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Der Weg ist das Ziel - Das brasilianische Label Trama
Aktuell vom 01.10.2002

Die Geschichte der Musik wird von Musikern geschrieben, sollte man meinen. Doch wie so oft bewegt sich der Musiker als Individuum nicht im luftleeren Raum, wird erst dann zum Künstler, wenn er sich mit und über seine Kunst austauschen kann. Dass er dazu eines Mediums bedarf, ist uns, im Zeitalter von Internet, CD und diversen guten und schlechten Musikzeitschriften nur zu gut bewusst. Doch das wichtigste Medium des Musikers ist noch immer die Plattenfirma.

Von Thorsten Bednarz

(Das Bild zeigt Max de Castro)

Label als Qualitätsgaranten?

Zumeist ist sie verhasst, weil sie oftmals künstlerische Auflagen erzwingt. Am Ende, wenn der Verkauf stimmt, ist mitunter auch der Musiker mit ihr wieder versöhnt. Und jetzt wird klar, dass die Geschichte der Musik spätestens mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts auch eine Geschichte der Plattenfirmen ist.

Darüber werden wir uns spätestens klar, wenn wir den Verlust von Plattenfirmen mit einem ganz eigenen Sound und einer eigenen Ästhetik bemerken. Die Zeiten, in denen man sämtliche Produkte einer Firma unbesehen kaufen konnte, weil allein der Name der Firma für eine bestimmte Qualität bürgte, sind nahezu vergangen. Dafür trauern Fans und Journalisten sowie die Musiker selbst immer öfter den Zeiten von MPS, CPM oder den legendären frühen Blue Note nach.

Andere begannen Aufsehen erregend, wie etwa Stiff oder Charisma Records, verschwanden aber mit den Leuten, die einst die Vision hatten. Und wiederum andere haben es geschafft, sich gegen die scheinbar übermächtigen, bereits existierenden Firmen zu behaupten – um schließlich selbst das spezielle Gesicht zu verlieren und in der breiten Masse des Mittelmaßes mitschwimmen zu können. Nur wenige Label haben es geschafft, sowohl international anerkannt zu überleben als auch dabei ihre Identität nicht zu verlieren. Viele von ihnen, wie etwa Real World, Luaka Bop und ECM, gingen eine Symbiose mit den großen Firmen ein. Und als vor nunmehr auch schon gut zehn Jahren der ehemalige VEB Deutsche Schallplatten tönte, mit der Firma DSB sein nun »ein neuer Major« geboren, lächelte man wissend und behielt recht. Außer heißer Luft blieb nicht viel. Doch nun scheint sich im fernen Brasilien eine neue und in jeder Hinsicht unerwartete Erfolgsgeschichte aufzutun. Ihr Name: Trama.

Vor gerade einmal vier Jahren wurde das Label gegründet und darf schon heute als die Heimat der Avantgarde in der jungen brasilianischen Musik gelten. Kein Wunder, wenn mit dem Produzenten und Schlagzeuger Joao Marcello Boscoli ein alter Hase mit am Ruder sitzt, das ihm von den Brüdern André und Claudio Szajman in die Hände gegeben wurde. Während der erste über seine Eltern (die Mutter war Elis Regina, der Vater Ronaldo Boscoli, von dem viele der heuten populären Bossa Nova-Texte stammen) den direkten Kontakt zur einst so erfolgreichen Bossa Nova-Generation unter den Musikern hielt und selbst in den besten Zeiten des Tropicalismo in jedem brasilianischen Studio quasi Zuhause war, machten die beiden musikbegeisterten Brüder ihr Geld im Versicherungsgeschäft, ohne jemals ihren Traum von der eigenen Plattenfirma zu vergessen.

Und inzwischen ist Trama weit mehr als das, denn zum Glück konnte man klotzen statt kleckern. Nach dem Vorbild von Peter Gabriels Real World-Komplex entstanden in Sao Paulo neben einem Studio all die nötigen Kleinigkeiten, die man heute zur Vermarktung von Musik braucht: ein Studio zur Videoproduktion, ein Verlag, eigene Graphikwerkstätten, ein Web-Center... Es scheint so, als würde man nichts dem Zufall überlassen.

