Verhältnis. Mathias macht das fast länger, als ich lebe, er hat schon mehr wieder vergessen, als ich weiß. Es wird auch keine Konkurrenz zwischen VAO und CJOV geben, dessen ständiger Leiter ich jetzt bin. Wir wollen einfach aktiv sein, es muss in der Stadt gespielt werden. Mit Jazzland und Porgy & Bess gibt es ja zwei tolle Clubs.
Wer mag schon Gitarren?
Andreas Felber: Das Gitarrenkonzert ist ein Auftrag der Wiener Konzerthausgesellschaft an dich. Wie kam es dazu?
Ed Partyka: Peter Polansky, der uns von Beginn an unterstützt hat, wollte uns im Konzerthaus präsentieren, hatte aber das Problem, mit einer relativ unbekannten Band 700 Stühle füllen zu müssen. Also kamen wir gemeinsam auf die Idee eines Solisten, der zudem aus Österreich sein sollte: Da waren wir recht schnell bei Wolfgang Muthspiel, den ich vom VAO kannte.
Andreas Felber: Warum Gitarre? Du magst sie ja nicht.
Ed Partyka: Am Anfang war ich von dem Konzept auch nicht begeistert, aber für die Band war dieser Auftritt wichtig. Ich habe mir einen Stapel von Wolfgangs CDs besorgt, sie zu Hause durchgehört, und dachte mir: Oh, wir haben wirklich ein Problem! Der kommt ja aus einer ganz anderen Ecke, aus dieser Pat-Metheny-Fusion-Richtung, während mein Background die Bob-Brookmeyer-Bigband-Tradition ist. Es gab viele Krisen-Telefonate mit Bob, er hat mich beruhigt und hat mir den Rat gegeben, dass Wolfgang flexibel genug sei und seinen Weg finden würde, ich solle schreiben, was mir gefällt. Letzten Endes glaube ich, hat das das Projekt interessant gemacht. Dass wir uns aus zwei relativ weit auseinander liegenden musikalischen Welten kommend etwa in der Mitte getroffen haben.
Andreas Felber: Welches Problem hast du mit Gitarren?
Ed Partyka: Es gibt so viele schlechte Gitarristen in unserer Welt. Ich glaube, weil Gitarre relativ leicht zu lernen ist – im Vergleich zur Posaune etwa. Viele Leute fangen mit Gitarre an. Und es gibt einfach viele instrumentale Stereotypien, fast alle Gitarristen spielen einfach viel zu laut – für meine empfindlichen Posaunisten-Ohren. Außerdem ist es wahrscheinlich auch Neid, ich bin ganz einfach nur eifersüchtig. Jeder, der sich eine E-Gitarre kaufen kann, kann drei Akkorde lernen und innerhalb von sechs Monaten Rock-Star sein.
Meine Komposition ist meine Welt
Andreas Felber: Zum Konzert: Wie weit hast du dich in Richtung Mitte bewegt, inwieweit hast du den Solistenpart auf Wolfgang Muthspiel abgestimmt?
Ed Partyka: Was ich schon vorher von Wolfgang wusste, war, dass er sehr schnell reagiert. Er ist nicht nur ein toller Solist, sondern auch ein erstklassiger Begleiter, was relativ selten ist. Er hört genau hin. Also habe ich versucht, Wolfgang nicht nur als Solist zu präsentieren, sondern als Mitglied des Orchesters – indem er Soli begleitet und verschiedene Duos spielt. Und natürlich, wenn es hart auf hart geht, dass er uns den letzten Kick der kollektiven Druckwelle gegeben hat, um das Fortissimo der Bigband noch zu steigern. Es war natürlich wichtig, ihm genug Freiraum zu lassen, ihn aber trotzdem in meiner Welt zu halten. Das habe ich auch lange mit Bob Brookmeyer diskutiert. Zu viel Freiraum für den Solisten ohne jede Begleitung könnte u. U. gefährlich sein, weil der Solist dann von deiner Komposition weggeht, eben zu seiner Improvisation. Ich wollte einen Mittelweg finden. Ich wollte auch, dass das Orchester etwas zu tun hat, sonst hätten wir ja eine Muthspiel-Trio-CD aufnehmen können.
Andreas Felber:: Das Hauptthema kehrt als thematische Klammer immer wieder kehrt, auch in seiner Viersätzigkeit mutet das Konzert geradezu symphonisch an.
