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Virtual Life - Bugge Wesseltoft
Jazz vom 01.04.2004

Seit den Neunzigern verteidigt der Norweger Bugge Wesseltoft erfolgreich seine New Conception Of Jazz, die in der Teilung persönlicher Erfahrungen liegt. Das neueste Manifest seiner gleichnamigen Band, Film Ing, geht noch tiefer in der Durchdringung elektronischer und akustischer Prinzipien der Klangerzeugung.

Von Wolf Kampmann

Nie waren Wesseltofts Kreationen auf diesem Gebiet so organisch gelungen, nie vermochte er elektronische Werkzeuge so überzeugend zu warmen Erweiterungen seines Körpers zu machen. Wenn er sich dann gar mit Saxofonist Joshua Redman mehrere Stelldicheins gibt, scheint es, als würde er aus der Position des Elektronik-Visionärs zu den Grundlagen der Tradition zurückkehren. Doch formuliert er nicht mittlerweile ein Konzept, das gar nichts mehr mit den Intentionen des Jazz zu tun hat? Inwiefern greift für Wesseltofts Klang-Kreationen überhaupt noch der Begriff Jazz? Fragen, die nur der Pianist selbst beantworten kann.

Wolf Kampmann:Vor kurzem sagte George Russell, es ginge nicht mehr um Jazz, sondern die Musik des 21. Jahrhunderts. Deine Musik erfüllt genau diesen Anspruch, aber du nennst es nach wie vor New Conception Of Jazz. Was bedeutet dir der Begriff Jazz heute, und wie erweiterst du seine Grenzen?

Bugge Wesseltoft: Jazz ist für mich ungeheuer wichtig, denn ich komme vom Jazz. Jazz bedeutet für mich Improvisation. Ich unterhalte mich oft über den Sinn des Begriffes Jazz, denn man kann in der Weltmusik und im Rock ebenso improvisieren. Selbst in der Klassik. Aber für den Jazz ist Improvisation die Essenz. Deshalb möchte ich mich von diesem Begriff nicht lösen. Der wichtigste Aspekt meiner Musik ist die Möglichkeit, zu improvisieren.

Wolf Kampmann: Aber bei dir improvisiert ja nicht nur der real spielende Musiker, sondern in der Pre- und Post-Production wird ebenfalls improvisiert.

Bugge Wesseltoft: Sicher, aber ein Studioalbum ist ein großer Unterschied zu einer Live-Performance. Ich habe auf meinen Platten viele verschiedene Dinge ausprobiert. Auf meinem letzten Album Moving ging es nur um die Jam Session. Ich habe alles so gelassen, wie es aufgenommen wurde, und unverändert rausgebracht. Film Ing habe ich aufgenommen und bearbeitet. Ich schnitt die besten Teile aus, setzte sie neu zusammen und versuchte trotzdem, ein genuines Feeling zu erzeugen. Insofern unterscheidet sich das Album gar nicht so sehr von meiner ersten Platte. Damals habe ich lange an jedem Stück gearbeitet, und heute ist das wieder der Fall. Aber ich kann wesentlich natürlichere Ergebnisse erzielen als seinerzeit. Man hört die Schnitte nicht mehr. Es fühlt sich an wie unsere Live-Konzerte, bei denen wir vielleicht einen programmierten Rhythmus haben, aber der Rest auf Improvisation beruht. Wir haben einen Rahmen für jeden Jam, den wir mit etwas ausfüllen müssen.

Wolf Kampmann: Von Platte zu Platte greifst du auf mehr Quellen zurück. Da verlangt es doch bestimmt ein hohes Maß an Disziplin, immer zu wissen, was man sagen und was man weglassen will.

Bugge Wesseltoft: Auf meinem ersten Album hatte ich so viele verschiedene Ideen verarbeitet, weil ich noch keine Ahnung von den Möglichkeiten elektronischer Musik und ihrer Kombination mit akustischer Musik hatte. Das war eine gigantische Mixtur verschiedener Stile. Von diesem Album an habe ich immer organischere Verbindungen zwischen beiden Prinzipien gesucht. Wie finde ich die besten Sounds, wie programmiere ich die stimmigsten Rhythmen? Moving war meine bis dahin tiefste Reise in die elektronische Welt, auch wenn ich mit akustischen Instrumenten arbeitete. Auf dem neuen Album wollte ich aber ein wenig zurückschauen. Es ist wie ein Panorama der letzten Jahre. Wenn du in einen Club gehst und Up-Beat-Musik zwischen 120 und 140 bpm hörst, kann das cool sein, aber irgendwann wird es zuviel. Musik verlangt nach Abwechslung. An der Club Music liebe ich diesen Sog, der dich augenblicklich erfasst. Dieses massive Gefühl für Trance. In diesem Segment habe ich aber in letzter Zeit nichts Aufregendes mehr gehört. Auf Film Ing wollte ich mich von dieser Erfahrung aus wieder der Musik annähern, die ich über die Jahre gehört habe. In letzter Zeit höre ich mehr und mehr Weltmusik. Gemeinsam mit meinen elektronischen Erfahrungen und Jazz-Wurzeln ergibt das ein aufregendes Hybrid.

Wolf Kampmann: Wie erschließt du neue Quellen, und wie führst du sie in deinen Kontext ein?

