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The Bad Plus - Ein Angriff auf die Jazzpolizei
Jazz vom 09.10.2003

Sie gelten als das lauteste Pianotrio des Jazz und können selbst am lautesten über diese Kategorisierung durch ihre Plattenfirma lachen. Denn mehr konnte sie ihnen nicht anhaben. Und es ist auch ein Unding, dass The Bad Plus schließlich doch bei einer großen Plattenfirma gelandet sind, denn ihr Sound ist roh, wild, ungehobelt und ungeschönt.

Von Thorsten Bednarz
Bild: Michael Felsch

Bitterkeit im Glasherz

Eine laut schallende Ohrfeige für alle, die ein Album erwarten, das der aktuellen Barbieisierung des Jazz entspricht, denn The Bad Plus werden wohl niemals vom PLAYBOY präsentiert werden oder ein Album für Jazzpuristen einspielen.

»Es wäre schön, wenn man uns irgendwie in eine Kiste mit den Cohen-Brüdern oder Twin Peaks packen würde. Dieses immer etwas verschrobene Weltbild passt zu uns«, erklärt Reid Anderson, der Bassist. »Aber es stimmt schon, dass Minnesota, Wisconsin nicht gerade eine Gegend ist, in der sich gute Jazzbands auf die Füße treten.« Weshalb sie es wohl auch nicht verschmähen, im Vorprogramm der Folkrocker von Wilco aufzutreten.

Das hätten sich vor gut zwanzig Jahren Reid Anderson und David King kaum vorgestellt, als sie sich an der Highschool trafen und dort schon in diversen Rockbands zusammen spielten und sich nach und nach immer weiter in das Gebiet der improvisierten Musik vortasteten, wie sie es selbst beschreiben. Und der Geist der Band war es auch, der dem Projekt The Bad Plus vor etwa drei Jahren bei der Gründung zur Seite stand. »Es gibt nicht viele Bands in der improvisierten Musik. Wir wissen einfach, dass wir alle gern improvisieren, dass wir alle möglichen Musikstile hören, dass wir enge Freunde sind und diese Freundschaft sicherlich ein Leben lang halten wird. Daraus entsteht unser Sound, und wohin er sich auch immer bewegen wird, ist nicht absehbar.« So ist auch nicht absehbar, was im engeren Sinne Nirvanas »Smells Like Teen Spirit« mit »Flim« von Aphex Twin gemein hat – außer dem Fakt, dass sich beide Titel mit »Heart of Glass« von Blondie in wunderbaren, liebevoll zerlegten Interpretationen zwischen die eigenen Stücke von The Bad Plus geschlichen haben.

Und hätte es jemals einer Antwort auf Zappas ketzerische Frage »Does humor belong to music?« bedurft, sie hätte wohl so geklungen wie dieses Album von The Bad Plus. »Das ist wunderbar«, freut sich David King, »aber man muss natürlich aufpassen, dass es nicht zur Comedy wird. Die hat nämlich eine verdammt kurze Halbwertzeit. Wenn du sagst, es sei eine Platte mit Humor, dann ist es gut, auch wenn wir eigentlich diesbezüglich keine Intentionen pflegten. Wir hatten einfach eine tolle Zeit und haben uns gegenseitig gefeiert, wenn du so willst. – Aber eigentlich gibt es nicht einmal Ironie auf diesem Album«, ergänzt Ethan Iverson, »dafür viel Ehrlichkeit.

Wir gehen niemals an unsere Musik mit der Frage: Hey, wäre es nicht lustig, mal dies oder jenes zu machen?« Nun ja, man muss ja den Sinn für Humor nicht mit der Schenkelklopfnummer verwechseln, und allein der Blick über den jazzigen Tellerrand hin zu z.B. »Heart of Glass« ist schon ein deutlicher Verweis darauf, dass hier keine missgelaunten Musiker am Werke sind. »Dabei ist gerade ›Heart of Glass‹ ja eigentlich nicht nur diese Bubblegum-Disconummer, die wir alle kennen, sondern viel mehr. Der Text ist eigentlich völlig bitter, da geht es nur um Einsamkeit, und ich denke, wenn wir ›Heart of Glass‹ spielen, dann kommt diese Bitterkeit erst richtig zum Tragen.«


