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Radikal! - Nils Petter Molvaer
Aktuell vom 09.07.2002

Jazz zelebriert den Moment. Improvisation ist die Kunst, jeden äußeren Kontext spontan den Erfordernissen des Augenblicks anzupassen. Lässt man diese beiden Definitionen zu, so ist Nils Petter Molvaer kein Jazz-Musiker.

Von Wolf Kampmann

Schon auf seinen beiden letzten Alben Khmer und Solid Ether drängte er die Jazz-Einflüsse ins Glied zwischen Folklore und Erfahrungen elektronischer Klangorganisation zurück. Sein neues, drittes Album trägt den nüchternen Titel NP3. Doch es ist das Ergebnis eines Prozesses, der sich über Jahre zog. Ähnlich Pat Metheny weiß Nils Petter Molvaer ganz genau, was er will. Er sucht nach dem größtmöglichen Kompromiss im Mix verschiedener Idiome, ist aber absolut kompromisslos in der Umsetzung des einmal gefundenen Klangideals. Und er versteht seine Musik, mag sie auch noch so ätherisch anmuten, nicht als Gefüge aus Melodien, Sounds und rhythmischen Texturen, sondern er mischt sich ein, legt seinen Finger in die sozialen Wunden des Planeten, stößt seine Missbilligung mit heiseren Stößen ins Universum hinaus.


Reisen ...

Wolf Kampmann: Im Zeitalter der CD ist dein neues Album mit reichlich 50 Minuten ziemlich kurz.

Nils Petter Molvaer: Ich mag keine langen Platten. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal eine Platte von 70 Minuten im Stück gehört habe. Vielleicht liegt es daran, dass meine eigene Zeit so limitiert ist. Es kommt darauf an, Ideen zu zentrieren. 45 Minuten sind absolut genug. Je anspruchsvoller die Musik ist, desto gefährlicher wird es, wenn sie zu lang ist.

Wolf Kampmann: Deine letzte Platte war so komplex. Dann kam das noch komplexere Remix-Album. Ist es nicht schwer, danach ein neues Projekt zu starten?

Nils Petter Molvaer: Dieses Projekt streckt sich schon über einige Zeit. Die meisten Tracks wurden vorigen Sommer aufgenommen. Aber ich hatte nicht genügend Zeit, um wirklich in die Musik abzutauchen. Im letzten Jahr bin ich ungefähr drei Mal um die ganze Welt gereist. Der dem Album vorausgehende Prozess war wirklich lang. Als ich erst einmal einen Fokus hatte, was ich eigentlich wollte, wurde es klarer. Dann begannen sich die Dinge zu entwickeln. Die Art der Produktion hat sich sehr verändert. Das Stück ist nicht fertig, bevor es gemastert ist. Es ist nicht so, dass ich einen Song hätte, den ich spielen und linear aufnehmen würde. Nein, der Prozess erstreckt sich über die Aufnahme bis zum letzten Schritt der Post-Produktion. Die letzten Platten sind zwar schon ähnlich entstanden, aber auf der neuen Platte habe ich noch mehr Augenmerk auf diesen Prozess gelegt. Am Anfang habe ich nichts als ein paar Themen und die Idee von einem Kontrast, den ich durchhalten will. Die Stücke sind sehr unterschiedlich, kommen aber alle aus derselben Quelle.

Wolf Kampmann: Gibt es dennoch einen roten Faden auf dem Album?

Nils Petter Molvaer: Der rote Faden muss die Trompete sein. Vielleicht ist es auch die Grundfarbe des Albums. Es ist für mich sehr schwer, einen roten Faden zu erklären, auch wenn ich selbst einen sehe und höre. Aber ich muss es dem Hörer überlassen, seinen roten Faden in dem Album zu finden.

Wolf Kampmann: Das ist ja bei jeder Musik der Fall. Aber ich habe das Gefühl, das Besondere an den Tracks deines neuen Albums besteht darin, dass sie innerhalb ihrer Struktur oft die Richtung wechseln.

Nils Petter Molvaer: Ich versuche Dinge zusammenzubringen, von denen man zunächst meint, sie würden nicht zusammenpassen. Man könnte in dieser Hinsicht sicher noch viel weiter gehen. Man könnte auch zurückbleiben. Aber es kommt darauf an, gerade in dieser Hinsicht die rechte Balance zu finden. Denn selbst zwischen den konträrsten Komponenten muss es ja eine logische Verbindung geben.

