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The Crusaders - Rundumerneuerung
Aktuell vom 01.06.2003
Nach zwanzig Jahren melden sie sich zurück: die Crusaders mit den Gründungsmitgliedern Joe Sample, Stix Hooper und Wilton Felder. Wer nur eine schale Reunion erwartet haben sollte, sieht sich durch die exzellente CD Rural Renewal aufs Schönste widerlegt.
Von Rolf Thomas Bild von Steven Haberland
Nachtfalken und andere Persönlichkeiten
Den Crusaders ist es nicht nur gelungen, ihre urwüchsige Mischung aus Jazz, Funk, Gospel, Soul, R&B und Country zu reanimieren, sie haben auch noch das beste Album ihrer langen, langen Karriere hingelegt. Wie es dazu gekommen ist, warum Wayne Henderson nicht mehr dabei ist und was das Geheimnis der Crusaders ist, erzählt Joe Sample bei einem langen Gespräch mit viel zu vielen Zigaretten.
Rolf Thomas: Anfang der sechziger Jahre haben die Nighthawks sich in The Jazz Crusaders umbenannt. Was waren die Gründe dafür?
Joe Sample: Wir wussten, dass The Nighthawks ein Name für die Dance-Clubs war. Als wir 1958 Texas verließen, um nach Kalifornien zu gehen, hofften wir, einen Plattenvertrag zu ergattern. Wir waren sehr jung und hatten große Träume. Und wir hatten Glück - Dick Bock von Pacific war interessiert. Das hat aber zweieinhalb Jahre gedauert. Er sagte: »Relax, ihr seid jetzt Recording Artists von Pacific Jazz Records.« Und da erschien uns The Jazz Crusaders einfach als ein besserer Name. Vorher hatten wir noch in Las Vegas als Showband gearbeitet, aber das war nicht das, was ich wollte. Ich wusste immer, dass ich eines Tages als einer der besten Musiker der Welt anerkannt sein würde - von daher war mir immer klar, dass ich mit so einem Show-Room-Engagement nur meine Zeit verschwende. The Nighthawks passte einfach nicht. Stix Hooper war schon verheiratet und brauchte dringend Geld, um seine Familie zu unterstützen, und von daher sah er das schon ein bisschen anders als ich.
Rolf Thomas: Wie empfanden Sie die Jazz-Szene Anfang der 60er Jahre? War es der Sound der Zukunft?
Joe Sample: Nein, ganz und gar nicht.1960 fiel der Jazz gerade in Stücke. Mit dem Westcoastjazz ging’s bergab - Contemporary Records ging pleite. Es war eine schlechte Zeit für Jazzmusiker, die Musik veränderte sich. Aber ich wollte sowieso nicht das machen, was alle anderen im Jazz machen. Damals war Free Jazz angesagt, aber ich habe mich eher an Miles Davis, Oliver Nelson und John Coltrane orientiert. Die Jazzclubs, die es damals gab, waren ziemlich schlecht.
Rolf Thomas: Einer der Musiker, die damals für Furore sorgten, war Ornette Coleman. Wie haben Sie ihn wahrgenommen?
»Wenn man nicht spielen kann...«
Joe Sample: Ornette Coleman wurde gerade bekannt. Das hat mich schon alarmiert. Ich war ein Liebhaber des Klaviers, und auf einmal übernahmen die Bläser die Führung. Aber Jazz war immer die Suche nach etwas Neuem, und wenn man das nicht wollte, hatte man es schwer. Ornette Coleman, Don Cherry und Cecil Taylor brachten Jazz in eine Richtung, die ihnen gefiel, aber das war nichts für mich. New Jazz war in Opposition zu meiner Vorstellung von Jazz, ich wollte auch nie ein Teil der Avantgarde sein. Aber ich mochte Ornette Coleman - es war völlig klar, dass er ein wahrer Innovator war. Ich mochte nur nicht seine Imitatoren und dass das Ganze in eine Bewegung ausartete. Wenn man nicht spielen kann, wie es viele von Don Cherry zum Beispiel behaupten, dann muss man wenigstens eine künstlerische Vision haben - und die hatte er. Dann ist es eigentlich auch egal, ob er spielen kann oder nicht. Was ich am Jazz liebe, ist, dass man die Persönlichkeit des Musikers hören kann - sei es Illinois Jacquet oder Tommy Turrentine. Was mir nicht gefällt, ist, dass 5000 Saxofonisten John Coltrane imitieren - das ist doch verrückt. Ich brauche keinen John-Coltrane-, Charlie-Parker- oder Bill-Evans-Imitator - das ist dumm. Die Imitatoren brauche ich nicht zu respektieren, und dass es dennoch getan wird, das ist falsch am Jazz.
