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Tony Allen - Groove-Garantie ohne Verfallsdatum
Aktuell vom 01.09.2002

Einst hatte Tony Allen den mächtigsten Drum-Sound, den man diesseits der Milchstraße finden konnte. Damit erfand er den Afrobeat, den er an der Seite von Fela Kuti und Afrika 70 in die Welt trug. Als es zur Trennung kam, sollten dann vier Schlagzeuger dafür sorgen, dass dieser Sound der Band des Nigerianers nicht fehlt – vergeblich.

Von Thorsten Bednarz
Foto: Michael Felsch


Erzählt Tony Allen heute davon, und davon erzählt er immer wieder gern, kann er sich ein kleines spöttisches Grinsen nicht verkneifen. Ebenso, wie wenn er über all die afrikanischen Musiker erzählt, die seinen Sound kopieren wollen und dabei immer noch den alten Zeiten von vor 30 oder 40 Jahren nachhängen. Tony Allen lebt mit seiner Musik längst schon in der Zukunft.

Qualität jenseits aller Schubladen

So jedenfalls will er sein neuestes Album verstanden wissen. Nichts ist so alt wie die Musik von gestern, nichts so belanglos wie die Sounds und Breaks, die alle von ihm kopieren wollen. Nichts ist so langweilig wie Wiederholungen, nichts so überflüssig wie erfolgreiche Muster zu kopieren. Klar, dass sich Tony Allen mit einer derartigen Einstellung nicht nur Freunde macht. Vor allen Dingen im Musikgeschäft ist vielen sein Name ein rotes Tuch. Selbst namhafte Produzenten scheuen die Zusammenarbeit mit Tony Allen, denn was seinem hohen Qualitätsanspruch nicht genügt, wird nicht veröffentlicht. Und wem es nicht wirklich um Tony Allen, sondern nur um einen großen Namen für die Plattenkredits geht, der sollte lieber auch nicht bei ihm vorstellig werden.

Kein Wunder also, dass man lange auf ein neues Album von Tony Allen warten musste. Sehr lange. Doch der Anspruch an sich selbst ist hoch, und so feilte Tony Allen so lange an neuem Material, bis er sich sicher war, sich selbst nicht zu wiederholen und seinen Afrobeat in neue Dimensionen zu donnern. Dabei würde er inzwischen die Silben »Afro« aus seinem Afrobeat streichen. Ihm geht es nur noch um Musik, egal ob Afro oder nicht. Überhaupt sind ihm sämtliche Katalogisierungen seiner Musik unheimlich, egal ob Afro, Jazz oder Rock.

Umso mehr freut ihn der Rummel, den einige Journalisten um ihn und sein neues Werk machen, und entspannt dreht er sich seine Tüte, zündet sie mit Genuss an und wartet gespannt auf die ersten Fragen. Kein Anzeichen verrät, dass der 60-jährige Musiker in der letzten Nacht nur zwei Stunden geschlafen hat. Er ist Profi, und ein Profi beklagt sich nicht. Auch nicht darüber, dass sich in Paris, wo er lebt, viel verändert hat.

»Früher war das noch die Hauptstadt der afrikanischen Musik, als ich dort hinzog. Heute geht das immer mehr zurück. Aber ich will nicht umziehen. Ich denke, ich kann auch so noch das abliefern, was ich abliefern will. Außerdem predige ich ja auch nicht mehr die afrikanische Musik und werde von ihrem Untergang nicht so mit in den Strudel gerissen.«

Ich spiele Musik

Worüber sich Tony Allen beschwert, ist der Fakt, dass die Plattenproduzenten in Paris ihre gewissen Erfolgsschemata erprobt haben und damit Massenware unter die Käufer werfen. Die Unterschiede zwischen einem Koffi Olomide und einer Britney Spears sind eher marginal. Und je beliebiger die Musik, desto geringer das Interesse eines Tony Allen. Doch damit hatte er schon zu tun, als er über London von Nigeria aus nach Paris kam. »Damals hatte ich einen Exklusivvertrag mit einem großen Label, den mein Freund Martin Meissonier für mich eingefädelt hatte. Ich wäre also auch ohne die Trennung von Fela nach Europa gekommen.

