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Soundcheck mit DJ Spinna
Elektronik vom 01.02.2003

Back in the Days, als Rawkus das Motto »The New Hip-Hop Classics« noch zu Recht vor sich her trug, war DJ Spinna neben Mos Def und Company Flow eine der großen Entdeckungen des Labels. Seine Single »Watch Dees / Rock« stand paradigmatisch für einen Sound, der Tradition mit klanglichem Neuland ebenso verknüpfen wollte wie Intelligenz und street credibility.

Von Eric Mandel

Foto: Michael Felsch

Auf dem Cover zückt er gerade eine frühe Branford Marsalis-LP aus der Kiste, um auf der Rückseite darauf hinzuweisen, dass alle Samples von den Originalplatten stammen. Keine Bootlegs, Compilations oder Re-Issues! »Rock« war der Instrumental-Hit, ein positiver Rare Groove-Track, auf allen möglichen Partys gespielt und ein echter Klassiker. Die Rückseite »Watch Dees« dagegen war ein düsteres Stück Horror-Hip-Hop mit Madness-Sample und Vocalfeatures für Thurstin Howl und einen damals noch recht unbekannten MC namens Eminem. Wer danach sein Rawkus Album Heavy Beats Vol. I als etwas kurz geraten empfand, musste sich einige Jahre gedulden, bis Spinna sich ausführlich zu Wort melden konnte. Rawkus war an weiterer Zusammenarbeit nicht interessiert. »Sie hielten mich für den Bösen, weil ich mich weder auf Hip-Hop festlegen wollte noch auf ihr Label«, erinnert er sich der DJ an das für ihn abgeschlossene Kapitel. Das Label hat er mit der K7-Schwester Rapster mittlerweile gefunden, auf Hip-Hop festgelegt hat er sich beileibe nicht, warum sollte er, schließlich geht sein musikalisches Erweckungserlebnis auf die Paradise Garage zurück, und der Sound der Stunde hieß zu dieser Zeit House. Dementsprechend bedeutete ein Spinna-Remix (er veredelte u.a. Tracks für Nightmares On Wax, Rae&Christan, Quannum MCs) nicht zwingendermaßen Hip-Hop, sondern sollte, wie in seiner Bearbeitung von Shaun Escofferys, den House-Floor füllen.

Escofferys revanchiert sich auf »Here To There« mit einem Gastauftritt. Die Klangspanne des Albums reicht vom nostalgischen Schwelgen im Streicherkumulus, dem Gebrauch von erdigen Vibraphon-Chorussen und den guten alten Breaks aus der Vinylkiste bis zu den knusprig-sparsamen Beats für MCs wie Shadowman oder die wunderbare Apani B Fly MC. Produziert hat er vom Arrangement bis zur Mikrofonierung alles im Alleingang: Jedes Vocalfeature, jedes Instrument wurde unter seiner Kontrolle eingespielt. »Das war learning by doing«, bestätigt er stolz. Aber da das Interview in einem Club stattfindet, wenden wir uns doch lieber dem Kern seiner Profession zu: dem schwarzen Gold, den Platten.

Massive Sounds feat. Mutabaruka: »The Poem« (Nu Groove 1989 / International Deejay Gigolos 2002)

Dj Spinna: DAS war wirklich einer der größten Tunes überhaupt. Du hast den auf Vinyl???
Eric Mandel: Nee, ich hab einen Re-Release, den DJ Hell dankenswerterweise rausgebracht hat.
DJ Spinna: Das wusste ich ja überhaupt nicht! Shit, die gibt’s bestimmt nur hier oder so. Die muss ich haben. Heute macht Bobby Konders ja ausschließlich Dancehall, aber Mann, damals hat er uns wirklich gezeigt, was mit House Music passieren kann.
Eric Mandel: Die Tiefe.
DJ Spinna: Die Tiefe, das Potenzial, der Reggaevibe...
Eric Mandel: ... und diese endlosen Flötensoli.
DJ Spinna: Genau, aber was die anrichten können.
Eric Mandel: Du hast das Stück natürlich als Originalpressung.
DJ Spinna: Natürlich, hehe.