Rolf Thomas: Free Jazz war aber nicht alles, es gab auch noch den Hardbop ...
Joe Sample: Natürlich gab es auch noch den Hardbop, Art Blakey oder Horace Silver. Die mochte ich natürlich sehr, weil sie eine individuelle Stimme hatten. Deswegen gefallen mir auch die meisten Popsänger nicht - sie arbeiten nach einer Formel, Kenny Rogers zum Beispiel. Willie Nelson oder Johnny Cash dagegen, bei denen weiß man nie, was sie als Nächstes machen.
Hank und Lightnin’
Rolf Thomas: Und warum sind die Crusaders ausgerechnet jetzt wieder zusammengekommen? Joe Sample: Wir haben uns schon 1991 über eine Reunion unterhalten, aber damals habe ich nein gesagt. Stix hat auch nein gesagt. Aber jetzt haben wir das Gefühl, dass die Zeit gekommen ist. Darüber habe ich auch lange mit unserem Produzenten Stewart Levine diskutiert. Ich liebe es, mit den Crusaders zu spielen. Unser Posaunist Wayne Henderson war kein Teamplayer, er wollte uns daran hindern, den Namen zu benutzen. Er wollte die Crusaders besitzen - er wollte, dass wir bei ihm einen Vertrag unterschreiben, das ist doch ein Witz, um es einmal auf nette Weise auszudrücken. Aber die Crusaders sind ein Phänomen - wenn ich am Klavier sitze und Stix Hooper spielt Schlagzeug, dann sind wir unschlagbar, und wir liefern unsere Power jedem, der vorne am Mikrofon steht. Es gibt auch noch andere tolle Drummer - Steve Gadd zum Beispiel oder den Typ von der Average White Band, aber mit Stix ist es einfach etwas ganz Besonderes.
Rolf Thomas: Aber die Stelle des Bassisten ist nach wie vor vakant.
Joe Sample: Komischerweise haben wir nie einen festen Bassisten gehabt, wir haben nie jemanden gefunden, der sich in eine Band einfügen konnte. Mit Freddie Washington, der jetzt auf Rural Renewal spielt, sind wir deshalb sehr zufrieden.
»Was Nashville aus der Country-Musik gemacht hat, ist eine Schande.«
Rolf Thomas: Warum fanden Sie es passend, den alten Namen wieder zu benutzen?
Joe Sample: Auf der Highschool haben wir uns The Modern Jazz Sextet genannt, so lange kennen wir uns schon. Und jetzt haben wir wieder festgestellt, egal, was wir spielen, es hört sich immer wie die Crusaders an, also warum sollen wir uns nicht wieder so nennen? Natürlich hatten Stix und Wilton ihre Zweifel - die hatte ich auch, aber letztlich hat es funktioniert. Unsere Wurzeln liegen in Südosttexas und in Louisiana, wir sind mit Jazz, Gospel und Blues aufgewachsen, und das werden wir auch nicht mehr los. Schon bei Ray Charles in den 50er Jahren gab es eine Mischung aus Jazz, R&B, Gospel und Country. Ich habe mir auch Hank Williams angehört - Schwarze haben genauso gern Hank Williams wie Lightnin’ Hopkins oder Fats Domino gehört. Aber was Nashville aus der Countrymusik gemacht hat, ist natürlich eine Schande.
Rolf Thomas: Die Countrymusik hat ja auch schwarze Wurzeln, was heute kaum noch bekannt ist, und es gab viele Bands, in denen schwarze und weiße Musiker zusammengespielt haben...
Joe Sample: In den Jahren der Segregation war es für Weiße extrem gefährlich, mit schwarzen Musikern assoziiert zu werden. Es stimmt, es gab auch Western-Swing-Bands mit weißen und schwarzen Musikern, aber das durfte niemand wissen. Aber natürlich hatten auch weiße Musiker Einfluss auf mich: Von Hank Williams, Elvis oder Jerry Lee Lewis kann man ja gar nicht nicht beeinflusst ein.
Ohne Jazz
Rolf Thomas: Wie sind Sie in die Band geraten? Joe Sample: Der Saxophonist Curtis Amy spielte in einer Band mit meinem älteren Bruder. Irgendwann stieß ich dazu. Mein Bruder war ein großer Teddy-Wilson-Fan und etablierte sich in Los Angeles als recording musician. Curtis Amy hat dann das Rehearsal mit Dick Bock für uns arrangiert.
Rolf Thomas: Die Jazz Crusaders ließen das Wort Jazz dann weg...
Joe Sample: Pacific Jazz Records ließ irgendwann das Wort Jazz fallen und empfahl uns, das Gleiche zu tun. Das war 1968. Zu der Zeit wurde das Musikbusiness allmählich von riesigen Konzernen übernommen, auch Pacific wurde verkauft.