Nur an einer Stelle nicht, der wichtigsten – der Musik. Denn wer als Künstler bei Trama unter Vertrag ist, genießt absolute künstlerische Freiheit. Und offensichtlich kann man sich im Hause Trama solchen Ansatz leisten. Immerhin findet sich unter der Vielzahl der bisher unter Vertrag stehenden Künstler ein unglaublich hoher Prozentsatz an Musikern, die auf ihre berühmten musikalischen Eltern verweisen können. Auf der anderen Seite war und ist Sao Paulo auch das kreative Herz der brasilianischen Musik abseits ausgetretener Sambareggae- und Axépfade. Klar, im eher bürgerlich-wohlhabenden Süden Brasiliens können sich die Kids das nötige elektronische Equipment leisten, um sich an Beats und Bites auszuprobieren. Wer nach echtem Brazilectro sucht, wird in den Clubs von Sao Paulo fündig und nicht etwa in den europäischen Clubs, in denen doch nur die ständig gleichen Sambafragmente mit europäischem House gekoppelt werden.

Kein Wunder also, dass die bekanntesten brasilianischen DJs - wie etwa DJ Marky, DJ Patife oder Drumagick - ihr musikalisches Heim beim Trama-Unterlabel SambaLoco-Records (verrückter Samba) gefunden haben. Überhaupt scheint Samba Loco schon so etwas wie ein feststehender Begriff im Zusammenhang mit der Musik zu sein, die auf Trama erscheint.

Und erstaunlich schnell hat sich dieses Konzept auch am Markt durchgesetzt. Immerhin war mit Otto ein Musiker unter den ersten, die einen Vertrag unterschrieben, der gleich mit seinem Debüt Samba pra burro von den Kritikern in Sao Paulo zum Album des Jahres gewählt wurde. Doch nicht nur junge und Erfolg versprechende Musiker fanden in Trama einen guten Partner. Auch Musiker, die international einen Namen hatten, ohne jedoch ins enge musikalische Raster der brasilianischen Radiolandschaft zu passen, konnten hier wieder im eigenen Land produzieren.

So erschien auch die letzte Platte Baden Powells auf Trama, ebenso wie das wunderbar experimentelle Album des Percussionisten Marcos Suzano, der, seit er auf einem Album für Joan Baez gespielt hatte, mit seinem Pandeiro (der brasilianischen Form des Tambourins) mehr in den USA als in Brasilien zu tun hatte. Auch Boccato, der in den 80ern mit seiner schrägen Posaune auf nahezu keiner Undergroundplatte fehlen durfte und der zwischenzeitlich lieber in Deutschland in kleinen Clubs mit unbekannten Bands spielte als sich auf Studiojobsuche am Zuckerhut zu begeben, taucht in der letzten Zeit verstärkt auf den Platten Tramas auf. Und nicht zu vergessen das fabelhafte Comeback eines der größten und stets unterbewerteten Innovatoren nicht nur der brasilianischen Musik: Tom Zé. Und selbst einige der großen Namen der Musikwelt Brasiliens orientieren sich um. Edson Cordeiro etwa verlegt seine Titel bereits bei Trama...

Ein typischer Trama-Künstler

Doch wenn es neben dem vorhin schon erwähnten Otto, dessen erstes Album leider in Deutschland nicht erschien, weil ein gewisser Ostfriese keinen Humor bewies und wohl meinte, man wolle sich wegen zufälliger Namensgleichheit an seinen Ruhm anhängen, obwohl es da ja auch nicht mehr viel von gibt, wenn es also neben diesem Otto einen Künstler gibt, der das Konzept von Trama auf den Punkt bringen kann, dann ist das wohl Max De Castro. Nicht nur, weil der Name seines ersten Albums mittlerweile zum Synonym für die Musik des Labels wurde. Samba Raro verkaufte sich 30.000 Mal und wurde auch in einigen Ländern Europas veröffentlicht. Auch in anderer Hinsicht ist er ein typischer Trama-Künstler.

Sein Vater war der großartige und heute fast in Vergessenheit geratene Wilson Simonal, und die erste Erinnerung, die Max de Castro heute noch hat, war die Musik, die im Arbeitsraum seines Vaters lief, und noch heute sieht Max De Castro, wie er erzählt, wie sich die Spulen des alten Tonbandgerätes drehen. In den frühen Zeiten des Tropicalismo war er einer der beliebtesten Sänger Brasiliens und startete mit einer Mischung aus Soul und Bossa Nova mit einem Schlag die Bürgerrechtsbewegung. Heute die Musik des Sohnes zu charakterisieren, fällt unglaublich schwer.