Wolf Kampmann: Auf deinem letzten Album ging es viel mehr darum, Teil eines bestimmten Raumes zu sein. Das neue Album scheint viel mehr den Prozess in den Mittelpunkt zu stellen.

Nils Petter Molvaer: Absolut. Der Prozess erstreckt sich über das ganze Album. Das kann gut sein, kann aber auch zur totalen Erschöpfung führen.

Wolf Kampmann: Die Tracks klingen wie Fenster in einen viel größeren Prozess. Sie sind nur kleine Ausschnitte.

Nils Petter Molvaer: Das Album hat viel mit Reisen zu tun. Du bist unterwegs, die Landschaft fliegt an dir vorüber. Und plötzlich erreichst du eine Stadt und erlebst einen Crash.

Wolf Kampmann: Haben deine Reisen das Album beeinflusst?

Nils Petter Molvaer: Ich habe darüber noch nicht nachgedacht, aber es macht Sinn. Ich verlasse mich gern auf meine Intuition. Insofern denke ich nicht so sehr über die Quellen meiner Inspiration nach. Aber wenn mir jemand sagt, es könnte mit meinen Reisen zusammenhängen, finde ich das absolut logisch. Genauso wie es Sinn macht, dass ich Trompete spiele, weil ich mit drei Jahren viel Louis Armstrong gehört habe. Ich kann nicht sagen, ob es wirklich so ist, denn es gibt keine absolute Wahrheit, aber es wäre eine subliminale Verbindung, die Sinn macht. Die Wahrnehmung von Veränderung hat sich sicher auf das Album ausgewirkt.


... und politics

Wolf Kampmann: Du reagierst mit einigen Titeln ziemlich direkt auf politische Entwicklungen unserer Tage.

Nils Petter Molvaer: Der Titel »Axis of Ignorance« ist sehr aggressiv, und ich denke, das ist der erste bewusste politische Kommentar, den ich mit meiner Musik je abgegeben habe. Die Dummheit, Ignoranz und daraus resultierend Gefahr dieser extrem mächtigen Menschen verunsichert mich. Sie ignorieren alles außer sich selbst, ihren politischen Ideen und ihrem kulturellen Umfeld. Wir leben in gefährlichen Zeiten und ich fühle als Künstler eine Verantwortung, diese Verschiebungen in unserer Gesellschaft zu reflektieren. Ich habe aber nicht die bewusste Entscheidung getroffen, ein gefährliches Stück zu machen.

Wolf Kampmann: Es ist sicher sehr leicht, Dinge direkt zu kommentieren, aber ungleich schwerer, einen poetischen, persönlichen Bezug zu finden und dennoch unmissverständlich klarzumachen, was man sagen will.

Nils Petter Molvaer: Der erste Mensch, dem ich die Musik vorspielte, war Sidsel Endresen. Ich schätze ihre Meinung, weil sie extrem gute Antennen hat und beinahe so was wie meine musikalische andere Seite ist. Sie war ganz aus dem Häuschen. Das war ein gutes Zeichen für mich. Ich war sehr unsicher, ob ich so weit gehen kann, wie ich gegangen bin, denn wenn man gegen Ignoranz ankämpft, kann man auch selbst schnell zur Ignoranz neigen. Es gibt so viele Psychopaten und pseudoreligiöse Hysteriker, die ihre Kunst missbrauchen. In Amerika missbraucht jeder Gott. Man braucht nur zu sehen, was die amerikanischen Präsidenten im Namen Gottes oder die arabischen Terroristen im Namen Allahs tun. Selbst Shiva wird missbraucht. Nur Buddha nicht.

»Ich hatte Tausende winziger Elemente!«

Wolf Kampmann: Kannst du den konkreten Prozess der Entstehung der Platte beschreiben?

Nils Petter Molvaer: Ich hatte Tausende winziger Elemente. Einige von ihnen standen zueinander in Beziehung. Irgendwann nahm ich ein bisschen hiervon und ein wenig davon und fügte sie zu einem Puzzle zusammen. Das waren Bass-Riffs, Samples, Melodien, Grooves. Ich mixte es, probierte es aus. Manchmal passte es und manchmal nicht. Zunächst ist Musik meine Arbeit. Sie garantiert mein Leben. Nüchtern betrachtet muss ich Platten machen, um weiter zu leben. Auf der anderen Seite ist das Plattenmachen ein schmerzvoller Prozess, denn er dauert lange, und ich werde nie hundertprozentig zufrieden sein. Kleine Phrasen können mich befriedigen. Dann sitze ich da und habe den Eindruck, eine Schneeflocke fällt auf ein Blatt. Aber ich bin höchst selten mit großen Abläufen und Kontexten zufrieden. Irgendwann muss ich die Musik jedoch loslassen in der Hoffnung, jemand außer mir kann damit etwas anfangen.

