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Hubert von Goisern und Mohamed Mounir - Berge aller Länder, vereinigt euch!
World vom 01.06.2003
Es war inmitten der so genannten neuen deutschen Welle, dass eine Plattenfirma auf den singenden und jodelnden Eigenbrötler aus der Kleinstadt Goisern aufmerksam wurde und ihn unter Vertrag nahm. Damals war vieles möglich, solange man nur deutsch sang. Damals firmierte er noch unter »Alpinkatzen feat. Hubert von Goisern«.
Von Thorsten Bednarz
Der Wanderer
Ganze 15 Jahre später trägt die Band nur noch seinen Namen, und der musikalische Querdenker hat sich irgendwo zwischen so genannter Weltmusik, dem guten alten Soul der Marke Stax und Rockmusik angesiedelt. Ein Nischenprodukt, würden die großen Plattenfirmen sagen, doch die Nischen haben beständigen Zulauf, und so kann Hubert von Goisern gleich auf zwei aktuelle DVDs verweisen, die letzte Open-Air-Tour war die erfolgreichste seiner Karriere, und nie war auch das Medieninteresse größer als in letzter Zeit. Und noch nie wurde eine seiner Tourneen gar von einem weltoffenen Jazzmagazin (Ihres Vertrauens) präsentiert!
Man könnte eigentlich auf den Gedanken kommen, dass Hubert von Goisern allen Grund hätte, zufrieden zu sein. Doch Zufriedenheit passt nicht zu diesem nimmermüden Wanderer, würde sie doch einen Blick zurück in die Vergangenheit voraussetzen. Wo jedoch andere einen Blick in die Vergangenheit tun, da macht Hubert von Goisern schon wieder Pläne für die Zukunft. Und immer, wenn er eine Idee hat, schlägt man erst vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen, dann spuckt man sich in selbige und setzt die Idee um. Und jede umgesetzte Idee, so exotisch sie auch sein mag, impliziert nur die nächste, scheinbar noch exotischere – aber auch die logische Fortsetzung alles Erreichten.
Das Dachsteinmassiv rückt mit dem Himalaya und den Bergen Kongos zusammen und verschmilzt in der Musik Hubert von Goiserns, denn überall dort war er schon, hat seine musikalische Duftmarke hinterlassen und selbst andere gesammelt. Und indirekt wurde er damit auch zu einem lebendem Dogma der Antiglobalisierungsbewegung, die sich in der weltoffenen Betonung lokaler Eigenheiten manifestiert. Doch will Hubert von Goisern so hoch hinaus? Bestimmt nicht. Er will nur Musik machen. Seine Musik und sich damit seine Träume verwirklichen. Dass wir daran Teil haben dürfen, ist mehr als ein notwendiges Übel. Es ist ein Luxus für ihn, da viele Menschen offensichtlich seine Träume teilen, und ein Luxus für uns, an seiner Verwirklichung teilnehmen zu dürfen.
Akkordeon und Bandmaschine
Dabei begann doch alles eher widerwillig, wie Hubert von Goisern erzählt, denn natürlich hatte er als Teenager nichts mit Alpenmusik am Hut. Und ebenso natürlich klingt die Geschichte so fantastisch, dass man beinahe gewillt ist, sie ihm spontan zu glauben. »Einmal kam ich so als etwa 16-Jähriger sturzbetrunken von einer Party nach Hause und sah auf dem Tisch die Diatonische von meinem Großvater liegen, nahm sie mir und fing an zu spielen.
Ich spielte die halbe Nacht darauf, und als ich am nächsten Tag aufwachte und dachte, es sei alles nur ein Traum gewesen, konnte ich noch immer darauf spielen. Seitdem habe ich sie nicht mehr weggelegt.« Und dabei sollte man bedenken, dass die Diatonische ein Akkordeon ist, welches, je nachdem, ob man den Balg zieht oder quetscht, andere Töne produziert. Ein Instrument also, welches ungeteilter Aufmerksamkeit bedarf und nicht eines alkoholisierten Hirns, um es wirklich spielen zu lernen. Egal ob wahr oder geflunkert, Hubert von Goisern darf jedenfalls von sich behaupten, wohl als einziger Musiker dieses Instrument in einen Rockkontext gestellt zu haben – und das mit wachsendem Erfolg.