Vulgäre Jazzspaßvögel

Womit wir mitten in einem der ganz wichtigen Themen sind, denn, so sagen die drei Musiker, sie wären die Letzten, die die Fahne des Jazz mit aller Gewalt hochhalten würden. »Ich habe sowieso den Eindruck«, so Reid Anderson, »dass ihr hier in Deutschland noch ein sehr schlimmes Bild von Jazz als sehr introvertierter und hochgestochener Musik habt. In diesem Sinne sind wir keine Jazzer! Wir sind drei ganz vulgäre Typen aus dem Mittleren Westen, die zusammen Spaß haben. Mehr nicht.«

Aber ist es nicht auch gerade die oftmals zu überzogene Rückkehr zu den vermeintlichen Jazzgöttern der 50er und 60er Jahre, wie sie von den ehemaligen jungen Wilden in den letzten Jahren in den USA gelebt wurde, die dem Jazz auf der einen Seite ein leicht angestaubtes, vor allem aber ein sehr exklusives und damit einen großen Teil des Publikums von vornherein ausschließendes Gepräge gab? »Der Humor Monks und die Menschlichkeit Coltranes sind dem Jazz leider wirklich zu einem erheblichen Teil abhanden gekommen«, sagt Reid Anderson. »Es wird keiner mehr an die Hand genommen, um einen in die Gemeinschaft des Jazz zu holen, sondern man bleibt in einem kleinen und vermeintlich feinen, weil elitären Kreis. Wir werden auch nicht diejenigen sein, die dagegen angehen können oder die das aufbrechen werden. Aber wir haben trotzdem das Recht, uns zu äußern. Und Jazz heißt für uns in erster Linie eine große Intensität der Musik, ein Gemeinschaftsgefühl mit dem Publikum und eine tolle Show.«

Noch schlimmer ist ihnen allerdings eine andere Vorstellung, wie David King ergänzt. »Manche Leute begründen ihre ganze Karriere darauf, dass sie das Publikum für den Jazz erziehen müssen. Was für eine Scheiße! Als ob das Publikum ohne Erklärung nicht dazu in der Lage wäre, eine emotionale Beziehung zur Musik zu haben! Jeder Klang kann eine Emotion beim Hörer erzeugen, und ich bin hundert Prozent davon überzeugt, dass es am Musiker liegt, wenn das Publikum nicht auf seine Musik eingeht. Die Leute kommen ja, weil sie berührt werden wollen!«

Das ist auch eine der größten Qualitäten von The Bad Plus, dass sie all ihr Wissen und ihre musikalische Intensität auch gut vermitteln können. In erster Linie natürlich auf der Bühne, aber auch im Studio und schließlich auf der CD. Was aber wohl auch daran liegt, dass die drei Musiker sich immer wieder musikalisch aufeinander beziehen. So kommt es zu einem wirklichen Austausch im Sinne von gemeinsamer Kommunikation. »Ich habe oft das Gefühl, dass einige Jazzer in ihren Improvisationen nichts mehr zu sagen haben«, erzählt Ethan Iverson. »Aber das tun sie auf höchstem spieltechnischen Niveau. Technisch brillant, aber leider doch eine leere Hülle.

Was hat Art Blakey vor über 30 Jahren für eine Show gemacht, was ging da auch auf der Bühne unter den Musikern ab und dann natürlich auch im Publikum! Aber diese Kommunikation fehlt heute völlig. Deswegen haben wir auch diese Band gegründet – als eine Plattform der Kommunikation. Wenn das Publikum merkt, wie wir miteinander auf der Bühne kommunizieren, wie wir uns und ihm etwas zu sagen haben, dann wird es hoffentlich auch in diese Kommunikation mit einbezogen, und dann haben wir unser Ziel eigentlich schon fast erreicht.« Was allerdings, und dies unterstreichen die Musiker vehement, nicht impliziert, dass sie anderen Musikern Vorschriften machen wollen, was bzw. wie sie etwas machen sollten. Die einzige Regel, die sie akzeptieren, ist die der Qualität und der Kommunikation - kategorische Imperative sind ihnen völlig fremd.

