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Trilok Gurtu - Der mit den Trommeln tanzt
Jazz

»Jazz war früher, heute mache ich meine eigene Musik!« Damit steckt Trilok Gurtu das Terrain ab, auf dem er sich heute bewegt und worüber er im Interview sprechen möchte. In den 70er und 80er Jahren war er einer der gesuchtesten Sideman und musikalische Bezugsperson derer, die in der kontemplativen Ruhe asiatischer Musik das lang gesuchte Gegenstück zur nervenfressenden Hektik der westlichen Musikentwicklung zu finden meinten. Doch andere Musiker in ihrer Spielauffassung zu bestätigen war noch nie Trilok Gurtus Sache. Unbequem und fordernd war er wohl schon immer und seine letzten Alben beweisen auch, warum. Trilok Gurtu hat eine Mission.

Artikel: Thorsten Bednarz. Bild: Michael Felsch.
London 12.Mai. Im Barbican-Centre findet eine lange Nacht des sogenannten Asian Underground statt. Die gut 2.000 Tickets sind lange schon ausverkauft, die restlichen werden zu horrenden Schwarzmarktpreisen gehandelt. Schon in der U-Bahn wird heiß diskutiert, wer denn der eigentliche Headliner des Abends sei – Badmarsh & Sri mit ihrem neuen fantastischen Album oder Trilok Gurtu. Backstage im Barbican-Centre herrscht große Aufregung. Beinahe alles, was in der Szene indisch-stämmiger Musiker in England Rang und Namen hat, ist hier versammelt. Und beinahe jeder raunt sich zu, ob »Er« schon da sei, das große Idol, der gedankliche und musikalische Vorreiter dessen, was in England die Tanzdielen zum Brodeln bringt – Trilok Gurtu.

»Sie haben mich verstanden«, freut sich Trilok Gurtu. »Für sie zählen keine Schubladen, keine Stile. Viele von ihnen haben als DJs angefangen und die Musik aufgelegt und zusammengebracht, die ihnen gefallen hat. Neben Soul und Hip Hop waren es auch immer meine frühen Platten, die heute regelrechten Kultstatus genießen und die sonst niemand verstanden hat. Die niemand hören wollte, weil sie anders waren als das, was ich bei John McLaughlin oder anderen spielen konnte.« Womit wir doch schon wieder bei den vermeintlich glorreichen Zeiten sind. »Ich komme kaum davon los, weil ich mich immer wieder davon abgrenzen möchte. Es waren keine schlechten Zeiten. Ich hatte gut und viel zu tun, was für einen Musiker nicht immer der Fall ist. Und ich kam vielleicht auch gerade zur richtigen Zeit nach Europa, um Arbeiten zu können. Damals sprach man nicht von Weltmusik und alles, was irgendwie anders als Pop und Klassik klang, war Jazz. Also spielte ich Jazz, um damit Geld zu verdienen. Doch auch der Jazz war in einer Krise. Oft war die Musik so verschachtelt und vertrackt angelegt, dass man kaum durchsah. Ich konnte das auch bedienen und habe dementsprechend gespielt. Doch bald merkte ich auch, dass ich bei verschiedenen Auditions den Job nicht bekam, weil die Musiker sagten, das sei alles unglaublich toll und cool, aber sie könnten zu diesen vertrackten und schnellen Rhythmen nichts mehr zusätzlich einbringen. Das war auch ein Wendepunkt für mich und mir war klar, Jazz ist ein Job und eigentlich geht es nur um meine eigene Musik. ... Meine Songs sind jetzt viel einfacher und ich habe meine Lektion gelernt – mit viel Geduld! Dafür spiele ich jetzt überall auf den größten Festivals: Ich spiele in Glastonbury, Boston, Seattle mit Bands wie den Prodigy, Faithless oder REM.«

Es ist keine Abschätzigkeit, die sich hier Bahn bricht. Hochnäsigkeit oder ein übersteigertes Ego sind Trilok Gurtu fremd. Es ist eher die eigene Unruhe, die ihn immer wieder vorwärts treibt und ein sehr starkes Gefühl für Professionalität, welches er neben vieler mittelmäßiger Musik auch bei vielen Musikern schmerzlich vermisst. »Mit den Musikern in meiner Band kann ich sehr ungeduldig sein, wenn sie unvorbereitet sind, oder, noch schlimmer, unfähig zu lernen. Da ist Geduld fehl am Platze. Da muss ich meinen Job als Bandleader erfüllen und ihnen knallhart sagen, wo es lang geht. Ich weiß schon, was Geduld bedeutet. Aber, meine Güte, ich bin nicht Gott und darf auch mal die Geduld verlieren!« Und wie lernfähig er selbst ist, hat er in den letzten Jahren wieder verstärkt unter Beweis gestellt. Früher sah er sich im positiven Sinne als Traditionalist, lehnte das elektronische Equipment, das für den gleichmäßigen Beat sorgt, ab. Inzwischen haben aber doch die Computer Einzug gehalten in sein vielfältiges Drumkit. Doch Trilok Gurtu fährt keine vorgefertigten Beats ab. Er nutzt lediglich den Computer, um sich selbst live zu sampeln. Er ist ein Instrument von vielen, auch wenn es eines ist, dessen Möglichkeiten vielfältiger sind als die einiger anderer Instrumente. »Es ist wie bei allen Instrumenten eine Frage, wie Du sie beherrschst und wie Du sie einsetzt. Mehr nicht. Und wer bin ich denn, dass ich dagegen sein könnte, neue Spielmöglichkeiten auszuprobieren? Wer bin ich denn, dass ich überhaupt gegen etwas sein könnte?!«