The Isley Brothers: »Footsteps in the Dark, Part 1 & 2« (Get for Your Guns, CBS 1977)

DJ Spinna (während des ersten Taktes:) Isley Brothers!
Eric Mandel: Ähm, das war wirklich schnell.
DJ Spinna: Nun ja, es ist die Musik, mit der ich groß geworden bin, du weißt, die Platten meiner Eltern, Soul, Funk, Gospel, all das.
Eric Mandel: Sampelst du immer noch viel aus diesen Platten?
DJ Spinna: Nicht eine so offensichtliche Hookline wie hier, sondern eher die Breaks. Diese Hook würde ich ohnehin nicht mehr sampeln, da Ice Cube aus ihr schon alles rausgeholt hat.
Eric Mandel: »Today was a good Day« ist für mich einer der größten Rapsongs überhaupt. Wir sind dazu mit unseren ersten Autos in der Vorstadt rumgefahren. Gar nicht, weil wir Gangster sein wollten, sondern weil diese Platte einfach so geil war wie ein Scorsese-Film, diese Mischung aus Schönheit und Grauen.
Dj Spinna: Das kannst du sagen. Leider ist da mittlerweile viel schief gelaufen.

Stetsasonic: »Talkin’ All that Jazz« (In Full Gear, Tommy Boy, 1988)

DJ Spinna: (beim ersten Ton) »Talkin’ All that Jazz«!
Eric Mandel: Klar.
DJ Spinna (grinst und schweigt)
Eric Mandel: Willst du dazu nicht irgendwas sagen?
DJ Spinna: Talkin’ All that Jazz! Was soll ich noch sagen? (grinst noch breiter)
Eric Mandel: Herrje, na gut.

Cold Sweat plays J.B. ( JMT, White Label)

DJ Spinna: (gibt sich ordentlich Mühe) Da komm’ ich nicht drauf, der Tune ist ... von James Brown, aber die komischen 80er-Jahre-Keyboards und all das, und offensichtlich will keiner der Jungs das Gesangsmikrofon benutzen, was mich etwas unruhig macht.
Eric Mandel: Hab’ ich extra mitgenommen, damit ich auch ein obsukeres Weißmuster vorweisen kann.
DJ Spinna: (liest das Info) David Murray, Arthur Blythe, das ist cool. Wo hast du die her?
Eric Mandel: Aus den Demobeständen eines Jazzfestivals. Wie gefällt dir die Art und Weise, wie sie das spielen?
DJ Spinna: Sie hätten es in den Siebzigern machen sollen.

Puppetmastaz: »Re-Evolute« (12«, New Noise 2002)

DJ Spinna: Du hast mich schon wieder.
Eric Mandel: Kunststück, das ist deutscher Kram.
DJ Spinna: Wirklich?
Eric Mandel: Ja, und um dir die Wahrheit zu sagen: Es sind Puppen.
DJ Spinna: Puppen???
Eric Mandel: So eine Art Muppetshow, sie sind recht erfolgreich.
DJ Spinna: (fassungslos) Wie touren sie? Wie treten sie auf?
Eric Mandel: Och, die haben so ihre Puppen dabei und die Beats und rappen halt hinter der Bühne.
DJ Spinna: So was wollen die Leute sehen?
Eric Mandel: Offenbar schon, sie haben schon für Jon Spencer eröffnet und solche Sachen.
DJ Spinna: (tonlos) Puppen.
Eric Mandel: Na gut, tut mir Leid, aber ist doch lustig, oder? Ich meine, besser als US-Posen abzukupfern.
Spinna: (schüttelt beim Anblick von Snuggles, Groucho & Co lachend den Kopf)

Quannum MCs feat. Lyrics Born & The Poets of Rhythm: »I Changed My Mind« (12«, Mo Wax, 1999)

DJ Spinna (Nach überraschend langen acht Takten): Quannum MCs.
Eric Mandel: Ich dacht’ schon, du erinnerst dich nicht, auf der Platte ist eine Remix von dir drauf.
DJ Spinna: Ach, weißt du, Remixe (lacht).
Eric Mandel: Wie findest du die Poets of Rhythm?
DJ Spinna: Sie sind cool. Also, ich hab sie nicht getroffen, aber viele meiner Bekannten sind drauf reingefallen und halten ihre Tracks immer wieder für originale 45er aus den Siebzigern.
Eric Mandel: Wie stehst du zu so einer konservierenden Herangehensweise, diesen Retrosound herzustellen?
DJ Spinna: Es ist verlockend, immer wieder, aber bei dem Remix oder auch auf meinen eigenen Produktionen schlägt die Gegenwart aber unweigerlich durch. So bin ich eben, und das lasse ich dann auch zu.

