Jazzthetik - Das Magazin für Jazz und Anderes

Artikel

HOME

Flach am Boden liegend: Grüße von der Basis
Literatur vom 01.11.2005

Es gibt legitime Nörgeleien. Etwa am Verhältnis zwischen Musik und Politik. Da treffen dann Trüffelschweine auf Blindenhunde, Politiker auf Überzeugungstäter, die viel zu viele Opern durch viel zu viele Töne entstellen. Mitunter findet man auch einen vollkommen netten, betrunkenen Erfolg? O, na, nie!

Erfolg sei, so die herrschende Meinung in Ton angebenden In-Groups, die Bankrotterklärung der wahren Kunst. Erfolg müsse um der Kunst wegen verhindert werden. Nur so könne die Kunst ganz zu sich kommen. Wahre Kunst verprelle und erschrecke das Publikum.
Wer dieser Denke folgt – und Frank Miller führt in seinem Insiderbericht aus der schweizerischen Szene namens Blindenhund für Wohlstandskinder ein Musterbeispiel der Erfolgsverweigerer vor -, sollte möglichst schnell eine Band gründen, sich einen Manager suchen und dann der eigenen Unpopularität zuarbeiten. Also etwa eine CD aufnehmen, sich aber der Promotionarbeit verweigern. Sich im Radio vorstellen? Och nö! TV-Auftritte? Bitte nicht! Im Vorprogramm einer bekannten Gruppe touren? Auf gar keinen Fall! Man könnte ja gesehen und gehört werden! Und zu Proben und anderen Terminen kann man ja auch möglichst zeitversetzt zu anderen Gruppenmitgliedern kommen. Und Instrumente, die kann man irgendwo liegen lassen. Im Dienst für die Kunst und gegen den Erfolg ist alles möglich, sogar – nach Erreichung einiger Achtungserfolge – eine einjährige »kreative Pause«. Die soll der Kunst und dem Bekanntheitsgrad nutzen. Danach dürfte sich wohl niemand mehr an die Band erinnern.
Der Manager dieser Gurkentruppe, also Frank Miller, nahm daraufhin den Hut und verabschiedete sich von der real existierenden Dummheit im Musikgewerbe. Mit viel Sarkasmus erzählt er in Tagebuchform von den Berg- und Talfahrten mit einer Gruppe, für die es keinen Platz in dieser schnöden Welt zu geben scheint. Kleine Beobachtungen aus seiner Alltagswelt belegen die Wahrhaftigkeit seiner Schilderungen. Etwa die Notiz von Dienstag, dem 26. August 2003: »8.30. Wecken. Onanieren. Frühstücken (das gestern geerntete Gürklein, drei Spiegeleier, ein Glas Multivitaminsaft).« Oder am Donnerstag, 18. Dezember 2003: »Trinke was. Onaniere.« Ja, das ist wahr, das muss stimmen, so ist es. Und der Kulturhistoriker wird dem zustimmen und verzwickte Bezüge zwischen Einsamkeitsaposteln, Popularitätsverweigerern, Handarbeitern und Künstlern, Weltfremdheit und Musikbusiness konstruieren können und diese kleine Abrechnung mit verquasten Musikern auf eine Meta-Ebene heben. Aber man kann dieses Büchlein auch einfach so lesen und sich wundern. Und darüber Nachdenken, wie die Einträge im Tagebuch gelautet hätten, wenn die Band Erfolg gehabt hätte. Etwa: »12.30. Aufwachen. Groupies verjagt. Opulentes Mahl genossen.« Erfolg ist doof.
Adrian Wolfen

Frank Miller: Blindenhund für Wohlstandskinder – Tagebuch eines Musikmanagers. Schweiz 2005, Bong Verlag, 223 Seiten.


Preisrätsel

Auf einen Blick: Gewinn! Glück!

Was darf sich ein Musiker auf gar keinen Fall wünschen:
Siefolg, 2) Erfolg oder 3) Esfolg?
Wer die richtige Antwort weiß und sie der JT bis zum 18.11. mitteilt, kann Erfolg bei der Verlosung von drei Büchern des Musikmanagers Frank Miller Blindenhund für Wohlstandskinder und drei Kappen mit Blindenhund-Motiv haben, die der Bong Verlag großzügig zur Verfügung gestellt hat. Also, Augen auf und mitgeraten!





[ Home ] [ Drucken ]

MEDIADATEN