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Unser Mann an der Schnittstelle - Johannes Enders / Enders Room
Jazz vom 01.11.2004

»Mir geht das dauernde Gejammer derzeit auf den Geist«, grinst Johannes Enders, angesprochen auf die Krise der Musikindustrie. »Wenn man die ganze Zeit dieses Mantra ›Alles ist schlecht!‹ betet, dann ist das irgendwann auch so.«

Von Ulrich Kriest

Die Krise der Musikindustrie sei hausgemacht, die Spannung zwischen Herstellungskosten und Verkaufspreis sei nicht vermittelbar und erkläre sich wohl nur aus einer gewissen Gier heraus. Er selbst habe jedoch mehr zu tun als je zuvor, auch das erste Album von Enders Room habe sich besser verkauft als alle seine Platten zuvor. »Ich finde alles wunderbar zurzeit. Alles ist offen!«, ist denn auch der letzte Satz, den Johannes Enders an einem sommerlichen Nachmittag im oberbayrischen Weilheim ins Mikrofon spricht. Es gibt bekanntlich tausend gute Gründe nach Weilheim zu reisen, die Produktivität der dortigen Indie-Szene ist seit Jahren legendär, egal, ob man dabei - je nach Temperament - zunächst an das Tied & Tickled Trio, Console, Lali Puna oder Fred Is Dead, neuerdings eben auch an Enders Room oder Saam Schlamminger denkt.

Grund der Reise ist diesmal Human Radio, das zweite Album von Enders Room nach Monolith (2002). Es ist wieder eine bunte, aufregend unentschiedene Mischung aus elektronischen Grooves wie »Euphrat« oder »Free Filter«, feinen Balladen wie »Behind the Mirror« und einem gerappten Popsong wie »Self Observatory« geworden. Unterstützt wurde der Multi-Instrumentalist Johannes Enders dabei erneut von zuverlässigen Freunden wie Roberto Di Gioia, Rebekka Bakken, Joo Kraus, Wolfgang Haffner, Thomas Stabenow, Ed Howard, Andy Haberl und Saam Schlamminger. Dass die beiden Acher-Brüder diesmal nicht dabei sind, hat schlicht Terminprobleme zur Ursache.

Befindet sich Enders Room auf dem Weg zum aktiven Bandzusammenhang, wie es die semantische Bewegung der Albumtitel vom hermetischen Monolith zum kommunikativeren Human Radio nahe legt? Johannes Enders holt etwas weiter aus: »Also: Enders Room ist ja in meinem Verständnis das, was passiert, wenn die Musik anfängt - wie eine Blase. Obwohl eine Band existiert, die Enders Room live repräsentiert, würde ich nicht von einem Bandzusammenhang sprechen, denn die Ideen sind derzeit alle von mir: Ich brauche die Einsamkeit im Studio, die Möglichkeit, alleine im Studio Entscheidungen treffen zu können. In einer Gruppe vergisst man häufig, was man selbst eigentlich will. Ich mag es, auf möglichst viele verschiedene Arten zu arbeiten und meinen Saxofonsound in ein Projekt einzubringen, seien es Nana Mouskouri, Mars Mobil oder auch das Tied & Tickled Trio. Aber ‘ne Band gründen und zu viert an Sachen herumzuschrauben, das ist nicht so mein Ding, ich bin da eher so ein asozialer Typ (lacht).« Und das Bild vom Human Radio, dem menschlichen Radio? »Darunter verstehe ich, dass der Mensch als Empfänger funktioniert, also nicht nur über Augen und Ohren wahrnimmt, sondern auch das, was im Äther so herumschwirrt. Man kann das als Kollektivbewusstsein bezeichnen oder auch die Vorstellung assoziieren, sich auf eine bestimmte Frequenz einzustellen. Bezogen auf die Medien meint das: Man hat schon die Wahl zwischen Stefan Raab oder etwas Anspruchsvollem.«

Johannes Enders ist eher so der ernsthafte Typ, der schon mal etwas länger nachdenkt, bevor er eine Frage beantwortet, der Fragen an sich heranlässt und auch einen Tonfall nicht scheut, dessen Pathos mancher als »uncool« abtun mag. Schließlich ist er mittlerweile 37 Jahre alt, hat einige Krisen und Auszeichnungen hinter sich und ist Familienvater. Es ist also schon etwas länger her, dass der 16-Jährige sich nach dem Hören von Charlie Parker spontan entschlossen hat, ein »Jazzstar« (Enders) zu werden, weil die Musik ihm eine Freiheit zu versprechen schien, die er in der Provinz vermisste. Mit einer bürgerlichen Ausbildung zum Fernmeldetechniker luchste er seinem Vater den Deal ab, danach Musiker werden zu dürfen - und schaffte es schließlich mit einem Stipendium an die New Yorker »New School«, wo er von Musikern wie Donald Byrd, Kenny Werner oder David Liebman lernte. Dennoch folgte auf die Euphorie der New Yorker Zeit die Krise: »Nach zehn Jahren intensivsten Übens klang ich dann bestenfalls wie Irgendjemand, hatte aber keinen eigenen Sound. Da hab ich das Horn für eineinhalb Jahre zur Seite gelegt. Ich konnte meinen Sound nicht mehr ertragen, weil er mit mir nichts zu tun hatte.«

