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Kollektiv ist schöner - Nitrada
Elektronik vom 01.04.2004

Früher war das ja so: Menschen trafen sich, stellten gemeinsame Interessen fest, z.B. das Musikmachen, trafen sich wieder und nahmen die Instrumente zur Hand, um gemeinsam etwas aufzunehmen. Heute geht das anders.

Von Klaus Smit
Bild: Henning Bock

Ein einzelner Mensch sitzt zu Hause in seinem stillen Kämmerlein vor seinem ach so entfremdenden Computer, hackt sich durchs Internet oder versucht, das Beste aus der Software zu holen, die gerade zur Verfügung steht. Das stellt er dann wieder ins Netz, andere hören sich das an, nehmen Kontakt auf und man beschließt, etwas gemeinsam zu machen. Dazu trifft man sich aber nicht mehr, sondern schickt sich gegenseitig per Mail die Files hin und her, bis man der Meinung ist, dass es so jetzt gut klingt.

Bei Nitrada ist das durchaus der Fall, allerdings hat Christophe Stoll, der Mensch hinter diesem konnotierenden, aber in die Bedeutungsleere laufenden Projektnamen, eine Geschichte, die die oben angesprochenen Aspekte vereint. Denn für seine erste Band Motorambo saß er, damals noch in Stuttgart, hinter dem Schlagzeug und pflegte damit auf herkömmliche Art und Weise analoge Sounds herzustellen. Durchaus heftige, waren die erklärten Vorbilder doch Fugazi. In anderen Projekten wurde die Position fehlender Mitmusiker dann versucht mit einem Sequenced Bass Synthesizer zu überbrücken.

Ganz auf sich allein gestellt war Stoll dann, als er im Jahr 2000 nach Hamburg zog und der Rest der Band in Süddeutschland blieb. Und so besann er sich auf seinen Sampler und seinen Atari, den er später gegen einen Mac eintauschte. Mit diesem entstanden dann im Juli 2001 die ersten Stücke, die nur online zu bekommen waren, und im Juni 2002 die erste Platte, die knapp 26 Minuten lange und lediglich acht Tracks umfassende 0+, alleine. Die war zwar schon ganz nett anzuhören, aber eine gewisse technische Unausgereiftheit war ihr auch ziemlich deutlich anzumerken. Interessanter als die Musik waren da die visuellen Interpretationen von Projekten wie David Linderman, Jemma Gura, Depart, SL’K und Clemens van der Lelie, die man sich immer noch auf der Nitrada-Website ansehen kann.

Die neue Platte, We Don’t Know Why But We Do It, hat da schon ein anderes Format. Sie ist nicht nur wesentlich länger und ausgereifter, sie bringt die hinter den Songs stehenden Ideen wesentlich eindeutiger auf den Punkt. Und dazu mögen nicht zuletzt auch die beteiligten Gastmusiker beigetragen haben. So fällt als Erstes der akzentuiert in Szene gesetzte Gesang auf, den Francesco Cantone von Tellaro / Twig Infection, Kaye Brewster und Nina Sophie Schwabe beisteuerten. Die Entstehung erklärt Christophe Stoll so: »Ich habe für mein Album recht frühe Skizzen an die Gäste geschickt, um ihnen eine Idee zu vermitteln. Dann habe ich Entwürfe zurückbekommen, die ich in mein Songwriting habe einfließen lassen. Nach einem bisschen Pingpong und Rücksprachen hatte ich im Endeffekt alle externen Aufnahmen zusammen, die ich dann alleine zu den finalen Songs beisteuern konnte.

Insgesamt ist das eine sehr spannende und überraschende Arbeitsweise, vor allem, weil ich einige der Gastmusiker nie getroffen habe.« Bei den Texten hatten die beteiligten Sänger und Sängerinnen freie Hand: »Die Texte haben die jeweiligen Sänger geschrieben. Die Gastmusiker sind ja überwiegend auch Freunde, ich wollte soviel wie möglich Persönliches von ihnen in meine Musik einfließen lassen, weil ich sie auch für die Musik respektiere und bewundere, die sie selbst machen. Ich denke, wenn man einem Sänger einen Text einfach so vorsetzt, beschneidet man ihn sehr in seiner Persönlichkeit. Das ist dann auch einfach zu professionell – ich habe die Sänger ja nicht gebucht, sondern eingeladen.«

