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Donnerstag, 17. Mai 2012

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Sonig - Kollektiv der Individualisten E-Mail
Von Tim Caspar Boehmesonig2.jpg
Bild: Frank Dommert

Lokale Entstehungsfaktoren

Köln ist eng. Trotz seiner Million Einwohner wirkt die viertgrößte Stadt Deutschlands besonders im Zentrum mit seinen mittelalterlich verwinkelten Straßenzügen eher beschaulich als metropolenhaft weitläufig. Die Struktur der Stadt scheint sich zudem auf das Selbstverständnis ihrer Bewohner auszuwirken: Nähe lässt einen zwangsläufig zusammenrücken, mit den bekannten Folgen – »Man kennt sich, man hilft sich« und dergleichen mehr.

Räumliche Nähe war auch entscheidend für den Werdegang des Kölner Labels Sonig. Nachbarschaftliche Verhältnisse trugen mindestens genauso stark zu dessen Entstehung bei wie die ähnlich gelagerten Interessen seiner Protagonisten. Rund um den Brüsseler Platz im Belgischen Viertel wuchs zu Beginn der Neunziger etwas heran, das einige Jahre später unter dem Namen a-musik-Szene international bekannt werden sollte - ein Zusammenschluss von Freunden zunächst, die elektronische Musik mochten und machten, für die es weder im Club noch an den Musikhochschulen viel Verwendung gab. Heute ist das Sonig-Label eine feste Adresse in der elektronischen Musik und veröffentlicht zum 15. Geburtstag im nächsten Jahr eine umfangreiche Box, in der alte und neue Mitstreiter vertreten sind. Längst kommen die Musiker nicht mehr alle aus dem Rheinland.

Doch auch die Sonig-Macher sehen in den einstigen lokalen Gegebenheiten einen Entstehungsfaktor für ihren freizügig schwingenden Klangkosmos. »Dass die Stadt nicht so groß ist, hat eine wichtige Rolle gespielt. Man hat immer mitbekommen, was die anderen so machen«, so Jan St. Werner, eine Hälfte des Elektronik-Duos Mouse on Mars und Mitbegründer von Sonig. Jan Werner war 1990 nach Köln gezogen und brachte damals Cassetten heraus, die er im Indie-Plattenladen seines Vertrauens ablieferte. Der Verkäufer mochte die Musik zwar und bot sie auch an, sah aber kaum Verkaufsmöglichkeiten. Er empfahl einen Gleichgesinnten, der eigene Platten produzierte und von zu Hause aus vertrieb: Frank Dommert, Betreiber von Entenpfuhl. So kam Werner an Dommerts Platte Kiefermusik. »Fand ich super. Im Indie-Laden gab es ja sonst kaum elektronische Musik, außer vielleicht ein paar Industrial-Sachen. Indie-Musik war halt angesagt.« Irgendwann rief er dann Dommert an. Frank Dommert hatte unter anderem Kontakt zum Musikenthusiasten Georg Odijk, der 1995 am Brüsseler Platz den Plattenladen a-musik eröffnen sollte. Dommert war schon bald beteiligt: »Es war ein sehr kleiner Betrieb, der Laden hatte nur drei Tage die Woche geöffnet, und es war gar nicht viel da zu machen. Es gab am Brüsseler Platz eine WG, in der Georg Odijk, (der Elektroniker) Marcus Schmickler und Jan Werner gewohnt haben. Die Wohnung hatte einen vierten Raum mit einem extra Eingang, und das war dann der a-musik-Laden. Wenn man da die Tür aufmachte, war man in der WG-Küche.«

Party vorbei
Zwei Jahre später änderte sich einiges am Brüsseler Platz. Jan St. Werner zog aus der WG aus, und für Mouse on Mars liefen die bisherigen Verträge mit ihrem Label Too Pure aus. Werner und sein Düsseldorfer Mouse-on-Mars-Kollege Andi Toma suchten jemanden, der ihnen etwas unter die Arme greifen sollte. Zugleich überlegten sie, ein eigenes Label zu gründen, um Mouse-on-Mars-Platten und Soloprojekte zu veröffentlichen. Mit Dommert gründeten sie dann Sonig, der sein Büro fortan im frei gewordenen WG-Zimmer hatte, um die Geschäfte des Labels zu betreiben.

»1997 war so eine Aufbruchstimmung«, so Dommert. »Die wilden Jahre mit den Partys waren ein bisschen vorbei, wir haben uns daher hingesetzt und gesagt: So, jetzt machen wir was. Es gab ja ganz viele Label-Gründungen damals in Köln, Karaoke Kalk, Staubgold (1998) oder Tomlab.« Selbstverständlich kannte und kennt man sich ebenfalls untereinander.

Auf Sonig erschienen zunächst hauptsächlich Platten von Mouse on Mars, darunter einige ihrer experimentellsten Stücke, Nebenprojekte wie Werners Sololabor Lithops oder befreundete Musiker von C-Schulz bis zu Vert. Letzteren hatte Dommert auf Werners Betreiben mühsam per Telefon in London ausfindig gemacht – das Internet war als Rechercheressource Ende der Neunziger noch sehr in den Anfängen. Vert alias Adam Butler war von der Kölner Szene so begeistert, dass er nach einer Einladung von Sonig zu seinem Köln Konzert (2000), basierend auf Samples von Keith Jarretts legendärer Aufnahme (nahezu) gleichen Titels, beschloss, komplett überzusiedeln – »ein bisschen auch wegen uns«, berichtet Dommert nicht ganz ohne Stolz.