Hier kommt der Kontakt zu den umtriebigen Acher-Brüdern (The Notwist) ins Spiel, die ein Projekt angedacht hatten, auf eine interessante Weise Elektronik und Jazz miteinander zu kombinieren. Daraus wurde dann das Tied & Tickled Trio: »Meine These ist ja, dass die Elektronik dem Jazz einen neuen Raum geöffnet hat. Zuvor gab es ja bei jungen Musikern immer diese frustrierende Erfahrung des Stillstands, wenn man gemerkt hat, dass 94% dessen, was Jazz sein kann, bereits ausgedrückt worden ist.« Dennoch unterscheidet sich die Musik von Enders Room deutlich von derjenigen des Tied & Tickled Trios, nicht zuletzt, weil die Brücke zum traditionellen Jazz - etwa der Balladenform - nicht abgebrochen wurde. Darauf angesprochen grient Enders, sagt dann aber nur halb ironisch: »Mir schlagen viele Herzen in der Brust. Ich bin schon ein romantischer Typ, irgendwie. Akustische Musik hat das Potenzial, Gefühle differenzierter auszudrücken. Das ist die Stärke des Jazz! Außerdem bin ein großer Fan von Rebekka Bakken, für die ich ›Behind the Mirror‹ komponiert habe.«

Dann spricht Enders von der Art und Weise, wie die Musik von Enders Room entsteht, davon, dass er erst dann Freunde hinzu bittet, wenn sein Kompositionsprozess im Studio abgeschlossen ist. Auch, damit »die ganze Sache nicht zu autistisch« wird. Manche Tracks entstehen über Monate hinweg. Ausgangspunkt ist mal ein Groove, mal ein Sound oder das Klavier. »Es ist ein Modellieren von Tracks, aber mit einer Masse, die stets modellierfähig bleibt. Es gibt dann keine Ansagen! Die Musiker können spielen, was sie wollen.« Angesprochen auf bestimmte Vorbilder wie Molvaer oder Wesseltoft, hält Enders sich bedeckt, nennt Jaga Jazzist »interessant« - und entscheidet sich dann doch für die ganz große Utopie: »Mein Traum zielt eher auf eine Verbindung des Art Ensemble of Chicago mit Elektronik (lacht).« Oder, im Verweis auf Steve Reich, dessen handgemachte »Music For 18 Musicians« ihn noch immer schwer beeindruckt: »Mein Traum wäre es, akustisch so zu spielen, dass es wie gesampelt klingt.«

Derzeit sieht die Lage, wie gesagt, »wunderbar« aus. Johannes Enders ist ein viel beschäftigter Musiker, der nebenher noch einen Umzug und sein Familienleben auf die Reihe bekommen muss. Gerade ist Human Radio erschienen, auf den neuen Alben von Wolfgang Haffner und Saam Schlamminger ist er zu hören. Mit Fritz Pauer und Dave Liebman hat er gerade gespielt, im November wird er mit Billy Hart ins Studio gehen, mit Nana Mouskouri nach Griechenland reisen, mit Joo Kraus touren und mit DJ Spooky für den Bayrischen Rundfunk an einer Version von Kreneks »Johnny spielt auf« basteln. Bekommt man bei so einem Terminkalender nicht manchmal etwas durcheinander? »Mir gefällt es, in unterschiedlichen Umgebungen zu spielen. Nach zwei Wochen auf Tour mit einer Band brauche ich dringend Veränderung. Auf einer gewissen Ebene ist es für mich egal, mit wem ich gerade spiele. Ich lerne vom einen für das andere. Die elektronische Musik beflügelt mich auch für die Kompositionen im Trio mit Billy Hart. Wollte ich das alles auch noch trennen, würde mich das absolut überfordern. Die verschiedenen Instrumente und das Komponieren - für mich ist das ein Ganzes. Das muss allein schon aus Zeitgründen so sein. Enders Room passiert meistens nachts, wenn ich nach Hause komme und noch ein paar Stunden ins Studio gehe.«

Aktuelle CD:
Enders Room: Human Radio (Enja / Soulfood)

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