Fehlfarben: »Ein Jahr (Es geht voran)« (Monarchie und Alltag, EMI, 1980)

(Aus dem Hintergrund Gejohle von der Promotercrew)
DJ Spinna: (zögernd) Das ist englisch...
Eric Mandel: (nach einiger Zeit): Nicht ganz, es ist sogar deutsch.
DJ Spinna: Äch, das hätte ich jetzt als nächstes gesagt.
Eric Mandel: Aber doch irgendwie funky, was meinst du...?
DJ Spinna: Ja, aber auf eine sehr deutsche Art, die ja auch mehr britisch ist als amerikanisch.
Eric Mandel: Mehr wie die Puppen als wie die Poets of Rhythm.
DJ Spinna: Hehe, genau. Ist das eine neue Produktion? Auf welchem Label sind sie?
Eric Mandel: Sie 20 Jahre alt und auf EMI. Tatsächlich ist es das Stück, das die Band von allen am wenigsten leiden konnte. Sie sagen, sie haben aus Scheiß Chic imitiert, aber sie waren eigentlich Punk. Aber die Firma wollte es unbedingt als Single, und es wurde ihr größter Hit. Da fällt mir ein: Sie sind gewissermaßen Labelmates von dir, da sie ja jetzt auch auf K7 sind.
DJ Spinna: Ich muss mir mal den Namen aufschreiben. Aber pass’ auf, jetzt spiel ich dir mal was vor, ich war nämlich vorhin noch einkaufen. Was dagegen?
Eric Mandel: Um Himmels willen, nein! Du bist der DJ.

Miles Davis: Doo Bop (Columbia 1992)

DJ Spinna: (In DJ-Manier mit der Nadel in kurzer Zeit durch die Tracks skippend): Es ist so cool, dass ich die gekriegt habe, sie war nämlich eine ganze Zeit lang nur auf CD zu haben.
Eric Mandel: Ich kann mich erinnern, dass sie damals nicht so gut ankam. Zu sehr Dancefloor für die Jazzfreunde, zu wenig Gangster für die Hip-Hopper.
DJ Spinna: Das ist etwas, um das ich mich heute Gott sei Dank nicht mehr so kümmern muss.
(mehr zu sich selbst): Diese Platte war ihrer Zeit weit voraus.
Eric Mandel: Hat man danach jemals wieder von Easy Mo Bee gehört?
DJ Spinna: Oh ja, er hat eine Menge produziert, unter anderem für Notorious B.I.G.

Gil Scott-Heron: »Don’t Give Up« (12«, TVT Records 1994).

DJ Spinna: Das ist eine der feinsten Stimmen überhaupt. Hier singt er (skippt sich durch die A-Seite). Das hat Ali Shaheed vom Tribe [Called Quest] produziert. Sehr groß, und hier (flip) ist eine Live-Aufnahme von »The Bottle«. Du merkst, diese ganzen 80er Keyboard-Sounds machen im Live-Zusammenhang wirklich mehr Sinn ... klingen echt besser (kommt beim Basssolo an). Hehe, was für sein beknackter, begnadeter Scheiß.
Eric Mandel: Ürks ...ein Slapmonster, wer das wohl ist? Marcus Miller?
Dj Spinna: Keine Ahnung, du bist der Journalist.

Immer mehr Platten landen auf den Tellern, die Konzentration schwindet zwischen House-Beats und ulkigen deutschen Free Funk-Kaskaden dahin, Spinna ist in seinem Element, der Minidisk-Recorder wird ausgeschaltet. Als ich DJ Spinna verlasse, ist er bis über beide Ohren im Land der Beats und Breaks versunken.

Aktuelle CD
DJ Spinna:Here to There (BBE-Rapster-!K7 / Zomba)

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