Jazzthetik - Das Magazin für Jazz und Anderes

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CD Besprechungen Februar
Reziarchiv vom 10.02.2005

Jeden Monat werden in der Jazzthetik die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch monatliche Kolumnen zu speziellen Themen. Hier einige Besprechungen zum Probelesen aus der aktuellen Ausgabe.

Fumio Yasuda
Heavenly Blue
Fumio Yasuda: p / Teodoro Anzellotti: acc / Kammerorchester Basel, Bernd Ruf
Tango In Amesa / Rain Choral / Imaginary Films For Piano & Orchestra: Retrograph – A Black White Night – Rime / Epitaph / Accordion Concerto: Nostalgia – Running In a Circus – Lament In Close Distance – Last Choral / A Song For Lucrezia / Heavenly Blue
Aufnahme: 30.6. - 2.7.2004, Klosterkirche Beinwil, Schweiz
Produktion: Stefan Winter
Spieldauer: 67:10
Winter & Winter / Edel Classics
Wertung:*****

Zu einer Zeit, zu der man mittels moderner Technik im Augenblicksblinken omnipräsent sein kann, nimmt’s nicht Wunder, dass auch der moderne Komponist ein Vielfaches an Einflüssen seiner Vorgänger aufnimmt und simultan verarbeitet. Der Japaner Fumio Yasuda, für W&W bereits auf zwei anderen Samplern (Im Zauber von Verdi und Schumann’s Bar Music) in die Rolle des imaginären, zeitlosen Pianisten geschlüpft, durchmisst die Musikgeschichte im Schnelldurchgang. Vorbeigleitende Mozartpassagen werden von Minimal Music Momenten gejagt, Fetzen aufrechter deutscher Romantik und Karl-Amadeus-Hartmann-Anklänge streichen unruhig aneinander, miteinander und umeinander herum, der »Regenchoral« gemahnt in seiner frostigen Ruhe an die litauische Komponistin Onutė Nabutaitė, in Yasudas Klavierspiel guckt der progressiv improvisierende Herbie Hancock vorbei.
1953 in Tokio geboren, absolvierte Yasuda ein klassisches, westliches Klavierstudium, kam zum Jazz, arbeitete als Studiomusiker, veröffentlichte Anfang der 90er Jahre in Japan ein erstes Album mit eigenen Klavierwerken. Da er nirgends so richtig hinzugehören scheint, weil er überall gleichzeitig ist, wird Yasuda zum Komponisten seiner eigenen Welt, einer imaginären Filmmusik, die uns irrlichternd immer wieder vorgaukelt, was sich unversehens als nicht zu fassendes Elmsfeuer entpuppt; ein eigentümlicher Kosmos, der die Integrität bestehender Strukturen einfach auflöst, dehnt, staucht und verzerrt, dass sie wie durch eine astigmatische Lupe gesehen erscheinen. Heimisch werden kann man darin schwerlich, mit vor Staunen offenen Augen und Ohren aber, ganz Geist, hindurchstreichen allemal.
Henry Altmann


Reuber
Kintopp
Stadtflucht / Überlandweg / In fernen Ländern / Brücke / Wälzende Wirrnis / Tangwald / Der geheime Garten / Schöne Fremde / Unterseeglaskuppelstadt / Tanz mit mir / Bösewicht / Für immer / Schlusskuss
Reuber: prod. / Matthias Gütlicher: g / Joseph Suchy: mastering
Spieldauer: 39:33
Staubgold / Hausmusik / Indigo
Wertung: ****

Die Umschlaggestaltung täuscht: Reuber macht jetzt nicht in populärpolitisierten Mitte-Trash - der Mann in den Stars&Stripes-Hosen und mit Cowboyhut, der offenbar gerade einen Stoffelefanten harpuniert hat, ist a) nur ein Model und b) nur eine mögliche Assoziation, die beim Hören der Musik aus jenen Hirnregionen aufsteigt, die für Bild/Ton-Feedbacks zuständig sind. Reuber, seit Katalognummer 08 ein treuer Staubgold-Künstler, hat seine Tracks entlang einer kinematographischen Narrationsstruktur angeordnet: Die Konfusion der Großstadt weicht der klaren, linearen Bewegung über Land, neue Elemente stoßen dazu, die Dramaturgie verdichtet sich mittels drängender Perkussion - Bewegung und Reise, Begegnung, Showdown und glückliches Ende, übersetzt in die Dynamik der (Computer)musik.
Mehr als einmal erinnert Kintopp allerdings an Richard Wagner. Alliterationen wie »Wälzende Wirrnis«, die zauberische Atmosphäre des geheimen Gartens (Klingsor) und des Tangwaldes (Waldweben) könnten seinen Libretti entsprungen sein. Vor allem aber inszenierte Wagner seine Opern mit Mitteln, die später allesamt in den Kanon der Tonfilmtechniken aufgenommen wurden: Leitmotivik, Schwarzblenden, Nachbildeffekt, Off-Ton, Raumtiefe - sogar Schnitte. Insofern ist Kintopp, wie die Berliner den Apparat der Skladanowskys tauften, eine Rückübersetzung dieser Techniken in den Bereich absoluter Musik - aber auch unabhängig davon eine durch die Bank gelungene Platte, die natürlich im besten Fall am Stück durchzuhören ist.
Eric Mandel