Orchestrale Klänge, die an Soundtracks aus den 70er Jahren erinnern, treffen auf Drum and Bass-Rhythmen, paaren sich mit den leicht kitschigen großen Melodien der Bossa Nova und entwickeln dabei einen solchen Drive, der jeden ernsthaften Rezensenten ins Schleudern bringt. »Ich will meine Musik nicht beschreiben«, sagt Max De Castro im Interview. »Ich kann es auch gar nicht, weil ich mir darüber keine Gedanken mache. Ich mache mir nur über neue Titel Gedanken, weil ich eigentlich ständig arbeite. Selbst wenn ich ›nur‹ Platten höre (wovon er etwa 4000 hat, wie er selbst sagt), dann rattert irgendwo in meinem Hinterkopf die Maschine und zerlegt die Titel. Was gefällt mir, was könnte ich so wie es ist sampeln und in einen eigenen Titel einbauen, oder wo würde ich von der Idee ausgehend hinkommen, wenn ich in eine andere Richtung gehe. Ich arbeite gern an Musik und die Arbeit im Studio ist für mich das Wichtigste überhaupt, das Ausprobieren, Kombinieren, Verwerfen von Ideen. Und bei mir stimmt es absolut, was mal jemand über Musik gesagt hat: ›Fünf Prozent sind Intuition, 95 Prozent Transpiration!‹«

Ist Brasilien Weltmeister?

Nach dem Erfolg in Brasilien selbst steht nun das Ausland an. War Samba Raro noch eine Ausnahme, auf der man z.B. in Deutschland kaum vorbereitet war, so vertieft das neue Album Orchestra Klaxon diesen Eindruck noch erheblich. Dabei macht ihm der gehobene Anspruch an seine Musik nichts aus. »Es kümmert mich eigentlich nicht, wie und ob meine Musik ankommt. In Brasilien mögen meine Musik einige Leute avantgardistisch nennen. Ich denke auch nicht daran, ob nun genug ›Brasilien‹ in meinen Songs steckt, um damit in Europa besser in die Schubladen zu passen. Ich glaube, selbst wenn ich harte Beats für Drum and Bass programmiere, dann steckt da irgendwo die brasilianische Musik mit drin. Ich kann das ja nicht nach Belieben ein- und ausblenden.«

Und außerdem, warum sollte das Konzept von Trama, auf die Kreativität der Künstler zu bauen statt auf auswechselbare Marketingkonzepte à la »Wir casten eine Boyband«, in Europa ins Leere zielen, wenn man in Brasilien selbst so erfolgreich ist? Und überhaupt, so Max De Castro, ist der Erfolg von Trama noch ein ganz anderer. »Die großen Label in Brasilien sind in der Krise, und bisher gab es noch nicht so viele kleine Plattenfirmen. Doch einige davon übernehmen schon die Arbeitsweise von Trama, und so könnte bald ein starkes Gegengewicht zu den großen Majors entstehen. Man merkt schon, dass einige auch bei den großen Plattenfirmen sehr genau beobachten, was hier bei Trama abgeht.«

Gespannt auf seine ersten Auftritte in Europa ist er trotzdem. Immerhin sieht er sich im weitesten Sinne als Soulsänger an und steht völlig zu Recht mit dem omnipräsenten Weltmusikbegriff auf Kriegsfuß. Damit hat er nichts am Hut, auch wenn er im Oktober auf der Womex, der größten Weltmusikmesse, in Essen auftreten wird. Außerdem stehen auch Karlsruhe und Berlin auf seinem (deutschen) Programm. Doch am meisten würde es ihn freuen, wenn dereinst diese Grenzen in der Musik fallen. »Die meisten Brasilianer sind so etwas wie Exoten im Ausland – Weltmusik eben. Aber mich würde es freuen, wenn ich dereinst irgendwo auf der Welt in einen Plattenladen gehe und dann meine Platten dort neben denen von Stevie Wonder oder Prince fände. Als ganz normale Musik. Oder sind die Amerikaner etwa irgendwo auch ›Weltmusik‹, weil sie aus dem Ausland kommen?«

Trama:

Max de Castro: Orchestra Klaxon
Patricia Marx ::Respirar
Jair Oliveira: Outro

Veröffentlichung ist im November; Trama ist im Vertrieb von Universal





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