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Andy Summers
Jazz
Tribute-Alben sind kein neues Phänomen, doch erfreuen sie sich gerade im Jazz seit etwa zehn Jahren wachsender Beliebtheit. Oft wird die Tributmanie auf mangelnde Eigenkreativität heute lebender Musiker zurückgeführt. Doch das ist Unsinn. Tribute-Alben stehen nur für eine wesentlich konzentriertere und bewusstere Verwaltung des Standardrepertoires, als das noch in den Fünfzigern und Sechzigern der Fall war, in denen man sich oft ziemlich wahllos durch die Standards spielte.
Interview von Wolf Kampmann Wenn der ehemalige Police-Gitarrist Andy Summers nun mit Peggy’s Blue Skylight ein Charles-Mingus-Tribute einspielt, ist daran an sich nichts Verwunderliches. Zum einen erfreut sich Mingus derzeit eines erstaunlichen Revivals, zum anderen ist Andy Summers schon Ende der Achtziger ins Jazzlager konvertiert. Außerdem hat er mit seinem letzten Opus Green Chimneys schon Thelonious Monk gehuldigt. Genauer gehört ist das Album dennoch eine Zäsur im Gesamtwerk des Gitarristen. Sein Ton klingt selbstbewusster, tiefer und ungeschliffener als in der Vergangenheit. Die wahre Stärke der Platte liegt jedoch in ihrem konzeptionellen Bogen. Summers beginnt mit einem Stück, das fast wie ein Verweis an The Police klingt, lässt Debbie Harry und den Rapper Q-Tip ans Mikro, spielt mit den Jazz Passengers und dem Kronos Quartet. Sowohl als Denker als auch als Spieler hat der in Los Angeles lebende Andy Summers eine neue Position bezogen.
Wolf Kampmann: Peggy’s Blue Skylight ist ein viel intensiveres Statement als die letzten Alben. Hat das etwas mit dem Geist und der Persönlichkeit von Charles Mingus zu tun?
Andy Summers: Ich würde nicht sagen, dass die neue Platte tiefer geht als die vorherigen. Ich versuche jede Platte mit viel Sensibilität zu versehen. Sicher war es keine einfache Platte. Ich war jedoch ein wenig darauf vorbereitet, da ich ja letztes Jahr schon die Platte mit der Musik von Thelonious Monk gemacht hatte.
Wolf Kampmann: Worin lag der Unterschied zwischen Mingus und Monk?
Andy Summers: Es war gar kein so großer Unterschied. Die Art und Weise, wie die Musik zustande kam, war dieselbe. Vielleicht bin ich mit der Mingus-Platte ein Stück weiter gegangen und habe das Spektrum erweitert, indem ich mit Musikern wie dem Kronos Quartet gearbeitet habe. Aber die Methoden waren dieselben. Erst einmal herausfinden, welche Stücke sich überhaupt eignen, das Material dann bearbeiten, die Rhythmen verändern, die Stücke in bestimmte Kategorien unterteilen. Die Form des Albums stand schon fest, bevor ich überhaupt mit den Aufnahmen begann. Das Monk-Album hatte gut funktioniert, und ich war gespannt, ob sich dieses Prinzip auch auf Mingus übertragen ließ.
Wolf Kampmann: Für mich bestand der Unterschied darin, dass Thelonious Monk zwar ein großer Jazz-Musiker war, aber er war eben nur ein Musiker. Charles Mingus hingegen ging stets über den Jazz-Kontext hinaus. Er war ein politischer Fighter. In seiner Musik waren bereits alle Informationen des HipHop enthalten. Junge Menschen können heute mit Mingus viel mehr anfangen als mit Monk.
Andy Summers: In der Persönlichkeit lag sicher ein großer Unterschied. Es gab aber auch Gemeinsamkeiten. Ich habe mich für diese beiden Musiker entschieden, weil sie zwar Jazz-Musiker waren, aber eine ganz eigene, klar zu bestimmende Welt geschaffen haben. Beide waren keine Bebop-Musiker. Monk gehörte zwar zum Umfeld von Charlie Parker und Dizzy Gillespie, aber er schuf auch ein Universum, das mit Bebop überhaupt nichts zu tun hatte. Es war viel langsamer. Seine persönliche Schöpfung. Mingus kam zwar aus dem Bebop, aber er war viel stärker von Ellington und klassischer Musik beeinflusst. Monk war sehr zurückhaltend und introvertiert. Er redete nicht viel und hatte mit seiner Musik auch wenig zu sagen, das über die Musik hinausgegangen wäre. Mingus hingegen teilte sich unentwegt mit. Er hatte ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein und ein daraus resultierendes Mitteilungsbedürfnis. Ganz anders als Monk. Es ist sicher richtig, dass man heute leichter Bezug zu Mingus findet als zu Monk.