Ich sollte ein Album mit Martin produzieren. Es wurden dann aber nur drei Singles, von denen nur eine veröffentlicht wurde, und dann plötzlich herrschte Stille. Ich denke, die Musik war überproduziert, und ich mochte sie überhaupt nicht. Es war nicht meine Musik, sondern die des Produzenten, und keiner wusste, was man damit anfangen sollte.«

Von da an wollte er seine Sachen selbst in die Hand nehmen, aber auch mit dem folgenden Album Afrobeat Express hatte der Mann seine Schwierigkeiten. »Sie haben meine Musik im Namen des Produzenten gekillt. Danach habe ich mich entschieden, keine Alben mehr aufzunehmen, und habe das zehn Jahre lang durchgehalten. Und als ich dann wieder auf der Bildfläche erschien, wollten die Leute immer noch, dass ich wie damals bei Afrika 70 klinge. Doch das habe ich hinter mir gelassen. Ich spiele keine afrikanische Musik mehr – ich spiele Musik. Natürlich bin ich Afrikaner und die Basis meiner Musik sind meine Wurzeln. Aber wenn ich diese mit westlicher Musik fusioniere, dann kannst du das nicht mehr afrikanische Musik nennen.«

Immerhin verbrachte er kürzlich seine Tage damit, eine neue Single von Lenny Kravitz mit seinem Sound zu segnen. Und Damon Albarn hatte ohnehin schon lange Interesse bekundet, mit Tony Allen zu arbeiten, was sich im Opener des Albums HomeCooking manifestierte.

Dazu müssen sie allerdings schon zu ihm kommen, denn Tony Allen ist es leid, sich zur Verfügung zu stellen. Wer ihn und seinen Sound haben will, der wird ihn finden, ist die einfache, aber klare Devise. »Die meisten Musiker heute sind überhaupt so eingestellt, dass sie nichts mehr wagen. Sie wollen nichts ausprobieren, kein Risiko eingehen. Ich stehe auf der Seite des Lebens, auf der man etwas riskiert, denn ich habe etwas zu geben. Die andere, sichere Seite des Lebens ist ein regulärer Job. Es gibt Musiker, die sich damit abfinden können und dann den Blues bekommen. Ich nicht! Und ich denke, am Ende des Tages werde ich auch mein Ziel erreichen.«

Jeden Tag neue Erfahrungen

Nun ja, erst mal muss er noch durch die Wüste des massenkompatiblen Geschmacks an afrikanischer Musik, auch wenn er diese noch so sehr ablehnt. Denn so lange die Leute dazu tanzen, muss man diese vermeintlich erfolgreichen Muster nicht in Frage stellen. »Mir geht es darum, eine neue kreative Musik zu schaffen. Natürlich fragen mich immer wieder Leute aus dem Plattengeschäft, warum ich so eine Musik machen will, wo ich doch in einer angepassten Arbeitsweise viel Geld verdienen könnte. Ich denke, der Massengeschmack wird sich bald wieder ändern, und außerdem bin ich kein Geschäftsmann, sondern ein Musiker.«

Und außerdem ist er auch kein Politiker, was schließlich zum Bruch mit Fela Kuti und Afrika 70 führte. »Irgendwann war die Botschaft wichtiger als die Musik. Und je wichtiger die Botschaft wurde, desto mehr ›Berater‹ und Manager mussten mit Fela auf Tour gehen. Irgendwann waren schon über 70 Leute mit uns unterwegs, wovon allerdings nur 28 wirklich mit der Show zu tun hatten. Seit damals haben viele Leute die Vorstellung, dass Afrobeat immer mit einer großen Band gespielt werden muss. Ich hatte über Jahre eine ganz kleine Band, mit der ich durch die Clubs zog. Ich brauche immer einen direkten Draht zu meinen Musikern. Und je größer so eine Band ist, umso komplizierter ist es auch, die Disziplin in ihr zu wahren. So etwas brauche ich nicht, nein danke! Mir reicht eine Band von vier oder fünf Musikern.«

