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David S. Ware - Saxophone Colossus
Aktuell vom 01.05.2003
David S. Ware hat alles, was man sich von einem klassischen Free Jazz Saxophonisten wünscht. Er ist eine Masse von Mensch, ein Koloss, der seine ganze Körperkraft in das Instrument presst und aus dem Stand zu einem solistischen Marathon ansetzen kann.
Von Wolf Kampmann
Illustration: Jorgo Schäfer
Und er hat den Cry, jene ultimative spielerische und spirituelle Leidenschaft,
die den Blues und die Spirituals der Baumwollfelder im kontemporären urbanen
Elektro-Smog widerhallen lassen. Ware gehört zu den Protagonisten der
amerikanischen Free Jazz Renaissance, hatte jedoch schon in den Siebzigern
mit Cecil Taylor und Andrew Cyrille gespielt, als Free Jazz noch ein Symbol
für schwarzen Widerstand war.
Wut und eine Herausforderung zum Kampf meint man auch heute noch in Wares
Ton zu erkennen. Sein Saxophon schreit Geschichten heraus, auf dass sie
im Ohr des Hörers detonieren und tiefe Löcher in die Seele reißen. Stories
voller Schmerz und Ausweglosigkeit. Im persönlichen Gespräch jedoch entpuppt
sich David S. Ware als sehr friedlicher Mensch. »Wut ist es eigentlich
nicht, was ich beim Spielen empfinde. Ich kann es schwer beschreiben,
denn es ist ein ganzer Komplex von Gefühlen, eine Art höheres Bewusstsein.
Ich weiß in jedem Moment genau, was ich tue, und kann es doch kaum beeinflussen,
denn die Musik sucht sich selbst ihren Weg und ich bin nur ihr Sprachrohr.
Vielleicht spielt auch Wut hin und wieder eine Rolle, aber es ist eine
andere Art von Wut, als wir sie von den HipHoppern kennen. Sie richtet
sich nicht gegen konkrete Personen oder Gegenstände, sondern ist ein viel
abstrakteres Gefühl.«
Von den Siebzigern bis Mitte der Neunziger hat David S. Ware in einer
ununterbrochenen Reihe völlig frei improvisierte Alben eingespielt, die
einen kontinuierlichen, immer breiter werdenden intuitiven Fluss symbolisierten.
Zumindest klingen sie so. Aber schon die Zusammensetzungen seiner Bands
sind ein Indikator für wesentlich kalkuliertere Kontexte. In den letzten
zehn Jahren hat es lediglich einen Besetzungswechsel in seinem Quartett
gegeben, nämlich als Drummer Whit Dickey für Susie Ibarra Platz machte.
Pianist Matthew Shipp und Bassist William Parker sind bereits eine Art
Alter Egos von Ware geworden. Auf Ad-hoc-Formationen lässt sich Ware nicht
ein. »Ich muss die Musiker kennen, mit denen ich spiele. Musik ist eine
viel zu persönliche Äußerung, als dass man sie dem Zufall überlassen könnte.
Mit Zufall meine ich nicht den jeweiligen Ton, sondern die personellen
Konstellationen innerhalb einer Gruppe. Ich bin ein Vertreter des Band-Prinzips.
John Coltrane hat es uns vorgemacht. Nichts führt zu solcher Intensität
wie eine über Jahre gewachsene Band.«
Man mag es kaum glauben, aber jedem von Wares Alben ging eine unendliche
Anzahl von Proben voraus, so dass die Band immer genau wusste, was sie
im Studio erwartete. Die einzige Ausnahme war Wares letztes Album Corridors
& Parallels. Ware kichert in sich hinein, wenn er an diese Session
zurückdenkt. »Es war das erste Mal, dass wir ohne vorherige Proben ins
Studio gingen. Ich wollte den Kontext verändern und schlug Matthew vor,
auf Synthesizern zu spielen. Er hatte dergleichen nie zuvor getan. Es
war eine völlig neue Erfahrung für ihn und die ganze Band. Ein wirkliches
Experiment. Vielleicht unser einziges echtes Free Jazz Album, das tatsächlich
viel transparenter und transzendenter wurde als alles zuvor. Wir mussten
uns in jedem einzelnen Moment in einem Terrain bewegen, in dem wir uns
nicht auskannten. Das war der erste Schritt in eine neue Richtung.«
Vor allem Shipp änderte nach diesem Album die Gangart seiner eigenen Projekte,
nahm die elektronische Arbeitsweise völlig für sich an und evoziert mittlerweile
stringente Verbindungen zwischen Free Jazz und DJ-Kultur. Wares Quartett
hingegen ist an einem ganz anderen Punkt angelangt. Mit Freedom Suite
landete er einen echten Überraschungscoup, denn dass ein Musiker seines
Zuschnitts ein komplettes Album covert, ist ungewöhnlich. In diesem Fall
handelt es sich um jene »Freedom Suite«, die Sonny Rollins 1957 aufgenommen
hatte. »Was ich in den letzten 30 Jahren gespielt habe, wäre ohne die
Vorarbeit von Sonny Rollins nicht denkbar. Er hat uns alle Ende der Fünfziger
freigespielt. Die Freedom Suite ist ein zeitloses Stück Musikgeschichte.