So ließ er auch einige Gitarren-Passagen von Jukka Reverberi und Corrado Nuccini von Giardini die Mirò aufnehmen und baute sie in seine Stücke ein. Dabei haben die Sounds ganz unterschiedliche Quellen, wie Stoll erklärt: »Zum Teil sind es Live-Aufnahmen von Gitarren, die dann entweder recht unbearbeitet in Songs einfließen oder aber gesampelt werden und als völlig anderer Sound irgendwo wieder auftauchen. Ich mache auch recht viel Außenaufnahmen mit MD oder Dictaphone: auf meinem Balkon, in der U-Bahn-Station, in meinem Badezimmer ... Oft nehme ich auch irgendwelche Geräusche auf – Schnalzen mit der Zunge oder Rascheln von Papier –, um diese dann anhand von Software weiter zu bearbeiten.« Und weiter: »Manchmal sample ich auch im klassischen Sinne, also bestehende andere Tonträger, das aber eher selten. Auf meinem neuen Album gibt es maximal drei solcher Samples. Die Streichersätze sind hingegen immer selbst arrangiert und programmiert, die Sounds kommen aus Sample-Bänken (Einzelnoten). Viele Synth-Sounds bastle ich selbst, vorzüglich mit NI Reaktor und / oder Absynth. Ich baue auch sehr gerne Drumkits aus Geräuschen, die ursprünglich überhaupt nichts mit Drums zu tun hatten.«

Das Ergebnis ist ziemlich wohltuend und unaufgeregt. Genau wie die Wahl der Mittel nicht dem aktuellsten Stand der Technik entspricht, klingt die Musik Nitradas auch nicht nach dem neuesten Entwurf, an dem sich Technikfanatiker abarbeiten dürfen. Im Gegenteil: We Don’t Know Why But We Do It ist eher ein Verweilen an einem schönen Ort, ein erneutes Schauen auf das, was sowieso so vor einem liegt. Diese Herangehensweise findet sich auch in der wunderschön aufgemachten Cover-Gestaltung wieder, die mit Desktop Publishing, geschredderten Collagen und Ähnlichem überhaupt nichts zu tun hat und haben will.

In bestechender und betörender Klarheit ist eine im Dunkeln von Lichtern bestrahlte Schneelandschaft zu sehen. Dazu Stoll: »Meine Cover-Fotos kommen immer von Henning Bock, einem Freund von mir, der Fotograf ist. Bei meiner ersten EP war es so, dass ich das Foto des Covers bei ihm gesehen habe und sofort meinte, das wäre mein Cover, wovon ich ihn dann auch überzeugen konnte. Für We Don’t Know Why But We Do It haben wir dann viel enger zusammengearbeitet. Er kannte die neuen Stücke auch schon sehr früh, darauf basierend haben wir gemeinsam an Ideen gearbeitet. Rahmenfaktoren wie z.B. Nachtaufnahmen und Menschenleere haben wir gemeinsam definiert. LP und CD werden auch mit einem 16-seitigen Booklet kommen, das am Cover-Foto anknüpft und als Serie gedacht ist.«

Wie gesagt: Es geht bei der Musik Nitradas nicht um etwas Exklusives, Ausschließendes, sondern um eine andere Kombination dessen, was man so hat und ist. »Das neue Album ist eine Art Rückbesinnung auf die Band-Zeit«, sagt Christophe Stoll, »mehr akustische Sounds sowie Gastmusiker bereichern das Klangspektrum, was auch in zukünftigen Live-Aktivitäten umgesetzt werden wird« (Tour mit Laptop, Schlagzeug, Gitarre, Bass und Gesang). Darauf darf man dann wiederum gespannt sein. Denn der Bedarf von auf den Monitor starrenden Menschen, deren Bewegungsradius die Größe eines Mouse- oder Trackpads nicht überschreitet, dürfte auch trotz klanglich überzeugender Darbietungen bei vielen bereits gedeckt sein. Warum nicht mal wieder eine Band ansehen (auch wenn’s vielleicht altmodisch ist)?

Aktuelle CD:
Nitrada: We Don’t Know Why But We Do It (2.nd rec / Indigo)

Weitere Informationen:
www.nitrada.com
www.nitrada.com/0+
www.2ndrec.com
www.henningbock.com


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