Wolf Kampmann: Bist du nicht einmal im Nachhinein mit deinen Platten zufrieden?

Nils Petter Molvaer: Ich höre wirklich sehr selten meine Platten. Vor wenigen Wochen habe ich mal Solid Ether gehört, weil meine Freundin die CD eingelegt hat. Und ich war erstaunt, wie gut sie mir gefiel. Aber das ist die Ausnahme. Manchmal höre ich etwas, um eine Idee weiterzuentwickeln, aber das hat nichts mit einem Hörbedürfnis zu tun. Ich bin ja nicht unzufrieden mit meiner Musik, aber sie ist niemals beendet.

Wolf Kampmann: Gibt es eine perfekte Version irgendeines deiner Tracks?

Nils Petter Molvaer: Ich hoffe nicht. Denn sowie es perfekt ist, dann ist das Stück tot. Perfektion hindert einen Künstler an der Entwicklung.

Wolf Kampmann: Wie hast du jeden Track mit einer eigenen Wertigkeit versehen und trotzdem zu einem integralen Bestandteil des Ganzen gemacht, so dass es auf der Platte zu etwas ganz anderem wird?

Nils Petter Molvaer: Es ist schwierig, überhaupt Musik zu machen. Aber gerade aus diesem Grund ist es so schmerzvoll, denn es ist stets ein Konflikt all dieser Komponenten. Es gibt einen Track auf dem Album, für den ich alles in allem zehn Minuten gebraucht habe. Ein Moment der Offenbarung. Und manchmal hat man ein Thema und ein paar Akkorde, aber es passt nicht zusammen. Es hat alles mit Geschmack, Auswahl und Entscheidungen zu tun.

Wolf Kampmann: Musik funktioniert doch oft wie ein Labyrinth. Es ist ganz leicht, in die Musik zu gelangen, aber die wenigsten Musiker finden wieder hinaus.

Nils Petter Molvaer: Ich weiß, was ich mag. Manchmal muss man einfach aufhören. Radikal! Etwas offen lassen, so dass das Stück im Hörer weiter arbeitet. Ich mag es nicht, Stücke auszublenden, sondern lasse es lieber hängen und schneide es ab.

Wolf Kampmann: Inwiefern sind andere Menschen an der Musik beteiligt?

Nils Petter Molvaer: Die Mitglieder der Band sind stark in die Musik involviert. Wir sprechen über Ideen und Richtungen, ich verändere bestimmte Konstellationen und setze mich wieder mit der Band auseinander. Gitarrist Eivind Aarset ist ein ganz wichtiger Teil der Platte. Manchmal gab ich ihm eine Harddisc und sagte, mach was daraus. Dann macht er einige Aufnahmen und kommt mit Vorschlägen, wie die Gitarre in einem Stück klingen sollte. Ich höre mir die Sachen an, lösche einiges, kopiere anderes. Es ist ein ständiger Dialog. Auch mit den beiden DJs arbeite ich eng zusammen, nicht zuletzt, um etwas anderes zu erreichen als auf Khmer und Solid Ether.

»Es ist wirklich eine Band, aber am Ende muss ich die Entscheidungen treffen!«

Wolf Kampmann: Deine Musik ist sehr persönlich. So auch die Beziehung zwischen dir und den Bandmitgliedern. Du bist nicht der Boss, sondern ihr funktioniert wie eine Familie.

Nils Petter Molvaer: Ich arbeite mit ihnen, weil sie die Menschen sind, die sie sind, nicht weil sie Gitarristen, DJs und Drummer sind. Der bandinterne Zusammenhalt ist sehr offen. Am Ende muss ich die Entscheidungen treffen, denn es ist ja mein Projekt. Aber oft genug treffen die Musiker der Band genau den Ton, den ich will, so dass ich nichts kommentieren muss. Aus diesem Grund sind sie die Mitglieder meiner Band. Es ist wirklich eine Band, kein Projekt.

Wolf Kampmann: Warum hast du dich von dem zweiten Drummer getrennt?