So beschreibt er auch gerne seine neuen Songs als eine Art von Drum and Bass. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge scheint er diesen Begriff ins Gespräch zu werfen, denn eigentlich sind ihm derartige Schublagen nicht nur viel zu eng sondern auch und in erster Linie zuwider. »Ich habe auf meiner ersten Platte schon die gleiche Musik gemacht wie heute. Es war nur einfach 15 Jahre zu früh. Im Laufe der Zeit habe ich es gelernt, meine Musik einfacher zu schreiben und damit auf das Publikum zuzugehen. Nicht das Publikum braucht mich, ich brauche das Publikum. Deswegen spricht der Jazz heute auch so wenige Leute an – weil viele Musiker nur noch Standards spielen und nichts mehr riskieren. Der Jazz heute ist wie eine Religion und die ganze sogenannte Weltmusik geht in die gleiche Richtung. Je mehr Du Dich in Deinem musikalischen Gesichtsfeld einengst, desto höher musst Du die Latte Deines Anspruches legen und irgendwann versteht kein Mensch mehr diese Musik.«

Vielleicht auch deswegen sucht er auf dem neuen Album The Beat of Love (Blue Thumb/Universal) sein Heil in hochprofilierten Musikern, die überwiegend nicht aus der westlichen Musikhemisphäre stammen. Auf früheren Alben klang es fast danach, als wollten Trilok oder eher die Plattenfirma mit hochkarätigen Gästen wie Neneh Cherry, Steve Lukather oder Pat Metheny dem mehr oder weniger geneigten Plattenkäufer etwas beweisen. Inzwischen hat Trilok Gurtu mit Ravi Chary, der ehemaligen Zap Mama-Sängerin Sabine Kabongo, Amit Heri und Hilaire Penda eine schlagkräftige Band zur Seite, die im Studio noch von Angelique Kidjo, Salif Keita, Wasis Diop und vor allen Dingen Wally Badarou unterstützt wird. Für Insider sind dies durchaus klangvolle Namen, für ein Massenpublikum aber kaum ein Grund, ins Portemonnaie zu greifen. Doch hinter dieser afrikanisch/asiatischen Koalition des guten Geschmacks steckt ein Prinzip. »Es geht uns darum, Brücken zu bauen, keine Grenzen. Hier sieht man uns als Musiker der dritten Welt und zieht klare Grenzen zwischen Afrika und Asien. Aber wir sind keine Exoten, die den Soundtrack zum Urlaub abliefern. Auch wir können gute Musik machen und die Politiker im Westen könnten sich gegen eine Koalition von Asien und Afrika bestimmt nicht wehren. Der Westen hat Afrika und Asien geteilt, hat alte Nationen willkürlich auseinandergerissen und daran krankt speziell Afrika bis heute. Doch wir sind stark. Wir sind keine dritte Welt, sind keine Entwicklungsländer aus freien Stücken. Und kulturell haben wir bestimmt mehr zu bieten als Westeuropa und Nordamerika, wo die alten Kulturen seit der Industrialisierung zu einem großen Teil verschwunden sind. Was wir spielen, ist das ›real thing‹, keine kurzlebige Idee eines Produzenten für den Ruhm von fünf Minuten!« So gesehen, unterstreicht Trilok Gurtu, ist es auch keine Soloplatte sondern das Album eines Teams. Ohne seine Mitstreiter aus Afrika und Asien hätte er dieses Projekt nicht umsetzen können – weder inhaltlich noch musikalisch.

In Amerika und England beginnt man, diese neue Wahrheit zu verstehen – sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Vielleicht liegt es daran, dass die vermeintlichen »Ausländer« sich dort eher in die Gesellschaft integrierten, als dies in Deutschland der Fall ist. Ansätze zu einer entstehenden multikulturellen Gesellschaft gibt es dort eher als im wohlgeordneten Deutschland. Das gilt auch musikalisch, denn hier gilt noch die alte Maxime »Schuster bleib‘ bei deinem Leisten!«, was im Falle von Trilok Gurtu heißt »Einmal Jazz, immer Jazz«. Inzwischen nimmt er die mangelnde Anerkennung aus seiner Wahlheimat gelassen. »Wären hier nicht meine Familie und mein Finanzamt, niemand könnte mich halten!«, scherzt er. Doch wir wissen ja nur zu gut, wie viel der Prophet im eigenen Lande gilt. Und so gesehen, hat der provinzielle Mief Norddeutschlands auch sein Gutes. Es ist wie eine Umkehrung von erster und dritter Welt. Während die »weltmännischen Deutschen« zum Relaxen nach Indien oder Thailand fahren, kommt Trilok Gurtu nach Deutschland. Und noch ein Gutes gibt es: Jedes Mal vor einem Konzert ist die Wiedersehensfreude unter seinen Musikern viel größer, als würde man nahe beieinander leben und ständig miteinander proben. Das Prinzip der globalen Einheit – in Trilok Gurtus Musik sind wir ihm näher als in allen Plänen von Politik und Wirtschaft.

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