Wolf Kampmann: Vielleicht ist es ja dieser kämpferische Gehalt in Mingus’ Musik, der deinen Gitarrenton so sehr verändert.
Andy Summers: Ich habe sicher viel von seiner Energie und Aggression in meine Musik fließen lassen. Außerdem habe ich viel mit Sue Mingus gesprochen und Teile des Albums in New York aufgenommen. Es war, als würde Mingus direkt zu mir sprechen. Ich habe auch mit Sy Johnson gearbeitet, der ja mit Mingus gespielt hatte. Er erzählte mir viele Geschichten von ihm. Das gab mir ein starkes Gefühl für Mingus. Genau das wollte ich.
Wolf Kampmann: Die Schwierigkeit besteht ja sicher darin, ein Tribute-Album nicht wie ein Museum klingen zu lassen, sondern wie ein Stück zeitgenössischer Musik.
Andy Summers: Genau das ist der Punkt. Ich habe keinerlei Interesse, Mingus zu rekonstruieren oder ein genuines Straight-ahead-Jazz-Album zu machen. Ich bringe seiner Musik doch viel mehr Respekt entgegen, wenn ich sie in einen aktuellen Zusammenhang stelle. Das Album ist auf der Gitarre entstanden, einem Instrument, mit dem Mingus überhaupt nicht gearbeitet hat. Allein dieser Umstand versetzte seine Stücke schon in einen anderen Kontext. Ich versuchte auch nicht, wie Mingus zu denken, obgleich ich wissen wollte, wie er dachte. Aber das kam nicht überall gleich gut an. Die meisten Reaktionen auf die Platte waren sehr positiv. Nur ein Kritiker des Downbeat meinte, die Gitarre wäre das unpassendste Instrument überhaupt, um Mingus zu interpretieren. Diese Haltung ist es genau, was dem Jazz heutzutage die Luft abdrückt. Im Jazz geht es doch gerade darum, zu jedem Zeitpunkt die Parameter zu verändern. Es ist eine vitale Musik, die mit der Zeit geht und nicht 1959 gestorben ist.
Wolf Kampmann: Schließlich geht es um Stimmen.
Andy Summers: Das Konzept der Platte bestand ja gerade in der Frage, wie ich seine Musik auf die Gitarre zuschneiden kann. Dazu musste ich viele Veränderungen vornehmen. Aber er selbst schuf alle Voraussetzungen, schöpferisch mit seiner Musik umzugehen. Mingus experimentierte mit seiner Musik, spielte die Stücke in seinen Workshops in unterschiedlichen Tempi und hielt sich selbst an keine Regel. Ich brauche daran nur anzuknüpfen. Ich rekreiere seine Welt, indem ich mich nicht an seine Vorgaben halte.
Wolf Kampmann: Sue Mingus sagte mal zu mir, sie hätte das Gefühl, er würde noch in seinem Sessel sitzen oder während der Konzerte der Mingus Big Band merkwürdige Geräusche auf dem Bass von sich geben. Irgendwie scheint Charles Mingus noch präsent zu sein.
Andy Summers: Ich war in Sue Mingus’ Apartment, und du fühlst, dass er da ist. Überhaupt in New York. Die Stadt verströmt heute noch die Energie, die immer in Mingus’ Musik vorhanden war. Sue Mingus ist eine starke Frau, die seinen Spirit am Leben hält. Sie trägt wesentlich dazu bei, dass Mingus heute immer populärer wird.
Wolf Kampmann: Wobei man auch den Einfluss von Monk beispielsweise in der Musik von Marc Ribot hören kann. Auch er ist ja ein Gitarrist, der sehr kreativ mit diesen Informationen umgeht. Man kann die direkte Verbindung zwischen beiden sehen.
Andy Summers: Ich habe Marc Ribot gerade erst gesehen und finde, er ist einer der wichtigsten Gitarristen, die es zur Zeit gibt. Er hat einen ganz starken Ton.