Nils Petter Molvaer: Zunächst einmal ist ihm der Tourstress zu viel geworden. Dann bekam er ein Angebot von A-Ha. Er sagte, dass er mit mir nicht mehr auf Tour gehen könnte und ich beschloss, diesen Impuls positiv aufzunehmen und ein anderes Element in die Musik zu bringen. Ich habe gern mit zwei Drummern gespielt, weil sie so hart und schwer waren, aber jetzt habe ich eine andere Art von Schwere in der Musik. Wir sind aber immer noch gute Freunde. Aber jetzt habe ich andere Möglichkeiten, die Musik live zu mixen.

Wolf Kampmann: Arbeitest du mit DJs, um deine Musik auf diese Weise permanent zu komplettieren oder stets eine andere Perspektive zu erhalten?

Nils Petter Molvaer: Die beiden DJs, mit denen ich arbeite, sind ja sehr unterschiedlich. Strangefruit ist eher ein echter DJ mit Kopfhörern, der genau hinhört. Ein sehr musikalischer Typ. Darknorse hingegen ist viel mehr für Texturen zuständig. Ich sehe sie gar nicht so sehr als DJs, sondern eher als Musiker in der Band. Das ist der Status meiner heutigen Arbeit. Vielleicht nehme ich in zwei Jahren ein Album mit Standards und Strings auf.

Wolf Kampmann: Aber wie ist es mit deinen Remixen? Füllen die Remixer Räume aus, die du selbst nicht ausfüllen kannst?

Nils Petter Molvaer: Ich denke nicht auf diese Weise. Ich weiß wie es ist, mit Soundfiles zu arbeiten. Du kannst sie kompensieren oder auseinander ziehen. Sie sind wie Gummi. Ich gebe den Remixern einen Track, der so klingt, wie ich ihn höre. Diese Leute haben einen anderen ästhetischen Filter und bringen die Musik zusammen, wie sie sie hören. Sie geben dem Stück eine andere Form. Das ist inspirierend und gibt auch mir neue Ideen, was man mit einem Song tun kann. Für das letzte Album hatte ich 20 verschiedene Remixe. Für das neue werden es nicht ganz so viele werden.

»Wenn man kleine Kinder hat ...!«

Wolf Kampmann: Was bedeutet der Wechsel der Plattenfirma für den Prozess der Platte?

Nils Petter Molvaer: Es war der richtige Zeitpunkt, diese Entscheidung zu treffen. Ich habe viel mehr Freiheit. Ich habe mein eigenes Label gegründet und lizenziere die Musik. ECM ist ein Independent-Label, das über verschiedene Kanäle vertrieben wird. Sie haben eine ganz starke Integrität und sind einer der wichtigsten musikalischen Botschafter der letzten 50 Jahre. Aber ich brauchte mehr Raum, mich zu entfalten. Es löst so viel positive Energie aus.

Wolf Kampmann: Wirst du diese positive Energie in ähnlicher Weise für andere Künstler nutzbar machen wie Bugge Wesseltoft auf Jazzland?

Nils Petter Molvaer: Ich habe darüber zwar schon nachgedacht, bin aber noch zu keinem Ergebnis gekommen, denn ich habe mehr als genug mit mir selbst zu tun. Nach Abschluss der Platte gehe ich auf einige Festivals im Sommer, und dann wird es im Herbst eine große Tour geben. Ich werde nicht so viel touren wie im letzten Jahr. Wir alle haben inzwischen Familien. Wir wollen nicht nur unsere Karrieren pushen und unsere Familien als Ruinen zurücklassen. Unsere Musik ist nicht so wichtig, dass wir dafür unsere Familien opfern würden. Wenn man kleine Kinder hat und drei Monate unterwegs ist, erkennen die dich nicht einmal mehr, wenn du zurückkommst. Davon habe ich endgültig genug.

Wolf Kampmann: Könntest du dir vorstellen, eine Live-Platte zu machen?

Nils Petter Molvaer: Es wird eine Live-DVD von unserem Konzert auf dem Westport Festival in Hamburg geben. Ich arbeite aber auch mit jemandem an einer neuen Website. Es gibt so viel großartiges Material, dass man über verschiedene Formen der Bereitstellung nachdenken könnte, die nicht nur auf kommerziellem Weg funktionieren. Aber das sind Ideen, die noch in der Entwicklung stecken.

Aktuelle CD:
Nils Petter Molvaer: NP3 (Universal)




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