Bugge Wesseltoft: Ich versuche stets, nach mir zu klingen und nicht wie Musiker, die man schon mal gehört hat. Natürlich kann man nicht vermeiden, dass Einflüsse klar erkennbar durchklingen. Aber trotzdem sollte man sich seine Handschrift bewahren. Zumindest ich selbst muss meine Signatur erkennen. Einen roten Faden, der sich durch meine Alben zieht. Und auf dem neuen Faden kann ich diesen Faden am besten erkennen. Ich habe wirklich hart daran gearbeitet, dieses organische Gefühl zu erzeugen. Ich begann mit einem dreitägigen Jam, an dem die gesamte Band beteiligt war. Daraus filterte ich die besten Parts heraus. Aber im Gegensatz zu früheren Produktionen habe ich diesmal nicht einzelne Tracks gefiltert, sondern gelungene Parts der ganzen Band mit anderen gelungenen Parts der gesamten Band verbunden. Die Musiker spielen wirklich so zusammen, wie man sie auf der Platte hört. Dass dies möglich ist, war eine wesentliche Entdeckung für mich.

Wolf Kampmann: Es ist also eine virtuelle Live-Platte.

Bugge Wesseltoft: Ja, aber eben wirklich virtuell. Ich habe sehr hart an diesen Aufnahmen gearbeitet. Es hat mich viel Zeit gekostet, die richtigen Parts zu finden.

Wolf Kampmann: Hattest du die Musik schon im Kopf, oder entstand der Sound erst bei der Produktion?

Bugge Wesseltoft: Unsere Musik basiert generell auf unserem Live-Konzept. Das neue Album resultiert aus den Konzerten der letzten beiden Jahre. Auf der neuen Platte sind aber auch drei Songs, die ich ganz allein aufgenommen habe. Das gibt der Musik ein anderes Feeling und vor allem ein größeres Spektrum.

Wolf Kampmann: Wie bist du mit Joshua Redman zusammengekommen?

Bugge Wesseltoft: Wir haben uns auf einem norwegischen Jazz-Festival kennen gelernt. Zuerst spielte seine Band, und danach blieb er, um mit uns zu spielen. Es war nicht schwer, eine Verbindung zwischen unseren Intentionen herzustellen. Wir blieben via E-Mail in Kontakt. Als ich ihn dann fragte, ob er nicht auf der neuen Platte mitmachen will, sagte er sofort zu. Er ist ein großartiger Musiker, der sich gerade in den letzten Jahren neuen Techniken und Spielauffassungen geöffnet hat.

Wolf Kampmann: Inwiefern bedingen und unterscheiden sich Programming und Improvisation?

Bugge Wesseltoft: Programming hat nichts mit Improvisation zu tun. Die Musik richtig zu programmieren, ist oft der schwierigste Teil einer Produktion. Man muss das Drum-Programming ja so organisch wie möglich gestalten. Am Ende habe ich einiges per Hand eingetrommelt, weil mir die elektronischen Drums zu steif waren. Zum Beispiel in der Ballade mit Joshua Redman. Aber Improvisation kommt nach der Programmierung. Es ist vergleichbar mit dem Sound des Pianos. Du hast zuerst das Piano mit seinem Klang, auf dem du dann improvisieren kannst. Genauso sind die programmierten Drums. Das Programming ist die Voraussetzung für Improvisation. Improvisation setzt ein, wenn alle notwendigen Sounds zur Verfügung stehen.

Wolf Kampmann: Hat deine Erfahrung mit Programming dein Verhältnis zur Improvisation verändert?

Bugge Wesseltoft: Ich finde es ungeheuer langweilig, wenn jemand ewig auf einem Saxofon oder einem Klavier über ein bestimmtes Motiv phrasiert. Für mich war es geradezu eine Erlösung, als ich herausfand, dass man auch mit Technologie improvisieren kann. Meine Software erlaubt mir so viele Möglichkeiten der Realtime-Impriovisation, die meinem ganzen Konzept von Improvisation eine völlig neue Bedeutung verleihen.

Wolf Kampmann: Erlauben dir die Electronics auch einen neuen Zugang zur Tradition?

Bugge Wesseltoft: Electronics klingen stets dann interessant, wenn man sie über ihre Grenzen hinausführt. Ich habe viel über die Kombinationen beider Klangprinzipien gelernt. Man muss dabei vorsichtig sein, denn noch langweiliger als eine endlose Solo-Improvisation ist eine endlose Improvisation über einer Drum-Machine. Wir sind immer noch ganz am Anfang der Möglichkeiten, die sich aus der Kombination von akustischer und elektronischer Musik ergeben. Allein schon deshalb, weil sich die Technologie rasant weiter entwickelt.

Wolf Kampmann: Ist da nicht ein ganze Bewegung neuer Musiker, die die norwegische Musik ständig auf ein neues Level heben?

Bugge Wesseltoft: Der norwegische Jazz war schon immer sehr gut. Seit Mitte der Neunziger gab es eine neue Entwicklung von Musikern wie Nils Petter Molvaer, Terje Rypdal, Eivind Aarset, Ketil Björnstad, Sidsel Endressen und mir, die neue Wege beschritten. Im Moment gibt es wieder eine neue Generation, die nach ihren eigenen Ausdrucksformen sucht. Aber es existiert definitiv eine enge Verbindung zwischen dieser neuen Generation und uns. Wir benutzen unterschiedliche Quellen, können aber kommunizieren. Hakon Kornstad zum Beispiel weiß alles über elektronische Musik, dringt aber auch tief in die Musik Ornette Colemans ein.

Aktuelle CD:
Bugge Wesseltoft: Film Ing (Jazzland / Universal)

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