Dabei war es nicht unbedingt Absicht, dass das (noch) aktuelle Album Iwasig so straight und geradlinig ausgefallen ist. »Als ich im Studio war, ist mir das auch irgendwann aufgefallen, dass dieses Album viel unambitionierter klang als Fön, dafür aber eine gewisse Leichtigkeit hatte. Ich habe mich gut damit gefühlt und es einfach laufen lassen. Für Fön brauchte ich damals diesen anderen Klang. Doch als ich damit dann auf die Bühne ging, gab es manchmal schon Schwierigkeiten, denn das Publikum will ja auch tanzen.« Die Begründung, warum er dann ein solch ambitioniertes und vielleicht auch ein wenig introvertiertes Album wie Fön aufnahm und seinem Gefühl nicht damals schon freien Lauf ließ, klingt einfach. Typisch Hubert von Goisern eben. »Weißt du, wenn du im Studio bist, dann sitzt du meist und merkst deswegen nicht sofort, wenn etwas nicht in die Beine geht. Auf der Bühne würde ich nie auf die Idee kommen, mir einen Sessel zu holen!« Und ganz offenbar war er letztlich mit dem Ergebnis so zufrieden, dass er jetzt auch öfter mal einfach etwas »laufen« lässt.
Wie auch bei den Aufnahmen zum noch nicht veröffentlichten Album Trad 2, welches er in einem verlassenen Hotel auf einem Berggipfel aufnahm, der nur über eine Seilbahn erreichbar war. Einer der Musiker hatte einen Hund dabei, und in einem Stück konnte man ihm das Mitjaulen einfach nicht verbieten – egal, wie viele Takes davon aufgenommen wurden. Also wird auch der Hund auf dem Album zu hören sein, und der Perfektionist Hubert von Goisern findet es charmant. Was andere charmant oder - schlimmer noch - authentisch finden, darüber kann er sich nur belustigen. »Einmal gab es ein irrsinnig teures Fotoshooting, und mir wurde ein Flug bezahlt, und um so richtig die ländliche Idylle herauszukehren, wurde dann sogar noch eine Kuh eingeflogen, die mit aufs Foto sollte! Und dann, noch bevor die Geschichte und das Foto dazu erschienen, ist das Magazin eingegangen. Heute braucht man zum Glück keine Kuh mehr neben mich zu stellen, um zu wissen, dass der da aus den Bergen kommt. Wenn man mich heute am Hamburger Hafen fotografiert, dann hat das schon eine Spannung, weil es um mich geht. Aber wenn man eine Kuh für die Spannung braucht ...« Trotzdem hätte er gern das Foto von damals. Als Andenken.
Partnerwahl
Und es war ja auch noch vor vielen Jahren, als er sich vielleicht noch eher überreden ließ, einen Kompromiss einzugehen. Heute gibt er den Ton an und übernimmt viele der wichtigen Entscheidungen selbst. »Also in der Politik halte ich sehr viel von Demokratie. In einer Band ist es vielleicht auch okay, aber in einem Projekt wie meinem kann ich damit nichts anfangen. Ich habe mal ein halbes Jahr in Wien in einem Theater gearbeitet, welches als Kollektiv aufgebaut war. Da gab es 15 bis 20 Leute, und alle hatten gleich viel zu sagen. Gemacht haben aber nur zwei was von ihnen, mussten sich jedoch von allen reinreden lassen. Und als ich fragte, wie viel Geld es denn gäbe und wann, war es schon schlimm. Doch als ich dann auch noch ein geringes Fixum verlangte, von dem ich wenigstens meine Unkosten hätte halbwegs decken können, war ich nur noch ein Kameradenschwein. Es war eine wahre Befreiung, als sie mich nach einem halben Jahr rausgeschmissen haben.«
Jetzt sucht er sich seine Partner besser aus. Und er wählt weltweit auf seinen Reisen. Davon berichtet auch die zweite aktuelle DVD mit dem Titel Grenzenlos, die die Reisen Hubert von Goiserns und seiner Musiker nach Ägypten, Kap Verde, in den Senegal und nach Burkina Faso dokumentiert. In Dakar sind sie die erste weiße Gruppe, die sich trotz aller Sicherheitsbedenken in das Elendsviertel Ecopol wagt und dort ein improvisiertes Konzert gibt, welches zu den besten der ganzen Karriere Goiserns zählt. Und im eigentlich als islamistische Hochburg verschrieenen ägyptischen Assiut trifft er auf den Superstar Mohamed Mounir und spielt mit ihm vor über 15.000 jubelnden Zuschauern. Aus dieser Begegnung entstand eine »Seelenverwandtschaft«, die der aktuellen Tour der beiden Musiker durch die deutschsprachigen Länder ihren Namen gab.