Ed Partyka: Ich sage lieber: »europäisch«. In den letzten Jahren hat sich hier eine relativ eigenständige Bigband-Kultur entwickelt. Dieser europäische Stil ist natürlich auch stärker von der klassischen Tradition her geprägt, es wird hier auch oft in Konzertsälen gespielt, in Amerika spielen die Bigbands hauptsächlich immer noch in Jazzclubs. Maria Schneiders Band etwa – obwohl das symphonische Musik ist. Hier denken die Komponisten von vornherein den Konzertsaal als Aufführungsort mit. Ich wollte natürlich auch so eine große Form schaffen. Die ersten zwei Sätze sind an sich zu einem großen zusammengefasst. »Dirge« ist ein Trauermarsch, die Harmonik ist am Anfang sehr dunkel, traurig. Der zweite Satz steht im 7/4-Takt, sein Titel »Seventh of Nine« ist eine Pop-Kultur-Referenz, ich bin Filmmusik-Fan in Bezug auf Star Trek und Raumschiff Voyager. »Dream Waltz« bedeutet 15 Minuten traumhaft schöne Nachmittagssonnenidylle, die dann von einem Alptraum zerstört wird. »Getting Started«, den vierten Satz, habe ich von mir selbst geklaut. Vor ca. 14 Jahren habe ich ein ziemlich ausgeflipptes Arrangement von »I Can’t Get Started« geschrieben, davon habe ich Teile wiederverwendet. Generell schreibe ich aber zuerst immer die Musik, die Titel kommen viel später dazu. Eigentlich will ich ganz ohne sie arbeiten, denn wenn ich den Zuhörern einen Titel gebe, macht jeder sofort innerlich eine Schublade auf. Ideal wäre es, wenn jeder im Publikum es anhört, die Fantasie fliegen lässt und dann selbst einen Titel erfindet.
Andreas Felber: Du lässt das Orchester dem Solisten insgesamt sehr kompakt gegenübertreten, anstatt es in Soli, Duos, Trios aufzuplitten, wie es etwa Barry Guy macht. Kann man daraus ablesen, dass du dich nicht als Diener des Solisten siehst, sondern als »starker« Komponist, der ebenso seine Aussage tätigen möchte?
Ed Partyka: Auf jeden Fall. Meine Komposition ist meine Welt, der Solist darf reinkommen, sich äußern, aber zu meinen Bedingungen. Das kommt auch von Brookmeyer, der hat eine sehr starke Meinung zu diesem Thema. In der Vergangenheit habe ich den Solisten viel mehr Freiraum gegeben. Manchmal mit sehr positiven, manchmal mit nicht so positiven Ergebnissen. Wenn ich mir heute meine ersten CDs anhöre, sind für mich die Soli viel zu lang. Jetzt habe ich eine Phase, wo ich wirklich versuche, die Kontrolle zu behalten. Vielleicht bin ich nächstes Jahr wieder freier. Oder es kommt ein Stück, wo alles durchkomponiert ist.
Andreas Felber:: Maria Schneider hat auch bei deinem Mentor Bob Brookmeyer studiert, war sogar seine Assistentin. Siehst du Ähnlichkeiten zwischen deinem und ihrem kompositorischen Denken oder überwiegen die Unterschiede?
Ed Partyka: Ich würde mich nie mit Maria vergleichen, sie ist einfach die Beste – nach Brookmeyer. Natürlich sind wir alle stark von Bob beeinflusst, es gibt Ähnlichkeiten. Wenn ich etwa den zweiten Satz von »Continental Call« anhöre, gehen die Klangfarben teilweise in Richtung. Ich habe mich natürlich auch mit ihren Partituren auseinander gesetzt, ihre Musik selbst sehr viel gespielt, auch dirigiert. Ich kenne sie persönlich, sie hat oft mit dem Sunday Night Orchestra gearbeitet, und ich durfte vorletztes Jahr mit ihr und den Nürnberger Symphoniker ein Großprojekt realisieren. Ich studierte die Bigband mit ihrer Musik ein; fünf Tage lang, dann kam sie zur Generalprobe. Es war eine Wahnsinnserfahrung, Marias Musik mit einem 70 Mann starken Orchester zu spielen! Ich habe die Partituren natürlich alle sofort mit nach Hause genommen und geschaut, was sie da macht. Natürlich gibt es auch Unterschiede. Maria denkt traditioneller, was die Funktion des Solisten angeht: Tutti-Teil, Solo mit Begleitung, Tutti. Ich versuche, den Solisten mehr ins Orchester zu integrieren. Wir sind beide Individualisten. Manchmal kommt mir das, was sie macht, ein bisschen kitschig vor. Sie schreibt oft Stücke, die auf ihrer eigenen Lebenserfahrung basieren, etwa in der Suite »Scenes from Childhood«. Und ich schreibe natürlich Musik, die von meinen Erfahrungen bestimmt ist. Alle Komponisten denken irgendwie gleich, aber jeder denkt dann doch für sich. Aber Maria ist Weltklasse – und ich noch nicht.
Auswahldiskografie:
Ansgar Striepens/Ed Partyka: Tunnel Vision – Music for Jazz Orchestra (Mons, 1998) Bob Brookmeyer with the Ed Partyka Jazz Orchestra: Madly Loving You (Challenge, 2000)
Aktuelle CD: Concert Jazz Orchestra Vienna / Ed Partyka & Wolfgang Muthspiel: Continental Call (Quinton / EFA)
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