Die Veröffentlichungen auf Sonig zeichnen sich durch einen erklärten Willen zum Experiment aus, der bei aller Ablehnung ausgetretener Hörgewohnheitspfade den mitunter verbiesterten Avantgarde-Militarismus akademisch geprägter Elektronik geschickt umschifft. Stattdessen setzt man auf (rheinischen) Humor, bastelt Dinge zusammen, die nicht zusammenzupassen scheinen, oder räumt kurzerhand mit ein paar Clubmusik-Klischees auf. Strategien gibt es in etwa so viele wie Künstler, von den schrulligen Folk- und Krautrock-Anverwandlungen der Band Workshop um den Künstler Kai Althoff und den Fotografen Stephan Abry oder der verspielt-verspulten Casio-Elektronik von Schlammpeitziger bis hin zu den elektroakustischen Exkursionen eines C-Schulz.

Kommune mit Output
Gefragt, was eigentlich die begünstigenden Bedingungen für die hohe Dichte freier experimenteller Elektroniker in Köln zu Beginn der Neunziger waren, zeigen sich die Sonig-Macher erst einmal überfragt. Jan Werner besinnt sich schließlich auf regionale Eigenheiten: »Der Individualismus in der Kunst stand im Rheinland ja immer sehr hoch im Kurs. In der Musik, in der Bildenden Kunst, auch in der akademischen Musik. Stockhausen ist schrullig und Johannes Fritsch mit seinem Feedback - echt freakig. Das war immer schon sehr speziell und nicht so klar, wo was genau hingehört.«

Auf der nun erscheinenden Jubiläumsbox Sonig Boxset Thing kann man das spezielle Spektrum des Labels gut nachvollziehen. Und damit der Humor noch etwas deutlicher wird, gibt es neben zwei CDs mit Musik aus 15 Jahren eine DVD mit reichlich Videomaterial, das vor trashigen No-Wave-Revivals wie bei dem Amiga-Krawaller Candie Hank genauso wenig haltmacht wie vor den seltsam-seriösen Videoarbeiten Rosa Barbas für Mouse on Mars. Die Labelarbeit liegt in der Hauptsache bei Dommert, was veröffentlicht wird, bespricht man dennoch gemeinsam: »Die Richtung wird immer noch abgesprochen. Wenn es um irgendwelche Entscheidungen geht, ob wir einen Künstler nehmen oder nicht, dann bekommen die beiden eine CD und müssen das hören«, so Dommert. Eine festgelegte Labelpolitik gab es nie. »Wir haben uns da immer ziemlich treiben lassen, sind damit sehr spielerisch umgegangen.« Gelegentlich sind darunter einige sogar für den offenen Sonig-Katalog überraschende Neuzugänge wie etwa die Dhirty6 Cru aus Berlin. Doch selbst deren ausgefeilt witzig-kritische Reime und nuanciert produzierte Musik fallen nur auf den ersten Blick aus dem Rahmen, ebenso wie der überdrehte Hillbilly-Pop der Multiinstrumentalistin Kevin Blechdom.

Wie Werner sagt, handelte es sich bei Sonig ohnehin mehr um ein Kollektiv als um ein klassisches Label. »Das ist wie eine Plattform, im Grunde sind wir wie eine Künstlerkommune, die einen Output hat« Mit dem Output geht es in letzter Zeit etwas langsamer, und auch bei Sonig bekommt man die schrumpfenden Umsätze der Musikbranche zu spüren. Neben Vinyl und CD gibt es längst MP3-Formate zu kaufen. Da Drommert sein Geld als Mitbetreiber von a-musik verdient, muss man sich um den Fortbestand der Künstlerkommune jedoch erst einmal keine Sorgen machen. Neben der Box steht aktuell ein neues Album von Schlammpeitziger mit exzentrischen Frickel-Disco auf dem Programm. Einen kommerziellen Ausverkauf braucht man nicht zu fürchten. Künstlerische Anerkennung hingegen kommt mittlerweile von höchst offizieller Seite: Die Sonig-Box wurde von der edition elektronik des Deutschen Musikrats gefördert. Es kann also einigermaßen zuversichtlich in die nächsten 15 Jahre geblickt werden.


Aktuelle CDs:
Various Artists: Sonig Boxset Thing (Sonig / Rough Trade)
Schlammpeitziger: Vorausschauende Bebauung (Sonig / Rough Trade)

Sonig-Auswahldiskografie:
Mouse on Mars: Idiology (2001)
Vert: The Köln Konzert (2000)
Workshop: Es liebt Dich und Deine Körperlichkeit, ein Ausgeflippter (2001)
Lithops: Uni Umit (1998)
Michel Waisvisz: In Tune (2005)
Scratch Pet Land: Solo Soli Iiiii (2000)
C-Schulz: 5.Flicker Tunes (2005)
Xberg Dhirty6 Cru: Die Reime der anderen (2009)
Kevin Blechdom: Gentlemania (2009)
Baleine 3000: Tour Manager (2011)