Rolf Thomas: Ich kenne eine Platte von den Jazz Crusaders, die sie mit Les McCann aufgenommen haben. Der hat auch gerade ein Comeback unternommen.
Joe Sample: Les McCann war immer einer meiner großen Favoriten und auch eine Quelle der Inspiration. Ich habe schon gehört, dass er eine tolle neue Platte bei einer deutschen Firma gemacht haben soll, kenne sie aber nicht.
Rolf Thomas: Wie ging es dann mit den Crusaders in den siebziger Jahren weiter?
Joe Sample: Unsere Mischung aus R&B und Jazz wurde immens populär, der Avantgarde-Jazz war für viele Hörer einfach nicht attraktiv genug. In den fünfziger Jahren, als ich Stride-Piano spielte, wurde mir noch gesagt, das kannst du nicht mehr machen - die linke Hand der Pianisten starb praktisch ab. Ich will das Klavier aber mit beiden Händen spielen. Ein Pianist kann alleine swingen, er braucht nicht unbedingt Bass und Schlagzeug. Die Musik entwickelte sich für meinen Geschmack also in die falsche Richtung, und das wollten wir mit den Crusaders ein wenig korrigieren. Damit begann dann unser Bassistenproblem - schließlich musste Wilton Felder Bass spielen. Buster Williams, der für die Jazz Crusaders ein großartiger Bassist war, wollte den Schwenk in Richtung R&B nicht mitmachen. Es gibt auch Kontrabassisten, die mir sagen, sie könnten meine Musik auf dem Kontrabass nicht spielen - ich würde sagen, Christian McBride hat sie widerlegt.
Alte Gesichter, neue Namen
Rolf Thomas: Mit »Street Life«, dem Stück, auf dem Randy Crawford singt, hatten die Crusaders dann 1979 ihren grössten Erfolg. Wie ist die Zusammenarbeit mit Randy zustande gekommen?
Joe Sample: Ich habe schon auf Randy Crawfords ersten Platten Klavier gespielt und habe ihr Konzept sehr geliebt. Mir haben Sänger bei Jazzbands schon immer gefallen, ich liebe Joe Williams, Frank Sinatra und Nat King Cole. 1979 fand ich dann, dass die Crusaders auch mit Gesang arbeiten sollten - aber keine Standards! Ich glaube, »Street Life« war dann tatsächlich das erste Stück, das wir mit dieser Absicht im Hinterkopf geschrieben haben.
Rolf Thomas: Auf Rural Renewal sind eine Menge Gitarristen zu Gast, unter anderem Arthur Adams, Dean Parks und Ray Parker Jr. Wie kam es dazu?
Joe Sample: Ray Parker Jr. habe ich getroffen, als er 19 war und für Motown in Los Angeles gearbeitet hat. Er und Wah Wah Watson kamen quasi aus dem Nichts und haben ein ganz neues Musik-Konzept erarbeitet - zusammen mit Dean Parks waren sie die rhythm section von Barry White. Pure Magie. Dean Parks kann alle sophisticated Jazzharmonien dieser Welt nehmen und sie ganz zurückhaltend spielen. Man hört ihn eigentlich gar nicht, aber wenn er aufhört zu spielen, entsteht ein Loch. Er ist so etwas wie der Freddie Green des Soul-Jazz.
Rolf Thomas: Der neue Wayne Henderson heißt Steve Baxter. Wer ist das?
Joe Sample: Steve Baxter ist ein junger Mann aus Houston - er ist erst vierzig (großes Gelächter). Er hat sich das Posaunespielen mit alten Crusadersplatten selbst beigebracht.
Rolf Thomas: Prominentester Gast dürfte Eric Clapton sein, der auf zwei Stücken Gitarre spielt. Wie lange kennen Sie ihn schon?
Joe Sample: Eric Clapton hat 1974 in Los Angeles im Roxy mit den Crusaders gejammt - Stevie Wonder, die Average White Band, Elton John und Chicago waren auch dabei. Eric und ich waren total betrunken. Ich glaube, Eric war es ein bisschen peinlich, so besoffen zu sein. Nathan East von Erics Band hat ihm dann, als er von unserer Reunion hörte, empfohlen, bei uns mitzuspielen, es würde ihm bestimmt gefallen. Und eines Tages kam Eric Clapton dann mit einer Gitarre und zwei mickrigen Verstärkern zu uns ins Studio marschiert. Und ich glaube, »Creepin’« und der Titeltrack, die beiden Stücke, auf denen er spielt, sind echte Hits. Eric Clapton interessiert sich nur für Musik - er hasst Leute, die mit Musik Geld machen wollen, oder die berühmt sein wollen oder Frauen abschleppen. Er ist wirklich ein Musiker.