Sandwich und Company

Ähnliches allerdings erwarten sie auch von ihrer Plattenfirma. Erste gute Erfahrungen machten sie bei einer kleinen spanischen Plattenfirma, und auch das Angebot einer Major Company wie Columbia konnte sie dann nicht aus der Ruhe und dem Konzept bringen. »Wir waren ja völlig als Band etabliert, brauchten also eigentlich keine musikalische Aufbauarbeit, um uns erst etablieren zu lassen, und die Company wusste auch ganz genau, wen und warum sie ihn unter Vertrag nahm.

Daneben waren wir schon viel getourt ... Sie sagten sich, das ist gut, wie es ist, und jetzt warten wir mal ab, was dabei rauskommt. Aber dass wir jetzt hier sitzen, in Berlin Interviews geben und sich viele Leute um uns kümmern, das hat uns auch nicht verändert. Ethan hat nicht einmal einen neuen Anzug! Und nicht einmal unsere finanzielle Situation hat sich geändert – trotz großer Plattenfirma! Es hat sich nur jemand gefunden, der mal ein paar Sandwiches für uns holt – oder müssen wir die noch bezahlen?«

Große Vorstellungen davon, was die Zukunft ihnen bringen soll, haben sie noch nicht entwickelt. Wozu auch, wie Ethan meint. »Früher wäre mir die Frage einer großen Plattenfirma nie in den Sinn gekommen. Es waren ja auch nicht wir, die ein Demo verschickt haben und so, sondern die Plattenfirma, die auf uns zukam. Und wir wissen, dass wir niemals die ganz großen Verkaufszahlen erreichen werden, die Plattenfirma weiß das hoffentlich auch. Aber irgendwer hat sich wohl gedacht, dass wir etwas etabliert sind, das läuft, und warum sollten sie dann eingreifen? Sogar den Produzenten haben wir selbst ausgesucht und angesprochen!«

Aber ganz so einfach war es wohl auch nicht, das Angebot zu akzeptieren, wie sich David erinnert: »Als ich von den Gesprächen zwischen Ethan und Columbia hörte, sagte ich ihm nur, dass die mir den Buckel runterrutschen könnten, und Ethan solle mal an die street credibility denken, die wir haben. Ich wollte einfach dieses Baby, das wir uns erschaffen hatten, vor dem Geschäft und all dem anderen Bullshit beschützen! Und wenn die Leute bei den Plattenfirmen sich den ganzen Tag damit beschäftigen, Jennifer-Lopez-Platten zu verkaufen, was wollen die dann verdammt noch mal mit uns? Ich meine, wenn irgendwer wirklich out ist, dann sind wir es!«

Wohl deswegen haben sie sich für Tchad Blake als Produzenten entschieden, ist er doch ein Mensch, der sich in erster Linie durch eine große Offenheit und hohes Gespür für Qualität auszeichnet, egal ob es sich um Rock, Pop oder Weltmusik handelt, und der eher als Katalysator wirkt denn als jemand, der die Musiker erst in ein gewisses Format presst, um sie handhabbar zu machen und der den Zynismus der drei Musiker in Bezug auf die großen Plattenfirmen ohne Abstriche teilt. »Er hat sich niemals um die Sternchen gekümmert, die man aufbauen und zu Gelddruckmaschinen umfunktionieren kann. Im Gegenteil! Er hat immer nur die Verrückten produziert oder die großen Stars, wenn die eine verrückte Platte machen wollten.

Und wir sind einfach so große Fans von ihm, und wir wollten keinen Produzenten, der jeden Tag drei Jazzplatten produziert und uns dann sagt, dass er etwas seit 30 Jahren immer so macht und wir es jetzt auch so zu machen hätten.« Und dann erzählen die drei noch immer völlig aufgeregt eine Geschichte nach der anderen über ihren Heroen Tchad Blake und verausgaben sich dabei mehr, als wenn es um ihre eigene Musik geht. Doch die braucht auch kaum Worte, um sie zu erklären. Sie spricht für sich selbst.

Aktuelle CD:
The Bad Plus: These Are the Vistas (Columbia)

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