Aki Takase
Plays Fats Waller
Aki Takase: p / Rudi Mahall: bcl / Thomas Heberer: tp / Nils Wogram: trombone / Eugene Chadbourne: voc, banjo, g / Paul Lovens: dr
Lookin’ Good / Viper’s Drag / Ain’t Misbehavin’ / Handful of Keys / Any Tune, But Fats Tune / Your Feet’s Too Big / Intermezzo 1 / Do You Know What It Means to Meet Miss Orleans / Intermezzo 2 / Hold Tight / Kuroneko Yamato / Intermezzo 3 / I Have Got a Feeling I’m Falling / Tintenfisch in Wien / Kauf Dir einen bunten Luftballon
Aufnahme: 2./3. Juni 2003, Studio Vagnsson, Hamburg
Produktion: Werner Aldinger
Spieldauer: 49:30
Enja
Wertung: ****
Aki & The Good Boys
Procreation
Aki Takase: p / Rudi Mahall: bcl / Walter Gauchel: fl, ss, ts, voc / Johannes Funk: b / Heinrich Köbberling: dr, voc
Procreation / 4x durch / Hinter meinem Rücken / Dexaedo / Super Heinrich / Shijo no Ai / Schwester Ingrid / Nieren und Blasen Tee / Die Möwe / 1149 / Mit oder ohne mit / Choco Amore / Tschüß
Aufnahme: 10. & 11.3.2004, Jazzclub A-Trane/ Berlin
Produktion: Aki Takase, Werner Aldinger
Spieldauer: 55:07
Enja
Wertung: ****

Nach W.C. Handy nun also Fats Waller. Der Erfolg der überaus gelungenen ersten Adaption eines Jazzklassikers hat die Berliner Pianistin Aki Takase wohl auch dazu veranlasst, noch einen draufzulegen. Mit geringfügig veränderter Besetzung - zum bewährten »Stamm« kommt Trompeter Heberer, Eugene Chadbourne »ersetzt« Fred Frith (sic!) - wird im Vergleich zum ernsteren Vorgänger weitaus tiefer in den anarcho-skurrilen Humor hineingegangen. Mit Feuereifer und technischem Können werden die Standards in den Häcksler gesteckt. Bevor’s aber des Gemetzels zu viel wird, wirft irgendeiner einen rettend’ Rhythmusrest, ein Lick in die Waagschale oder auch mal das Handtuch - und flugs findet man sich im fröhlichen Two-Beat wieder zusammen. Vielerlei Freestyle-Passagen lassen den Protagonisten Spielraum, ihre speziellen Solofähigkeiten zu demonstrieren (auch, um die Stücke zu strecken?), »lockern« Themenschrapnelle und Anleihen der Jazzgeschichte nicht vorhandene Stringenz auf, ebenso der Leierkasten-Gesang Eugen Chadbournes, in summa eine rhapsodische Slapstick-Artistik auf dem Boden goldnen Handwerks, bei der sich zuweilen das Aufnahmeband um die Spule gewickelt zu haben scheint.
Bei Aki & The Good Boys werden erst recht keine Gefangenen gemacht. Häckseljazz und Hackfleisch-Blues, bei dem mit Holper, mal mit Polter aus der determinierenden Stilistik ins Freie gegroovt, abrupt und häufig den Fluss unterbrechend quer geschossen und aus der Jazzgeschichte zitiert wird. Heinrich Köbberlings Rückraum deckendem Schlagzeugspiel zum Trotz herrscht hier Swing ohne Zwang, so dass sogar mal im eleganten »Choco Amore« entspannt à la français abgegroovt wird. Ansonsten gibt’s zackig-zickigen Jazz auf Zuruf - ein Schrei, ein Blick, alle rennen, diesen zu erfüllen, in neuen Tempi davon, überraschende Endings, Schluss ist, wenn’s halt aus ... geht. Im kollektiven Handgemenge fällt den Überblick zu bewahren bisweilen schwer, doch zum Glück verlaufen sich die Protagonisten nur selten im Unterholz solistischen Vollzuges, so dass die meisten Stücke binnen vier Minuten erlegt wurden. Also genau die richtige Platte, um auf einer Tanz-Party so richtig für Stimmung zu sorgen.
Henry Altmann


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