Wolf Kampmann: Monk hat ja auch nicht viel mit Gitarristen gearbeitet. Könntest du dir vorstellen, beispielsweise ein Wes-Montgomery-Album zu machen?
Andy Summers: An sich schon. Andererseits stellt sich die Frage, warum ich das tun sollte. Er war Gitarrist, und ich bin Gitarrist. Was kann ich ihm also noch hinzufügen? Das ist mir nicht interessant genug. Er war sicher ein einflussreicher Gitarrist und ein großer Innovator. Manche seiner Stücke sind auch ganz schön. Als Komponist spielte er aber nicht in derselben Liga wie Monk oder Mingus. Er war einfach ein brillanter Improvisator. Aber er ließ sich zu sehr vom kommerziellen Erfolg locken. Monk und Mingus waren da ganz anders.
Wolf Kampmann: Es gibt ja derzeit Dutzende von Monk- und Mingus-Tributes. Ist es hilfreich, aus England zu kommen, um auf die amerikanische Musik einen anderen Blickwinkel zu kriegen?
Andy Summers: Das ist schon möglich. Als ich in England aufwuchs, waren diese ganzen Jazz-Legenden natürlich ständig bei uns zu hören, und trotzdem kamen sie aus einem anderen Land. Sie waren immer etwas legendärer, als hätte ich sie aus der amerikanischen Perspektive erlebt. Außerdem kam ich eben nicht aus New York und verarbeitete die Informationen ihrer Musik auf ganz andere Weise. Es war nicht mein Alltag, und das macht mich unbefangen.
Wolf Kampmann: Im Gegensatz zu deinen früheren Platten arbeitest du ja auf der neuen nicht nur mit Sidemen, sondern mit festen Bands wie den Jazz Passengers oder dem Kronos Quartet. Wie hat das funktioniert?
Andy Summers: Ich wollte auch ein, zwei Stücke mit Gesang auf der Platte haben, zum Beispiel diesen wunderbaren Song Weird Nightmare, aber keinen dieser gewöhnlichen Jazz-Sänger benutzen. Nicht, dass es keine guten gäbe, aber ich dachte, Debbie Harry wäre geeigneter. Sie war vier Jahre mit den Jazz Passengers unterwegs, und ich wusste, sie würde das perfekte Feeling dafür mitbringen. Ich rief sie an, schlug ihr die Zusammenarbeit vor, und sie war sofort einverstanden. Als ich mich mit Debbie unterhielt, sagte ich mir, dass ich vielleicht auch mit den Passengers arbeiten sollte. So ergab eine Idee die andere. Ich fand es interessant, mit einer Gruppe zu arbeiten, die einen eigenen, charakteristischen Sound entwickelt hat. Das gab dem Track ein völlig anderes Feeling als die Stücke, die ich nur mit Session-Musikern eingespielt hatte. Dadurch, dass ich unterschiedliche Konstellationen gewählt hatte, wurde die Platte viel spannender. Das Kronos Quartet schwebte mir schon zu einem ganz frühen Zeitpunkt vor. Ich wollte für sie ein Stück wählen, das weniger bekannt ist und auf diese Weise zurück an die Oberfläche gelangt. Myself When I Am Real ist eine großartige, aber wenig bekannte Piano-Improvisation von Mingus. Sie ist ganz mystisch und hat Parts, die an die Musik des mittleren Ostens erinnern. Das perfekte Stück für elektrische Gitarre und String Quartet. Das Arrangement schrieb Sy Johnson Kronos auf den Leib. Sie leben wie ich an der Westküste, ich kontaktierte sie, und sie waren total interessiert. Das war keine einfache Session. Ich musste mich mit meiner elektrischen Gitarre in eine Gruppe hineinfinden, die seit 26 Jahren zusammenspielt. Aber es funktioniert.
Wolf Kampmann: Überraschend war ja auch, dass du den Rapper Q-Tip von A Tribe Called Quest für Goodbye Pork Pie Hat eingesetzt hast.
Andy Summers: Es ging mir um eine starke Interpretation der Musik von Mingus. Er war ja ein Mann der Worte, der sehr eindrucksvolle Texte schrieb. Ich wollte sie nicht einfach so runtersingen lassen. Deshalb fand ich es besser, einen Rapper einzusetzen. Ich kriegte ein Gedicht von Sue Mingus und ließ es Q-Tip gegen Goodbye Pok Pie Hat, einen der bekanntesten und emotionalsten Songs von Charles Mingus, rappen.