Wir kopieren Sonny Rollins ja nicht, sondern machen seine Musik zum Bestandteil
unseres Vokabulars und dem Hörer von heute zugänglich. Die Bedürfnisse,
aus denen Sonny diese Musik geschrieben und gespielt hat, haben sich bis
heute in keiner Weise geändert. Insofern ist die Freedom Suite
auch im neuen Jahrtausend noch genauso relevant wie in den Fünfzigern.«
Ware ist nicht der Einzige, der sich dieses Themas angenommen hätte. Ausgerechnet
Branford Marsalis, der Ware ja einst zu Columbia geholt hatte, wartete
ebenfalls jüngst mit einer neuen Version des Rollins-Klassikers auf. Doch
zwischen beiden Interpretationen liegen Welten, und das nicht einmal stilistisch,
sondern hinsichtlich des persönlichen Zugangs. Während Marsalis sich bewusst
auf ein 45 Jahre altes Stück beruft und es neu entdeckt, entkernt David
S. Ware die »Freedom Suite« ihres historischen Kontexts. »Ich habe Branfords
Version nicht gehört«, so Ware, »aber ich bin mir sicher, dass auch er
ein ganz persönliches und intensives Stück daraus gemacht hat. Das Original
gibt jedem von uns alle nur denkbare Freiheit zur individuellen Interpretation.
Es wird Zeit, dass es sich als Standard größerer Wertschätzung erfreut.
Aber ich höre generell nicht so sehr viel Musik. Meine Inspiration erfolgt
nicht auf musikalischem, sondern eher auf spirituellem Weg.«
In dieser Hinsicht zieht Ware mit Pharoah Sanders gleich. Auch in einem
anderen Punkt teilen die beiden alten Saxophonisten ihre Standpunkte.
Sie sind keine Vielspieler, sondern bringen nur alle paar Jahre mal ein
Album heraus. »Wenn man Musik macht, um Botschaften in die Welt zu tragen,
muss man damit leben, dass man nicht jeden Tag etwas zu sagen hat. Ich
spiele lieber weniger, gehe aber dafür sicher, mir selbst und dem Publikum
etwas zu geben. Wir müssen auch aufpassen, unsere Kräfte nicht zu vergeuden.
Ich sitze gern auf der Veranda und tue nichts. Viele von uns sterben viel
zu früh, weil sie sich verausgaben. Peter Kowald sollte uns allen eine
Warnung sein. Ich will mein Leben genießen und nur so viel davon abgeben,
wie ich wirklich mit anderen teilen kann.«
William Parker produziert mit Hamid Drake kraftvolle elektronische Dub-Alben,
Matthew Shipp fraternisiert mit Ambient-DJs, Susie Ibarra trommelt für
Yo La Tengo und entwirft in Marc Ribots neuer Band Another Country schmachtende
Spaghetti-Western. Man darf davon ausgehen, dass sich die Kommunikation
innerhalb des David S. Ware Quartets grundlegend neu strukturieren wird
und mit Spannung auf dessen nächstes Album warten.
Aktuelle CDs:
David S. Ware: Corridors & Parallels (AUM Fidelity / www.aumfidelity.com)
David S. Ware: Freedom Suite (AUM Fidelity / www.aumfidelity.com)
Hamid Drake/William Parker: Black Cherry (AUM Fidelity / www.aumfidelity.com)
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