Mit dem Aufkommen des so genannten »schwarzen Bewusstseins« in der amerikanischen Popmusik, für das Fela Kuti auch eine der wesentlichen Grundlagen bildete, und der erneuten Rückbesinnung darauf im HipHop, wurden viele fast schon verschollene Musiker neu bewertet und erreichten einen nicht mehr erhofften Popularitätsschub. An Tony Allen ging das leider vorbei. Oder liegt das nur daran, dass er nicht in den USA lebt? »Hey, ich würde gerne dort arbeiten, aber nicht dort leben. Viele der wirklich großartigen amerikanischen Musiker scheinen ja auch eher in Europa zu arbeiten, Leute wie Bootsy Collins etwa. Auf diese warte ich.

Ich würde wirklich gerne mit Bootsy arbeiten, und ich bin mir sicher, unsere Musik wäre eine große Herausforderung für viele. Darauf warte ich. Aber ich werde nicht an ihre Türen klopfen und betteln, dass sie mit mir spielen. Wenn jemand mit mir spielen will, dann nach meinen Regeln und nicht denen des großen Plattengeschäfts. Es wäre wirklich toll, mit Leuten wie Bootsy zu arbeiten, denn ich bin mir sicher, wir könnten ganz was Neues auf die Beine stellen. Aber die Leute müssen sich für neue Erfahrungen den Kopf freimachen. Keine Grenzen! Das ist meine Philosophie. Keine Grenzen, jeden Tag neue Erfahrungen sammeln und das dann in eine neue Musik gießen.«

Genau dieser Ansatz war es auch, der dann zum endgültigen Bruch mit Fela Kuti führte. Die Band war festgefahren in ihrer politischen Mission, und über Musik wurde nicht mehr viel gesprochen. »Genau das war der Grund. Es war übrigens hier in Berlin, dass ich mich entschloss, die Band zu verlassen. Wir spielten gerade beim Jazzfestival, und nach dem Konzert sagte ich es Fela. Ich wusste genau, wenn ich jetzt nicht aussteige, dann werde ich es nie schaffen. Ich wollte bestimmt niemanden sabotieren oder so. Es ging um meine Zukunft als Musiker.«

Heute kann Tony Allen schon relativ entspannt darüber reden. Früher, so gesteht er schmunzelnd ein, war es doch eine ewige Herausforderung, stets »nur« der Drummer von Fela Kuti gewesen zu sein, den vier andere Drummer dann doch nicht ersetzen konnten. Die ewigen Fragen nach Fela Kuti und Afrika 70 waren Tony Allen ein Klotz am Bein, und oftmals drehte er den Spieß in Interviews um, begann die Journalisten zu befragen, statt ihre Fragen zu beantworten. Doch wer Tony Allen heute verstehen will, der muss natürlich auch die alten Geschichten kennen. Man sollte nur nicht auf diesem alten Level stehen bleiben und auch aufmerksam die neuen Kapitel studieren, die Tony Allen seiner Geschichte hinzugefügt hat. HomeCooking klingt wie eine der kreativsten Platten des P-Funk, die je produziert wurden.

Und sicherlich werden sich ganze Heerscharen von DJs auf diese Platte stürzen, um sich die unglaublichen variablen Beats des Masterdrummers zu sampeln. Außer Tony Allen dürfte wohl kaum ein Drummer in der Lage sein, gleichzeitig so entspannt und herausfordernd zu spielen, wie er es auf seinem neuen Album beweist. Und sang Damon Albarn nicht schon vor vielen Jahren »Tony Allen made me dancing«?! Man darf darauf gespannt sein, wie Tony Allen diese Stücke live umsetzt, wenn er noch in diesem Jahr auf die deutschen Klubbühnen zurückkehrt. Bis dahin sollte man sich mit der Herausforderung von HomeCooking vertraut gemacht haben. Live wird es neue geben. Garantiert!

Aktuelle CD:
Tony Allen: HomeCooking (Comet Records / Zomba)

Bestellung der aktuellen CD bei Home Cooking
 

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