Wolf Kampmann: Durch die Auswahl der Stücke, die Besetzungen, die Reihenfolge und den dramaturgischen Bogen ist die Platte ja nicht nur eine Kollektion von Mingus-Songs, sondern eine Sinfonie über die Musik von Charles Mingus.
Andy Summers: Ich wollte ein allgemeingültiges Statement zu Mingus abgeben, das der Hörer von heute versteht. Nicht nur einfach Stücke spielen, in denen jeder mal ein Solo abdrückt. Es sollte eine Skulptur werden, die aus jedem Blickwinkel anders aussieht. Es hat mich wirklich viel Zeit gekostet, diese Platte zu machen. Wenn du mit einem Konzept beginnst, weißt du ja nie, was am Ende rauskommt. Es gibt keine Fabrikationsanleitung für ein solches Projekt. Du hast bestimmte Ideen, manche davon gehen auf, aber andere entwickeln sich in eine Richtung, die du gar nicht absehen kannst. Das Gesamtbild ist am Ende ein völlig anderes, als du zu Anfang vor Augen hattest, auch wenn du noch so gut vorbereitet warst. Fest steht, dass ich nach der Monk-Platte etwas Komplexeres formulieren wollte.
Wolf Kampmann: Du lebst ja in Los Angeles, aber deine Musik klingt viel mehr nach New York.
Andy Summers: Ich lebe in Los Angeles. Die Stadt hat jedoch keinerlei Einfluss auf mein musikalisches Denken. Ich wohne einfach nur hier. Aber die Musiker, mit denen ich spiele, stammen meist aus New York oder sind zumindest von der dortigen Szene beeinflusst.
Wolf Kampmann: Hast du bereits ein Thema für dein nächstes Album?
Andy Summers: Normalerweise tendieren solche Projekte ja immer in Richtung drei. Als ich die Monk-Platte machte, lagen mir solche Gedanken völlig fern. Dieses Projekt inspirierte mich aber zu Mingus, und jetzt denke ich eben über den nächsten Musiker nach. Es ist eine wunderbare intellektuelle Erfahrung, sich mit einem solchen Gedanken vertraut zu machen und ihn bis zur letzten Konsequenz durchzuhalten. Am Ende fühlst du dich stärker. Ein Vorteil ist, dass du nicht von einem Vakuum ausgehst, sondern einen Riesenfundus hast, mit dem du arbeiten kannst. Es kommt auf deine Interpretation an. Die Musiker, über die ich zur Zeit nachdenke, sind Bill Evans und John Coltrane. Auch Horace Silver schrieb ein paar unglaubliche Melodien.
Wolf Kampmann: Warum machst du kein Jazz-Album mit Songs von Police?
Andy Summers: Wäre das nicht eine interessante Idee? Könnte sich gut verkaufen. Reinterpretationen? Gute Stücke. Warum eigentlich nicht?
Wolf Kampmann: Vor Police hast du ja bei Soft Machine gespielt. Inwiefern hilft dir diese Erfahrung jetzt bei deinen Jazz-Alben?
Andy Summers: Ich war nicht lange bei Soft Machine. Aber zumindest einige Zeit. Als Teen-ager war ich ein großer Fan von amerikanischem Jazz. Lange bevor ich mich für Rock interessierte, begann ich auf der Gitarre Jazz zu spielen. Der Jazz war immer in meinem Spiel. Auch bei Police hatte ich Jazz-Phrasen im Kopf. Als Musiker siehst du eine Beziehung zwischen allen Dingen, die du tust. Soft Machine, Police, die Jazz-Alben — all das macht meinen musikalischen Charakter aus. Manchmal ist es schwer zu bestimmen, wo welcher Einfluss zum Ausdruck kommt, aber Soft Machine war eine wichtige Erfahrung, weil diese Band sich auf einem ganz unkonventionellen Weg an die Musik angenähert hat. Diese Musik war für mich völlig neu, denn ich kam ja aus dem Jazz, die gingen aber in eine ganz andere Richtung. Du packst diese Erfahrungen in deinen mentalen Computer, und irgendwann kommt etwas ganz anderes dabei raus.
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