Der größte Gospelpianist der Welt
Rolf Thomas: Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein Stück schreiben?
Joe Sample: Beim Komponieren fange ich immer mit der bass line an - der Bass hält die ganze Musik zusammen, er ist das Fundament und die Basis meiner Stücke. Als Stewart Levine dann die bass line von »Rural Renewal« hörte, meinte er nur, Eric Clapton wird das lieben. Er hat ihm montags das Tape geschickt und am Mittwoch war Eric im Studio.
Rolf Thomas: Ich möchte noch ein wenig in die Vergangenheit schweifen. Was ist Ihre Beziehung zu Mahalia Jackson?
Joe Sample: Ich habe mit Mahalia Jackson in den alten Columbia Studios am Sunset Boulevard zwei Stücke aufgenommen - komplett mit großem Orchester und allem Drum und Dran. Das hat zwei Tage gedauert. H.P. Barnum hat mich gebeten, bei ihr Klavier zu spielen, und ich war natürlich sehr aufgeregt. Um uns herum saßen die ganzen Mütter der schwarzen Musiker und haben mich angeguckt, als ob sie sagen wollten: »Mein Junge, du gibst dir besser Mühe!« Meine Finger zitterten, Billy Prestons Mama war auch da, und ich dachte, ich würde das nicht überleben.
Rolf Thomas: Ich habe gefragt, weil sie einmal gesagt hat: »Joe Sample ist der größte Gospelpianist der Welt.« Wussten Sie das?
Joe Sample: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Das kann nicht sein. (Betretene Pause) Irgendwann habe ich auch Frank Sinatra in einer Bar getroffen, wo ich Klavier spielte. Er kam ganz nah an die Bühne, um mir auf die Finger zu gucken. Und als Count Basie mir einmal Mut zusprach, war das eine Bestätigung für mich, dass ich auf dem richtigen Weg war.
Rolf Thomas: Nun sagen alle Musiker, dass ihr jeweils neuestes Album ihr jeweils bestes ist. Bei den Crusaders würde ich das ausnahmsweise einmal unterschreiben. Ich finde, Rural Renewal ist das beste Album, das die Crusaders je gemacht haben.
Joe Sample: Oh, vielen Dank. Wir sind sehr selbstkritisch, vor allem Stix - eine Woche später gefallen ihm Stücke, die ihm vor sieben Tagen gefallen haben, schon nicht mehr. Das finde ich übertrieben, aber unsere Musik muss schon eine gewisse Spiritualität haben, sonst hätten wir im Studio unsere Zeit verschwendet. Wilton ist sich da auch sehr unsicher - vielleicht sichert diese kritische Haltung ja eine gewisse Qualität. Ich war mir schon immer über die Kraft der Crusaders im Klaren, aber ich kenne auch ihre Schwächen.
Zigaretten und HipHop
Rolf Thomas: Nun hatten Sie vor einigen Jahren einen Schlaganfall, rauchen aber trotzdem fröhlich meine Zigaretten. Wie steht es um Ihre Gesundheit?
Joe Sample: Ich gehe zweimal im Jahr zum Arzt - und es gibt keine Anzeichen dafür, dass irgendetwas nicht in Ordnung wäre. Ich kaufe mir auch keine Zigaretten, aber ich liebe es, eine nach dem Essen zu rauchen. Aber wenn ich mir eine ganze Packung kaufte, würde ich sie auch rauchen - und das täte mir natürlich nicht gut.
Rolf Thomas: Die Crusaders sind schon von Legionen von Musikern gesampelt worden, mir fallen da 2Pac, US3, Destiny’s Child oder De La Soul ein. Können Sie damit etwas anfangen?
»Es geht bergab!«
Joe Sample: Es hat mir schon oft geholfen, meine Rechnungen zu bezahlen. Künstlerisch finde ich es meistens enttäuschend - warum machen diese Leute nicht ihre eigenen Grooves? Ich glaube, sie befinden sich in einer Sackgasse: Man muss neue Grooves kreieren! Warum fragen sie mich nicht, ob ich ihnen etwas Neues einspiele?
Rolf Thomas: Man kann natürlich auch andersherum argumentieren: Die Grooves sind da, warum soll ich sie nicht benutzen?
Joe Sample: Das mag ja sein, aber dafür finde ich die Ergebnisse wenig beeindruckend. Diese ganze Club- und Discomusik stagniert. Wenn man es mit Essen vergleicht: Es riecht lecker, aber wenn man es erst mal probiert hat, möchte man es nicht zu Ende essen. So geht es mir mit diesen Platten: Die erste Minute ist aufregend, aber danach geht’s meistens bergab.
Aktuelle CD: The Crusaders: Rural Renewal (Verve/Universal)
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