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Natasha Atlas - Die Sirene von Babel
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Für Natacha Atlas gibt es kaum Schubladen. Angefangen bei ihrer Herkunft (der Großvater war ein arabischer Jude der in Kairo lebte, die Mutter Engländerin, aufgewachsen in Brüssel und London) bis hin zu ihrer musikalischen Karriere entzog sie sich allen landläufigen Kategorien. Als Sängerin von Transglobal Underground setzte sie Akzente im Soundtrack des global meltdown und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sich auf Solopfade wagte und sich plötzlich und unverhofft, nach all den Jahren des dem Trend hoffnungslos voraus eilen, mitten in der Weltmusikeuphorie als gefeierter Star wiederzufinden. Nach drei Soloalben verabschiedet sie sich vorerst aus der wohl kalkulierten Vorhersehbarkeit, aber nicht ohne noch einmal Maßstäbe zu setzen.
Autorin: Angela Hermes. So abenteuerlich die Geschichte der Musikerin, so abenteuerlich sind auch die Treffen mit ihr. Nicht umsonst gilt sie als eine Diva und vor einigen Jahren hätte sicherlich auch nicht viel gefehlt, dass eine Diskussion mit ihr für mich mit anderen als nur verbalen Argumenten geendet hätte. Aber Natacha Atlas weiß um ihre Schwächen und hat sich im Laufe der Jahre um vieles zurück genommen. Erschien sie damals noch als ehrgeizige Sängerin, die vom Ehrgeiz wenn nicht zerfressen so doch aber angenagt war, hat sie der Erfolg der letzten Jahre innerlich gestärkt und äußerlich gelassener werden lassen. Heute erscheint sie gereift und spricht mit einer erstaunlichen Gelassenheit und einem kritischen Abstand zu sich selbst über ihr letztes Album und kündigt dann überraschend an, den so erfolgreichen Weg der letzten Jahre nicht weiter gehen zu wollen. Und auch das Leben zwischen Kairo und London scheint nicht mehr die Erfüllung zu sein. Vorwärts in alle Richtungen, kündigt sie an, doch nicht ohne den großen Knall zum Abschied. Und dieser Knall heißt Ayesheteni.
Auf ihrem ersten Solo-Album war es gerade einmal ein einziges Lied, in dem sich Natacha Atlas eine kleine ägyptische Streichergruppe leisten konnte. Für mehr fehlte einfach das Geld. Inzwischen aber hat sie den Status der Undergroundheldin der Weltmusik hinter sich gelassen, tourte mit den alten Rockheroen Page und Plant, sang auf unzähligen Platten hochdotierter (Mainstream-)Stars von Sting bis Peter Maffay und Jean Michel Jarre. Plötzlich war sie jedermanns Liebling und auch die eigenen Plattenverkäufe gingen sprunghaft in die Höhe. Nun hat sie sich ihren Traum erfüllen und ein komplettes Album mit einem großen Streichorchester aufnehmen können. Und je tiefer sie sich in die Shaabi-Musik einlebte, desto mehr verließ sie auch die globalen Musikaspekte, die früher ihre Musik auszeichneten. »Es gibt einige Aspekte, die ich an der Shaabi-Musik sehr mag. Es ist eine Art von arabischer Protestmusik, die nicht politisch höchstens philosophisch ist. Mehr wäre verboten gewesen. Auch musikalisch ist Shaabi eine Gradwanderung zwischen klassischer arabischer Musik, zwischen traditioneller Musik und anderen Einflüssen aus dem Mittelmeerraum, die vor etwa hundert Jahren nach Ägypten kamen. Daraus entwickelte sich Shaabi als eine Art moderner Popmusik, die seit gut zwanzig Jahren die verbreitetste Musik in Ägypten ist.«