Allerdings stand das Unterfangen noch vor kurzem unter einem schlechten Vorzeichen. Als Mohamed Mounir kürzlich in Berlin zum Disorientation-Festival weilte, war kurz zuvor der Irakkrieg ausgebrochen. Am Abend des Konzertes wurden Hunderte Kriegsgegner in der ägyptischen Hauptstadt von der Polizei mit Wasserwerfern und Schlagstöcken brutal auseinander getrieben, und von überall war zu hören, dass der Krieg die Konzertkassen lahm gelegt hatte, eine Unzahl von Konzerten abgesagt werden mussten. Auch Mohamed Mounir kam nicht zum vereinbarten Interview. War es nun wirklich eine Magenverstimmung vom deutschen Essen, war ihm die politische Situation weltweit und in seiner Heimat auf den Magen geschlagen? Man weiß es nicht. Auch Hubert von Goisern sieht an diesem Morgen angeschlagen aus. »Zum Glück habe ich noch nicht gehört, dass irgend jemand versucht, in dieser Situation unsere Konzerte abzusagen. Ich jedenfalls bin froh, dass wir auf Tournee gehen werden, und die Situation im Irak und wie sich die Welt dazu verhält, bestärkt mich nur noch in dem Glauben, dass solche Projekte wichtig sind.
Aber bei uns geht es um Musik. Allerdings sehe ich es auch als große Chance, diese Tage jetzt mit einem arabischen Freund zu verbringen und mit jemandem von der vermeintlich ›anderen Seite‹, so wie die USA es uns einreden wollen, zu sprechen. Ich bin auch neugierig, was dabei rauskommt.« Angst davor, dass die implizite politische Aussage der gemeinsamen Tour die musikalische in den Schatten stellt, hat Hubert von Goisern jedoch nicht, wie er nach einer (für ihn ungewöhnlich langen) Gedankenpause zugibt. »Die politische Situation ist Teil unseres Lebens, und unabhängig von diesem aktuellen Krieg wäre die Tour schon spannend genug, denn seit dem 11. September spricht man mehr von den Unterschieden statt von den Gemeinsamkeiten zwischen Europa und dem arabischen Raum. Uns geht es darum, in der Musik und durch die Musik die von der Politik überlagerten Gemeinsamkeiten neu aufzudecken. Es gibt ja viele musikalische Gemeinsamkeiten, wenn man die Entwicklung der spanischen Musik nimmt, die ohne die Araber so nicht verlaufen wäre, und die Spanier wiederum haben ganz Europa und Lateinamerika mit ihrer Musik beeinflusst.
Warum also sollten wir uns dem heute verschließen, auch wenn es erst einmal exotisch klingt, dass ich mit Mohamed gemeinsam auf Tour gehe? Schade ist nur, dass in einer Zeit, in der alle vom Dialog reden, wir keinerlei Unterstützung von irgendwelchen Institutionen bekommen. Das macht mich wütend, und ich bin sehr enttäuscht. Im vergangenen Jahr habe ich die Tour nach Ägypten und Westafrika aus meiner eigenen Tasche finanziert, und auch diese Tour finanziere ich vor. Es wäre allerdings schön, wenn man sich von Seiten jener, die den Dialog zwischen den Kulturen predigen, auch an einem solchen Projekt des ganz direkten Dialogs beteiligen würde.«
Aktuelle CD: Hubert von Goisern: Iwasig (Blanko / BMG)
Aktuelle DVD: Hubert von Goisern: Iwasig (Blanko / BMG) Grenzenlos (Blanko / BMG)
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