Doch genau wie Shaabi im Augenblick in der Entwicklung stagniert, so sieht auch Natacha Atlas für sich selbst keine rechte Entwicklungsmöglichkeit in diesem Umfeld mehr. »Man könnte sagen, dass sich mein Traum erfüllt hat und ich damit abschließen kann. Jetzt steht die nächste Metamorphose an und es ist Zeit, neue Felder zu erschließen. Ich dachte, ich hätte mein Feld in der arabischen Musik gefunden und könnte dort bleiben. Aber das war ein Fehler.« In dieser Klarheit war die Aussage gerade pünktlich zur Veröffentlichung des Albums kaum zu erwarten. »Das heißt aber nicht, dass sich mein Gesang verändern wird. Doch ich werde nicht mehr so einfach auf eine Art Musik festzulegen sein. Ich will mich davon befreien. Ich habe diese Reise gemacht, bin wieder zu hause angekommen und nehme jetzt Eindrücke und Erfahrungen dieser Reise mit auf die nächste. Wohin die mich führt, wird die Zukunft zeigen.«
Heißt das auch, dass damit die bis zum aktuellen Album andauernde Zusammenarbeit mit den alten Mitstreitern von Transglobal Underground zum erliegen kommt? Die Antwort klingt dann doch etwas ausweichend. »Wir waren einfach so lange zusammen, dass wir vielleicht ein wenig müde sind. Erst die Touren mit Transglobal, dann meine Touren mit den Musikern von Transglobal, dann wieder ins Studio – wir drehten uns beinahe nur noch um uns selbst. Da sagte ich mir, dass ich mich lieber um meine eigenen Sachen kümmere und mir war nicht klar, wie sehr ich sie vermissen würde. Es waren einfachere Tage, weniger Stress für mich, weniger Verantwortung für mich. Wir standen damals jenseits aller stilistischen Grenzen, in denen ich mich später plötzlich gefangen sah. Aber ich musste diese Reise für mich selbst machen.«
Eine Rückkehr in den alten Kreis von Transglobal Underground scheint aber nicht anzustehen. Natacha Atlas hat sich inzwischen von einem anderen musikalischen Freigeist anstecken lassen, von Nitin Sawhney. Der lieferte mit seinem Remix von Manbai als letztem Track des neuen Albums auch den glanzvollen Höhepunkt eines Albums, das ansonsten noch zwei sehr interessante Coverversionen aufweist. Screamin‘ Jay Hawkins hätte wahrscheinlich diebische Freude, könnte er die arabische Version seines Klassikers I Put a Spell on You noch selbst erleben während frankophile Chansonliebhaber eher Schwierigkeiten mit der Neueinspielung von Brels ne me quitte pas haben dürften.
Doch gerade letzteres ist eine Hommage nicht nur an den großen Belgier sondern auch und vor allen Dingen an ihre vielen französischen Fans. Immerhin ist sie in den Grande Nation ein veritabler Star, der nicht nur das Olympia sondern auch die Charts im Sturm eroberte. Aber Paris wird wohl nicht in das magische Städtedreieck Brüssel, London, Kairo eindringen können, in dem sich Natacha Atlas bewegt. »Kairo treibt mich manchmal regelrecht zum Wahnsinn, aber aus dem einen oder anderen Grund werde ich immer dorthin zurückkehren, so wie ich auch immer wieder nach Brüssel oder London gehen werde. Als ich vor einigen Jahren nach Kairo zog, war es erst wie eine große Befreiung für mich. Ich habe viel von meinen kulturellen Wurzeln neu entdeckt – inzwischen ist es eine richtige Hassliebe zwischen der Stadt und mir geworden. Aber ich habe seit den Aufnahmen für dieses Album auch einige Zeit in Athen verbracht und dort schon an neuem Material gearbeitet. Ich mochte Athen sehr, vieles erinnert mich dort an den Osten, an dessen Weitläufigkeit und Spiritualität, während Du doch immer sicher bist, auch noch in Europa zu sein. Vielleicht wird das ja eine neue Stadt in meinem Leben!?«
Zuvor muss sie aber noch das bisher letzte Kapitel ihrer so erfolgreichen Karriere endgültig beenden, bevor sie sich neuen Projekten und neuen Städten zuwenden kann. Aber vielleicht sind ja schon neue Songs auf der anstehenden Tour zum Album Ayeshteni zu hören. Eine engere Zusammenarbeit mit dem Soundtüftler Nitin Sawhney scheint beschlossene Sache. Überflüssig zu erwähnen, dass sie auch auf dessen neuem Album zu hören sein wird...
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